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Olching:Lernen in kleinen Gruppen

Weitere Klassen kehren in die Schulen zurück. Doch nicht alle Kinder und Jugendlichen haben gleichzeitig Unterricht - und manche würden lieber zu Hause in die Bücher schauen

Die meisten Achtklässler der Mittelschule Olching freuen sich sehr verhalten darüber, dass nun auch sie wieder in die Schule kommen sollen, so wie seit zwei Wochen die Neuntklässler. Sie hätten es ganz in Ordnung gefunden, wenn sie weiter zu Hause hätten lernen können, schon weil sie dann nicht so früh aufstehen müssten, sagen zwei von ihnen. "Zu Hause finde ich das besser, weil man lernen kann, wann man will", sagt einer der Buben, der gerne bis 11 Uhr um im Bett bleibt. Sein Freund sagt: "Ich lerne zu Hause besser, weil ich da alleine bin." Ohne Mitschüler, die laut seien, könne er sich besser konzentrieren. Und seine Mutter erkläre ihm, was er nicht verstehe.

Doch nun stehen beide mit coolen schwarzen Masken vor Mund und Nase auf dem Behelfsparkplatz vor dem Haupteingang der Mittelschule Olching, zusammen mit vier Mitschülern. Es ist kurz nach acht, die Neuntklässler sitzen schon in kleinen Gruppen in den Klassenzimmern. Sie dürfen als erste in die Schule, hocken zuvor aber in Grüppchen auf der großen Holzbank vor der Schule, nicht gerade im richtigen Abstand. Konrektorin Alice Nüssl zeigt immer wieder mit den Armen, wie weit der eigentlich sein sollte.

Kathrin Rieber (links) hält in ihrer vierten Klasse an der Grundschule Graßlfing wieder Frontalunterricht.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Erst wenn alle Neuntklässler in der Schule sind, dürfen auch die Achtklässler hinein. Sie sind in zwei Gruppen geteilt, Montag und Dienstag hat Gruppe A von 8.15 bis 10.30 Uhr Unterricht im Schulhaus, Mittwoch und Donnerstag Gruppe B, die jeweils andere Gruppe hat derweil Unterricht zu Hause. Wobei es dabei offenbar keine festen Zeiten gibt. Eine einzige Videokonferenz habe es während der Schulschließung gegeben, berichtet der Junge, der gerne ausschläft. Der Freitag bleibt unterrichtsfrei, denn es finden demnächst die ersten Abschlussprüfungen statt.

Schulleiter Ralf Siebenkäß, 55, begrüßt freudig die Schüler auf dem Parkplatz und erklärt, warum sie dort stehen, jeder auf einem eigenen Punkt. Die zeigen nämlich den 1,50-Meter-Sicherheitsabstand recht genau an. Nach der kurzen Ansprache geht Klassenlehrer Philipp Reiser voraus, dann dürfen die Schüler einzeln das Schulhaus betreten. Im Klassenzimmer desinfizieren sie die Hände. In einem großen Vorraum im ersten Stock ist ein Stuhlkreis aufgebaut, dort sollen die Jungs dem Lehrer und der Schulsozialarbeiterin Kathrin Schneider per Daumenzeichen kundtun, wie es ihnen geht. Nur zwei machen die Daumen hoch, und wirklich erfreut scheinen nur Reiser und Schneider über das Wiedersehen mit den Schülern zu sein. Es sind auch nicht alle gekommen, zwei fehlen. Die Neuntklässler seien wegen der bevorstehenden Prüfungen deutlich motivierter, versichert Siebenkäß.

Den Mindestabstand müssen auch die Schuhe in der Grundschule einhalten.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Wie die Prüfungen genau abgehalten werden, ist noch unklar. Denn die Mittelschüler haben einen wichtigen praktischen Teil, in dem sie etwa ein Menü planen, dafür einkaufen und es in der Schule zubereiten müssen. Im Werken fertigen sie beispielsweise ein Tablett aus Holz an. Das Essen werde die Lehrkraft jedenfalls nicht probieren, und andere Prüfungen könne man womöglich als Video verfolgen, sagt Siebenkäß. Beschlossen sei aber noch nichts.

