Nach der Brandkatastrophe in Puchheim Rauch, Ruß und feuchte Wände

Bei den Nachbarn sitzt der Schock über den Tod einer Fünfjährigen, die am Silvestertag bei einem Brand ums Leben kam, tief. Hinzu kommt, dass viele noch nicht in ihre Wohnungen zurückkehren können, weil das Feuer und die Löscharbeiten Mobiliar zerstört und die Bausubstanz geschädigt haben

Von Ariane Lindenbach, Puchheim

Aus dem Eingang kommen gerade eine Frau und ein Mann, die das Treppenhaus geputzt haben. Mit ihnen strömt der durchdringende Geruch von chemischen Reinigungsmitteln aus dem zwölfstöckigen Hochhaus an der Adenauerstraße in Puchheim ins Freie. Ein ganz normales Wohnhaus an einem ganz normalen Werktag. Wären da nicht die vielen Plüschtiere und Blumen, die Nachbarn zum Gedenken an die Fünfjährige vor dem Eingang abgelegt haben. Das Mädchen wurde an Silvester Opfer eines Wohnungsbrandes; es hatte sich in einem Schrank versteckt und konnte nicht rechtzeitig gerettet werden. Im Eingangsbereich, an der Wand, wo Mitteilungen für die Bewohner aufgehängt werden, erinnern drei Trauerkarten, bedruckt mit Fotos und einem Gedicht, an das Kind.

Auch im Flur hängt der Geruch von Putzmitteln, die Fußmatten vor den Eingangstüren lehnen akkurat an der Wand. Erst wer im achten Stock aus dem Fahrstuhl tritt, dem wird die Feuerkatastrophe von vor mehr als zwei Wochen mit einem Schlag präsent. Beißender Rauchgeruch hängt immer noch in der Luft, die Decke in dem U-förmig angelegten Gang, an dessen einer Ecke das Feuer ausbrach, ist auf der ganzen Etage mal mehr, mal weniger schwarz. Vor einer Wohnung stehen Mülltüten, die Tür ist halb offen, ein Mann kommt raus. Er sei hier nur zum Aufräumen mit einem Kollegen, die Wohnungen auf dieser Etage seien derzeit alle unbewohnt, erklärt er in holprigem Deutsch. Den Eingang zu der Unglückswohnung versperrt eine provisorische Stahltür. Die hölzerne Wohnungstür liegt, am oberen Ende von den Flammen geborsten und rußschwarz, auf dem Balkon.

Bewohnerin Rosemarie Gudopp, 72

"Mir schnürt es immer wieder die Kehle zu. Ich muss mich zum Essen zwingen."

Wie Heinrich Stöcklein bestätigt, "ist der achte Stock komplett unbewohnbar wegen Rauch und Ruß". Ersterer sei so beißend, dass er sich überall festsetze, vor allem in Polstermöbeln und Vorhängen. Der Geschäftsführer der Hausverwaltung Garant Immobilien in Olching, die auch für das Haus in der Adenauerstraße und dessen Wohnungseigentümer tätig ist, erläutert, dass nicht zuletzt wegen des beißenden Geruchs derzeit niemand auf der Etage wohnen könne. Auch das Stockwerk darüber ist zum Teil in Mitleidenschaft gezogen worden. Am Mittwoch habe ein Gutachter erneut die Luft in dem Hochhaus auf Rußpartikel untersucht. "Heute hat er Entwarnung gegeben", sagt Stöcklein.

Zurück in ihre Wohnungen können die etwa 20 Bewohner aber noch nicht. Sie sind derzeit immer noch in Hotels, Pensionen, in Obdachlosenunterkünften oder bei Freunden untergekommen. Mobiliar, Decken, Wände - alles ist kontaminiert von den Spuren des Brandes. Und als wäre das noch nicht schlimm genug, hat das Löschwasser ein übriges getan, um die Schäden zu verschlimmern. "Die sieben Wohnungen, die darunter liegen, sind auch komplett geschädigt", berichtet der Geschäftsführer der Hausverwaltung, das Löschwasser sei bis in den Keller durchgesickert und habe auf seinem Weg neben Teppichen und Möbeln auch die unter dem Estrich verbauten Kokosmatten durchweicht. Da die nicht getrocknet werden können, muss nun in allen acht Wohnungen der Estrich ausgetauscht werden.

