Motive und Reaktion "Es muss ja nicht Containern sein"

Am Tag des Gerichtsverfahrens werden die beiden jungen Frauen am Rande der Solidaritätskundgebung interviewt.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Noch halten sich die beiden Olchinger Studentinnen die Möglichkeit offen, gegen den Schuldspruch des Amtsgerichts Berufung einzulegen. In jedem Fall wollen sie auch künftig auf die Lebensmittelverschwendung aufmerksam machen

Interview Von Ariane Lindenbach, Fürstenfeldbruck

Unter ihren Vornamen Caro und Franzi sind zwei Studentinnen aus Olching weit über die Landkreisgrenze hinaus bekannt geworden. Weil sie aus dem Müllcontainer eines Supermarkts noch verzehrbare Lebensmittel geholt hatten, waren sie am Mittwoch vom Amtsgericht verurteilt worden wegen "gemeinschaftlichen Diebstahls". Die Strafe: Je acht Stunden bei der Tafel sowie 225 Euro, für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Im SZ-Interview erläutern die beiden 25 und 27 Jahre alten Frauen ihre Motive und ihre Reaktion auf den Schuldspruch.

SZ: Was sagen Sie zu dem Urteil? Caro: Es ist natürlich sehr schade, dass es kein Freispruch geworden ist. Aber das Urteil ist sehr milde und es ist ja keine richtige Strafe, sondern eine Verwarnung. Und der Richter hat mehrmals betont, dass er uns überhaupt nicht verurteilen möchte, dass er unser Handeln auch nicht verurteilenswert findet und die moralischen Hintergründe anerkennt. In unserm Fall hat er trotzdem den Tatbestand erfüllt gesehen.

Franzi: Es ist ja unser Wunsch gewesen, freigesprochen zu werden, damit sich andere darauf berufen können und Containern nicht mehr so stark kriminalisiert wird."

Sie sind deutschlandweit vernetzt. Wie reagieren andere auf das Urteil?

Caro: Viele Leute empören sich schon darüber. Insgesamt ist die Stimmung sehr solidarisch.

Franzi: "Wobei es auch schon härtere Urteile gab, zwischen 300 und 500 Euro.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Wollen Sie rechtliche Schritte einleiten?

Caro: Wir müssen das schriftliche Urteil abwarten. Erst dann können wir mit unserem Anwalt einschätzen, was Sinn macht.

Haben Sie jetzt einen Eintrag im Strafregister oder sind Sie vorbestraft?

Caro: Nein, eine Vorstrafe hat man erst ab 90 Tagessätzen. Ob es sonst irgendwo in den Akten auftaucht, müssen wir unseren Anwalt fragen.

Wäre das ein Problem?

Franzi: Es ist schon schön, im Leben alle Möglichkeiten offen zu haben.

Die Geldstrafe wurde für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Werden Sie trotzdem weiter containern?

Franzi: Wir wollen uns weiterhin der Lebensmittelrettung widmen, aber das muss ja nicht Containern sein. Da gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Wir sind auch im Gespräch mit Politikern, um eventuell einen Fairteilerkühlschrank in Olching, eine Art öffentlichen Kühlschrank für Food-sharing, aufzustellen. Das würde mehr Bewusstsein schaffen und einen Platz zum Dialog, für Kooperationen.

Mit wem haben Sie schon gesprochen? Caro: Wir sind im Gespräch mit der Politik, unter anderem hat uns Florian von Brunn von der SPD zu einem Gespräch in den Landtag eingeladen, auch Renate Künast von den Grünen im Bundestag hat sich im zdf-Morgenmagazin sehr konstruktiv zu unserem Fall geäußert. Wir wurden bereits zu mehreren Stammtischen von Parteien eingeladen und sind im Austausch mit verschiedenen Umweltorganisationen.

Was genau wollen Sie erreichen?

Caro: Wir haben viele Ziele und wollen auf verschiedenen Ebenen agieren. Wir möchten eine Gesetzesänderung vorantreiben, durch die Supermärkte dazu verpflichtet werden, noch genießbare Lebensmittel weiterzuverteilen, nach dem Vorbild anderer EU-Länder. Hierzu haben wir bei Campact die Online-Petition `Containern ist kein Verbrechen` gestartet und jetzt über hunderttausend Unterschriften. Natürlich reicht es nicht allein beim Handel anzusetzen, auch Verbrauch und Produktion müssen mit einbezogen werden. Deshalb möchten Politik und Gesellschaft dazu auffordern, sich aktiv mit dem Thema Lebensmittelverschwendung auseinanderzusetzen, um zu einem Umdenken zu gelangen und alternative Strukturen aufzubauen.

Franzi: Es gibt mittlerweile auch ganz gute Alternativen zu einem Supermarkt wie solidarische Landwirtschaft oder Foodkooperativen, bei denen ein engeres Verhältnis zwischen Verbraucher und Händler entsteht und ein bedarfsorientierter Einkauf stattfinden kann.

Caro: Es muss regionalere Produkte geben, um den Strukturen der globalen Überproduktion zu entkommen. Und wir wollen das Bewusstsein schärfen für die Arbeitsbedingungen der Lebensmittelproduzenten, die sehr erschreckend sind. Unsere Lebensmittel sollten regional, saisonal und ökologisch produziert und verteilt werden.

Das wäre auch gut für Umwelt und Klima. Ist das eins Ihrer Motive?

Franzi: Die Überproduktion verursacht natürlich eine starke Umweltbelastung: Luftverschmutzung, Wasserverschwendung, die Böden gehen total kaputt. Ohne sie könnten wir enorme Mengen CO2 einsparen. Lebensmittelverschwendung und Klimapolitik gehen somit Hand in Hand."

Wie geht es nun weiter?

Caro: "Am 12. Februar machen Unterstützer von uns ein Nachbereitungstreffen.