Für die Schule sei die Rückkehr der wenigen Achtklässler noch gut zu verkraften, sagt der Rektor, auch wenn die Klassenzimmer in dem relativ neuen Betonbau recht klein seien. Wenn aber kommenden Montag auch die Fünftklässler wieder kommen dürfen, gilt es, mehr zu organisieren. Denn das sind etwa 80 Schüler, die ebenfalls auf Kleingruppen mit jeweils einem Lehrer aufgeteilt werden müssen. "Da wird's spannend", sagt Siebenkäß, der, wie momentan alle Schulleiter, das große Engagement der Schulfamilie lobt.

An der Mittelschule begrüßt Rektor Ralf Siebenkäß die Achtklässler, die sich auf Punkten aufgestellt haben, um ein Gefühl für den richtigen Abstand zu bekommen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Zwei Fünftklässler kommen schon diesen Montag, also eine Woche zu früh, zur Mittelschule. Sie gehören zur D-Klasse, in der die Kinder sitzen, die nicht besonders gut Deutsch können. Sie und ihre Eltern haben offenbar nicht richtig verstanden, wann für sie der Unterricht wieder beginnt. Die sprachlichen Schwierigkeiten dieser Buben und Mädchen sind ein offenkundiges Problem. Siebenkäß sagt, er wolle "Leute ins Boot holen, die das verdolmetschen können". Die D-Klasse macht ihm ohnehin Sorgen, nicht nur, weil die Schüler schlecht Deutsch sprechen. Viele kommen zudem aus eher bildungsfernen Familien und verfügen überdies kaum über die Geräte, die für das Lernen zu Hause nötig sind.

Die etwa 90 Viertklässler der Grundschule Graßlfing freuen sich weit überwiegend, wieder in der Schule zu sein. Auf dem Schulweg waren sie meist in kleinen Gruppen mit wenig Abstand und eifrig redend unterwegs. Nun warten sie trotz des leichten Regens sehr diszipliniert, dass sie in die Container dürfen, wo ihre Klassenräume sind. Auf dem Boden zeigen Linien den richtigen Abstand, jedes Kind bleibt auf seiner Linie stehen. Das Ankommen haben Theiß und ihr Kollegium bewusst ruhig und langsam gestaltet, damit die Kinder Zeit haben, wirklich wieder in der Schule anzukommen.

Das Hygieneplakat erklärt Grundsätzliches.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Der Unterricht beginnt gestaffelt, für die ersten beiden Klassen um acht Uhr, für die nächsten beiden um neun Uhr. Er endet um 11 und um 12 Uhr, Pausen gibt es nicht. Die Gruppen nutzen unterschiedliche Eingänge. An den Türen hängen "Hygieneplakate", mit bunten Bildern, die die Schule selbst gestaltet hat. Auf ihnen ist noch einmal erklärt, worauf es jetzt ankommt. Die Grundschule Graßlfing hat das zusätzliche Problem, dass der Unterricht wegen Bauarbeiten am Schulgebäude derzeit in Containern stattfindet. Dort sind die Garderoben so eng, dass die Kinder ihre Jacken mit in die Klassenzimmer nehmen müssen. Jedes Paar Straßenschuhe hat einen eigenen Platz im Gang.

Schulleiterin Cathrin Theiß, 57, ihr Kollegium, der Hausmeister und der Elternbeirat haben zusammengeholfen, um alles zu organisieren. Theiß hebt ebenfalls das große Engagement aller hervor, vor allem auch der Lehrer. Gleichzeitig kritisiert sie, dass die Schulen von der Regierung zu kurzfristig informiert worden seien, es habe zunächst wenig konkrete Informationen gegeben.

Kinder, Eltern und Lehrer sind über das Elterninformationssystem Esis, mit Videokonferenzen und die Plattform Padlet verbunden, so dass die nötigen Informationen schnell an alle gehen können. In die unterschiedlichen Padlet-Gruppen haben die Lehrer zum Beispiel Links zur sinnvollen Beschäftigung der Kinder während des Shutdowns gestellt. Dort gibt es auch Beratungs- und Hilfsangebote für Eltern und Schüler. Der Schulsozialarbeiter ist viel im Einsatz, als Ansprechpartner unter anderem bei häuslichen Problemen.

