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Nächste Generation:Spiegel der Gesellschaft

Wird die Jugend immer krimineller? Die Statistiken zeigen, dass die Zahl der Straftaten sinkt. Doch im Jugendamt sowie beim Verein Sprint beobachtet man, dass in manchen Familien Probleme vielfältiger werden

Von Ariane Lindenbach, Fürstenfeldbruck

"Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird niemals so sein wie die Jugend vorher, und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten"

Was bereits vor etwa 3000 Jahren auf einer babylonischen Tontafel beklagt wurde, dem würden auch heute noch einige zustimmen: Komasaufen, Marihuana rauchen sowie Eigentumsdelikte und Körperverletzungen finden sich häufig in den Anklageschriften der Jugendrichter - neben einer wachsenden Zahl an Internetkriminalität. Doch anders, als es manchmal erscheint, sind die Zahlen bei der Jugendkriminalität insgesamt rückläufig. Einen Anstieg gibt es allerdings bei schwerwiegenderen Vorwürfen, denen oft ein ganzes Bündel von Problemlagen zugrunde liegt. Um darauf adäquat - und mit einem gewissen erzieherischen Effekt - reagieren zu können, bietet das Jugendstrafrecht etliche Möglichkeiten, von Sozialen Diensten, also unbezahlter Arbeit etwa in einem Pflegeheim, bis zum Ökowochenende. Letzteres hat der Brucker Verein Sprint, kurz für "Sozialpädagogische Resozialisierungs- und Integrationsangebote", vor 22 Jahren als einer der ersten in ganz Deutschland im Landkreis initiiert.

"Das Öko-Wochenende ist eine Maßnahme, auf die sind wir sehr, sehr stolz, dass wir die im Landkreis haben", sagt Dietmar König. Der Leiter des Jugendamts verweist darauf, dass es von Jugendrichtern oft als Alternative zu einer ersten Arreststrafe verhängt wird. Beides dauert ein Wochenende. Doch während die zum großen Teil männlichen Straftäter beim sogenannten Freizeitarrest einfach weggesperrt werden, gibt es beim Öko-Wochenende Arbeit und sozialpädagogische Begleitung. Etwa zehn Teilnehmer verbringen die Zeit mit Arbeit in der Natur, Gruppen- und Einzelgespräche.

Sie befassen sich mit ihrer Straftat und es gilt Medienverbot. Trotzdem - oder vermutlich gerade deswegen - erzielen die unter dem Slogan "Schwitzen statt Sitzen" bekannt gewordenen Arbeitseinsätze bei der abschließenden Befragung von den Jugendlichen gute Werte. Der Jugendamtsleiter und sein Mitarbeiter Hans-Jürgen Hörner von der Jugendhilfe sind überzeugt, dass das Öko-Wochenende den Teilnehmern bei einer Abkehr von der Kriminalität hilft.

Ähnlich wirkungsvoll bewerten sie das Verkehrsseminar mit der Fahrschule Fink oder die von Richtern ausgesprochenen Fest- oder Alkoholverbote sowie die Leseweisung in Zusammenarbeit mit der Hochschule München. Dabei müssen die jungen Verurteilten ein Buch lesen, das zu ihrer Straftat passt und darüber nachdenken. Beim Festverbot wird den Jugendlichen für einen bestimmten Zeitraum das Trinken oder der Besuch von Volksfesten untersagt. Wie König betont, hat der Landkreis auch dieses Verbot als einer der ersten mit in die Palette möglicher Strafen gegen Jugendliche aufgenommen.

Gefängnisstrafen von bis zu zehn Jahren und maximal vier Wochen Jugendarrest können die Richter verhängen. Fordert die Staatsanwaltschaft eine Haftstrafe, ist das Schöffengericht zuständig. Laut der Bundeszentrale für politische Bildung bekommen in Deutschland nur 1,6 Prozent der Jugendlichen eine Haftstrafe ohne Bewährung - auch das ein Indiz für den Erziehungsgedanken im Jugendstrafrecht. Drei Viertel der Verfahren werden eingestellt, der Rest sind "Erziehungsmaßregeln" und "Zuchtmittel", wobei Erstere weit häufiger verhängt werden. Zu ihnen zählen auch die Betreuungsweisung oder das Anti-Gewalt-Seminar.

503 Verfahren gegen Jugendliche wurden 2019 am Amtsgericht in Fürstenfeldbruck verhandelt, 2006 waren es 593 - trotz niedrigerer Einwohnerzahl damals. "Die Eingangszahlen werden weniger, aber gleichzeitig sind die Schöffenzahlen hochgegangen", berichtet Johann Steigmayer. Er ist Richter und Sprecher am Amtsgericht Fürstenfeldbruck. Zeitweise war er dort als Jugendrichter eingesetzt, ebenso davor für mehr als zehn Jahre in Dachau. "Die Struktur ändert sich". Vor allem bei den Mehrfachstraftätern falle auf, dass es vielfache Problemlagen in den Familien gebe: Arbeitslosigkeit, Sucht, psychische Erkrankungen, Schulden, Gewalt - wo es vor ein, zwei Jahrzehnten nur an einem Punkt fehlte, häufen die Probleme nun oft.

Wachsende Schwierigkeiten in manchen Familien stellt auch Karen Adomeit fest. Wie die Leiterin von Sprint berichtet, war es noch vor zehn Jahren in den meisten Familien so, "dass die so ein, zwei Problemlagen hatten". Inzwischen komme aber oft ganzes Bündel zusammen, "dann muss ich erst mal gucken, wo kann ich ansetzen". Auffällig dabei: "Gerade über die letzten zehn Jahre haben psychische Probleme massiv zugenommen." Borderline-Syndrom, ADS und ADHS, Depressionen, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Auch viele junge Menschen sind nach ihrer Beobachtung betroffen.

Sozialpädagogin Adomeit ist außerdem aufgefallen, dass Mädchen in einigen Deliktbereichen aufholen. Sind sie früher vor allem wegen Eigentumsdelikten und Beleidigung verurteilt worden, "gibt es jetzt wenige Delikte, wo wir keine Mädels haben", Gewaltdelikte etwa würden inzwischen auch von Mädchen begangen, sagt sie. Ein weiteres Feld, auf dem beide Geschlechter inzwischen immer öfter straffällig werden, ist das Internet. Oft kommt es zu sogenanntem Social Media Mobbing, wenn nach einem Krach oder Beziehungsende kompromittierende Fotos ins Netz gestellt werde. Bei Mädchenfreundschaften hilft nach Adomeits Erfahrung oft ein Täter-Opfer-Ausgleich, ein moderiertes Gespräch, das zu gegenseitigem Verständnis und einer Entschuldigung führen soll. Bei einer Liebesbeziehung, "ist es schwieriger".

"Es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die Mädels aufholen. Aber man muss schon sehen, von welchem Niveau aus", sagt Jugendamtsleiter König. Er tritt so dem Eindruck entgegen, Mädchen hätten sich in Sachen Straftaten bereits vollkommen emanzipiert. Etwa drei Viertel der jungen Menschen bis 21 Jahre, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten, sind laut König männlich. So lange gilt man in Deutschland als heranwachsend kommt vor den Jugendrichter. Auch er und Hörner bemerken, dass in manchen Familien die Probleme vielfältiger werden und auch psychische Erkrankungen zunehmen. "Es ist eben ein Spiegel der Gesellschaft", sagt König.

© SZ vom 19.09.2020

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