Malerfolie schützt das Bett von Rosemarie Gudopp vor Löschwasser. Da in ihrem Schlafzimmer ein Luftentfeuchter surrt, schläft die 72-Jährige nebenan auf dem Sofa.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Eine der Betroffenen ist Rosemarie Gudopp. Die 72-Jährige lebt schon seit 40 Jahren in ihrer Wohnung im siebten Stock, direkt unter der Wohnung, in der das Feuer gegen 13.30 Uhr an Silvester ausbrach. Ihre Wohnungstür steht halb offen, weil ein Luftentfeuchter ununterbrochen und unüberhörbar arbeitet und dabei eine Menge Wärme abgibt, wie die Seniorin erklärt. Sie erzählt, dass sie selbst von dem Inferno über ihr gar nichts gemerkt habe. Bis eine Nachbarin sie anrief: "Bei dir brennt's lichterloh, du musst sofort hier raus", so die Nachricht am anderen Ende der Leitung. "Ich musste mich beeilen", sagt Gudopp, die auf einen Rollator angewiesen ist und wegen des Feuers die Treppe nehmen musste. Wie die frühere Technikerin berichtet, wartete sie mit den anderen Hausbewohnern den gesamten Nachmittag, etwa viereinhalb Stunden, bis diejenigen zurück durften, deren Wohnungen noch bewohnbar waren. Die anderen fuhr die Polizei noch am frühen Abend in die jeweiligen Unterkünfte

"So hoch ist das Wasser bei mir gestanden." Die Seniorin zeigt mit Daumen und Zeigefinger einen guten Zentimeter. Sie schildert, wie "zwei ganz liebe Nachbarn im Erdgeschoss" ihr dabei halfen, ihr Heim wieder halbwegs bewohnbar herzurichten: Das Bett wurde mit einer Malerfolie vor dem herabtropfenden Löschwasser geschützt, ein spezielles Sauggerät entfernte einen Großteil des Wasser. Damit nun auch die Feuchtigkeit aus dem Mauerwerk entweichen kann, läuft seither der Luftentfeuchter in der Zwei-Zimmer-Wohnung. Ein großer Wasserfleck an der Decke über dem Bett von Rosemarie Gudopp und diverse kleinere in der Wohnung verteilt erinnern an die Katastrophe vom Silvestertag.

Plüschtiere und Blumen vor dem Eingang erinnern an das fünfjährige Mädchen, das bei dem Feuer ums Leben kam.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Das ganze Erlebnis, vor allem der Tod des Mädchens, sei für sie "schockierend" gewesen, auch wenn sie die betroffene Familie kaum gekannt habe. "Mir schnürt es immer wieder die Kehle zu, ich muss mich zum Essen zwingen", sagt die 72-Jährige. Nun hofft sie, dass die entstandenen Schäden bald beseitigt werden und wieder Normalität in ihrem Leben einkehrt. "Irgendwann muss ich wahrscheinlich raus, weil der Boden ausgetauscht werden muss", erwartet sie völlig zu Recht. Doch vorerst ist Gudopp einfach nur froh, dass ein Statiker ihre Wohnung wieder freigegeben hat und sie eine Hausratversicherung hat.

Die Gebäudeschutzversicherung hafte für die am Gebäude entstandenen Schäden sowie die beispielsweise daraus resultierenden Mietausfälle, berichtet Stöcklein von der Hausverwaltung. Über sie sind die Wohnungseigentümer abgesichert. Geplant sei nun seitens der Versicherung, zunächst eine Wohnung im neunten Stock so schnell wie möglich zu renovieren. Dort könnten dann nach und nach die Bewohner aus den sieben unter der Brandwohnung liegenden Wohnungen vorübergehend einziehen, während deren Wohnungen dann saniert werden, schildert der Geschäftsführer. Bis alles wieder okay ist, das kann schon ein halbes Jahr dauern", schätzt er. Und ergänzt, dass die Kriminalpolizei die Unglückswohnung, in der das kleine Mädchen starb, erst an diesem Mittwoch freigegeben habe.

Die Wohnungstür der Brandwohnung ist vom Feuer im oberen Bereich geborsten.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Wie ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord bestätigt, sind die Untersuchungen der Brandspezialisten noch nicht abgeschlossen. "Letztendlich, wenn nicht eindeutig im Rahmen eines Ausschlussverfahrens etwas gefunden wird, kann es auch sein, dass die Brandursache nie gefunden wird", sagt der Kriminalbeamte.

"Es entstehen schnell immense Kosten", weist André Ameri vom Puchheimer Sozialamt auf einen weiteren Aspekt hin. Betroffen davon seien "nur die Personen, die Mieter sind und keine Hausratversicherung haben", erläutert er. "Etliche" seien zwar versichert, die anderen habe die Stadt aber schon - neben der gemeinsam mit der Hausverwaltung organisierten Unterbringung der vorübergehend Obdachlosen - über ihren Bürgerfonds finanziell unterstützen können. "Da können wir unbürokratisch helfen", sagt Ameri. So wurde beispielsweise eine Gästematratze gekauft, damit ein Bewohner aus dem Haus vorläufig bei Freunden übernachten kann. Geholfen werden konnte auch einer Familie, für deren Kind Schulsachen angeschafft wurden.