Für alle ist Händewaschen im Klassenzimmer Pflicht.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Rasch habe es auch tägliche Videokonferenzen für jede Klasse gegeben, berichtet die Rektorin. Dass das Kollegium in den vergangenen Wochen große Schritte in Richtung Digitalisierung gemacht hat, findet sie durchaus positiv. Sie selber habe gelernt, wie man Erklärvideos dreht. Dank der Großzügigkeit der Stadt Olching sei man mit interaktiven Tafeln, Laptops und Tablets versorgt, so dass jedes Kind an den täglichen Videokonferenzen teilnehmen könne.

Im Klassenzimmer dagegen gibt es nun wieder "altbackene Pädagogik", wie Theiß den Frontalunterricht nennt. Schüler und Lehrer müssen vorübergehend Abschied nehmen von Projekt- und Partnerarbeit, davon, dass stärkere Schüler den schwächeren helfen. Doch zunächst einmal freuen sich die Viertklässler, wieder in der Schule zu sein. Jonas, Tobias und Julian, alle zehn Jahre alt, wollen lieber in der Schule als daheim lernen, wegen anstrengender jüngerer Geschwister und auch wegen der willkommenen Abwechslung. Chiara, ebenfalls zehn, sagt, es sei "einfacher, in der Schule zu lernen", und ihre Freundin freut sich auch auf die Lehrerin. Nur Ernst findet es in der Schule nicht so schön wie daheim, er bleibt gerne länger im Bett.

Theiß bezeichnet die allgemeinen Lockerungen und die langsame Öffnung der Schulen als "Drahtseilakt. Es müssen alle mitmachen, damit es funktioniert." Sie habe Angst, dass es schief gehe, denn sie trage ja die Verantwortung den Kindern und auch den Kollegen gegenüber, von denen doch einige Angst vor Ansteckung hätten. Schwierig wird die Situation zunehmend auch für Lehrkräfte, die selbst jüngere Kinder haben. Die müssen jetzt in die Notbetreuung, wo dann wieder mehr Räume und Lehrkräfte benötigt werden. In der kommenden Woche soll die Mittagsbetreuung an der Grund- und an der Mittelschule wieder den Betrieb aufnehmen.

Das Problem mit der Betreuung eigener Kinder kennt Sabine Ratberger, 47, gut aus eigener Anschauung. Die stellvertretende Direktorin des Olchinger Gymnasiums hat einen achtjährigen Sohn, der zu Hause lernen soll. "Für die Lehrkräfte ist das eine Herausforderung", sagt sie. Insgesamt sei die Stimmung gut, auch wenn die Personalsituation angespannt sei. Die Rückkehr der Q 11 sei räumlich gut zu verkraften. Insgesamt sind nun wieder knapp 180 Schülerinnen und Schüler von 850 in dem Gebäude. Es gibt Einlasskontrollen und Desinfektionsspender, die Laufwege sind mit Bodenmarkierungen und Flatterbändern gekennzeichnet. "Die Eltern richten die Klassenzimmer her mit dem Hausmeister und den Lehrern, alle sind dabei", freut sich Ratberger, die den Betrieb momentan organisiert. "Die Schulgemeinschaft hält extrem gut zusammen. Aber die Belastungsgrenze ist sehr nah."

Wie in allen Schulen hat nun auch jeder Olchinger Gymnasiast seinen eigenen, gekennzeichneten Platz. Es gibt verschiedene Eingänge, auf den Gängen müssen Masken getragen werden. Im Pausenhof stehen jedoch auch hier einzelne Grüppchen ohne ausreichenden Abstand. Dabei werden alle Schüler am Eingang über das Hygienekonzept aufgeklärt. Ratberger findet ebenfalls Positives an den Beschränkungen in der Coronapandemie: "Die Schüler wissen zu schätzen, was persönliche Begegnungen bedeuten. Die Beziehungsebene ist ganz, ganz wichtig."

© SZ vom 12.05.2020

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