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Neue Heimat nach dramatischer Flucht:Dankesgabe

Ostern

"Danke Deutschland!" Wael Wazan hat mit seiner Familie in seiner Türkenfelder Wohnung eine große Osterkerze hergestellt.

(Foto: Sibylle Nagler)

Syrer bastelt und spendet eine zwei Meter hohe Osterkerze

Von Sibylle Nagler, Gröbenzell

Einen Dank der besonderen Art wird Wael Wazan aus Syrien am Ostersonntag in Gröbenzell überbringen: Eine Woche lang hat er mit seinen Kindern an einer fast zwei Meter hohen Kerze gebaut. Das Osterlicht mit der Aufschrift "Danke Deutschland" wird er am Sonntag zunächst zum Zehn-Uhr-Gottesdienst in die evangelische Zachäuskirche bringen und dann abschließend als ökumenisches Zeichen auch in die katholische Kirche tragen. In beiden Kirchen möchte er sich bei allen Menschen bedanken, die ihm und seiner Familie geholfen haben.

Die tiefe Dankbarkeit, die den 38-jährigen Vater von vier Kindern treibt, wird in einem langen Gespräch deutlich, in dem seelische und körperliche Verwundungen zutage treten - und zugleich die übergroße Freude über seine Rettung. Für ihn bedeutet dieses Ostern ein kompletter Neustart, ja man könnte es auch eine Wiedergeburt nennen. Seine Frau und drei seiner Kinder sind gerade als Asylbewerber anerkannt worden und er hat ab Juni einen festen Arbeitsplatz in Gröbenzell. Sein Dank gilt allen Helfern, die daran beteiligt waren: Asylpaten, allen voran Lilo Nitz, Lehrern und Lehrerinnen, Mitarbeitern im Landratsamt und der Gemeinde.

Vor knapp 18 Monaten kam Wazan zunächst nur mit seiner damals fünfjährigen Tochter Dooa in Gröbenzell an. Seine hochschwangere Frau und die beiden anderen Kinder hatte er nach der gemeinsamen dramatischen Flucht aus Damaskus an einem vermeintlich sicheren Ort in Izmir in der Türkei zurückgelassen. Der Vater wollte mit der Jüngsten zunächst einmal den Weg nach Deutschland prüfen. Die erste Prüfung war auch zugleich die schwerste: In Ungarn bestanden die Grenzbeamten auf seinem Fingerabdruck. Den verweigerte Wazan, er wollte nur nach Deutschland. Um ihm Druck zu machen, nahm man ihm schließlich seine kleine Tochter weg. Er blieb ohne eine Nachricht von Dooa: einen Tag, zwei Tage . . . am vierten Tag war sein Widerstand gebrochen. Dem Beamten in München hat er davon erzählt und hoffte darauf, dass er nicht wegen seines Fingerabdrucks wieder nach Ungarn zurückgeschickt wird.

"In Gröbenzell wurden wir herzlich aufgenommen, bekamen ein Dach über dem Kopf und vor allem eines: Sicherheit und Freiheit. Endlich konnte ich wieder ohne Angst sagen, was ich dachte. Mich zu meinem Christentum bekennen, ohne bedroht zu werden." Drei Jahre zuvor waren Wazan und seine Familie in Damaskus zum Christentum übergetreten, was ihm die Bedrohung durch den IS einbrachte. Mit den Schergen des Assad-Regimes war er zuvor im Bürgerkrieg aneinander geraten. "Zweimal war ich schon tot", sagt er und zeigt auf seine Narben. Er wurde angeschossen und verlor eine Niere.

Jetzt geht es dem Elektroingenieur, der in Syrien ein erfolgreicher Geschäftsmann war, vor allem um die Zukunft seiner Kinder. Die Entscheidung, zum Christentum zu konvertieren, war der Anfang. Heute sagt sein 15-jähriger Sohn Nour dazu: "Jesus ist das Symbol für Frieden und Nächstenliebe. Was wir zu Hause erlebt haben, war Krieg und Hass. Ich bin froh, dass wir es so gemacht haben." Seitdem die Familie in Türkenfeld in einer kleinen Wohnung untergekommen ist, geht er in Emmering in die siebte Klasse, spielt leidenschaftlich gerne Fußball und will Automechaniker werden. Sein Dank geht an alle seine Lehrer und Schulkameraden, Sportfreunde und Helfer.

Denn bis dahin war auch für ihn ein gefährlicher Weg zurückzulegen. Er musste in der Türkei erleben, dass syrische Soldaten zweimal versuchten, seine Mutter, ihn und seine Schwester zurückzuholen. Doch sie hatten Glück: Zweimal half die türkische Polizei. Nour und Asma waren die einzige Unterstützung, als ihre Mutter Safar ihr viertes Kind zur Welt brachte. Durch eine glückliche Fügung gelang es Safar und den drei Kindern schließlich bis nach Gröbenzell zu ihrer Familie zu gelangen. Insbesondere dafür will sie Danke sagen. Die Grundschullehrerin für Arabisch möchte wieder in einer Schule oder als Übersetzerin arbeiten. Dooa ist glücklich, dass sie in der ersten Klasse in Türkenfeld Freundinnen gefunden hat. Die stille Asma und ihre quirlige Schwester Doa wollen sich bei den Lehrerinnen und Mitschülerinnen bedanken. "Dass alle gut sind zu uns und uns beim Lernen helfen!"

Der Vater verbindet mit seinem Dank eine Botschaft an andere Flüchtlinge: "Für mich ist es das größte Glück, dass wir frei sind, dass uns niemand Religion, Beruf oder Kleidung vorschreiben kann. Ich vertraue den Deutschen und hoffe auf ihr Vertrauen, dass wir etwas zurückgeben: Indem wir lernen und arbeiten und auch gut sind. Deutschland ist ein freies Land. Das müssen alle, die schon da sind und noch kommen, auch untereinander so praktizieren. In Deutschland haben wir alle, Moslems und Christen die Chance, dass das, was wir in unserer Heimat nicht hatten, weshalb wir geflohen sind, zu lernen und zu leben: Demokratie und Toleranz. Danke Deutschland!"

© SZ vom 26.03.2016
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