Mitten in Fürstenfeldbruck:Pädagogen im Stadtrat

Es bewahrheitet sich: Lehrer bleibt Lehrer

Glosse von Stefan Salger

Jeder hat seine Erfahrungen gemacht mit... Lehrern. Da gibt es solche, mit denen man klar kam, weil sie immer ein Auge zudrückten, wenn man sich wieder zu spät ins Klassenzimmer drückte. Und es gab jene, die einen an die Tafel zitierten und gnadenlos offenlegten, dass die binomischen Formeln für einen böhmische Dörfer waren.

Im Brucker Stadtrat geht es nicht um binomische Formeln. Und falls ein Stadtrat mal zu spät zu einer Sitzung kommt, wird das nicht mit einem Verweis, sondern lediglich mit einem Eintrag ins Protokoll geahndet. Das heißt aber nicht, dass es an fachlicher Expertise im Gremium fehlen würde. Als da wäre Gymnasiallehrer Andreas Lohde (CSU), der beizeiten mit einer philosophischen Weisheit glänzt. Mitreden können aus didaktisch/pädagogischer Sicht auch zwei mit zumindest verwandten Berufen: Hochschullehrer Klaus Wollenberg und Sonderschulkonrektor Johann Klehmet.

Seit 2020 sitzt ein weiterer Pädagoge nun auch noch ganz vorn: Zweiter Bürgermeister Christian Stangl, Schulreferent des Kreistags und in seiner aktiven Zeit Direktoratsmitglied am Gröbenzeller Gymnasium - der zu allem Unglück auch noch Deutsch unterrichtet hat (weshalb der Reporter gut beraten ist, bei Kommasetzung und Groß- und Kleinschreibung besonders akkurat zu sein). Stangl hat ein Faible für Orthografie und Grammatik. Bisweilen geben die Verfasser von Sitzungsunterlagen ihm Anlass zur Klage. Der Grünen-Politiker wahrt zwar immer die Contenance, erlaubt sich aber, distinguiert und diplomatisch Mängel anzusprechen. Letztens geht es im Bauausschuss um die Gestaltungssatzung. Unter Paragraf 7a des Entwurfs herrscht grammatikalischer Wildwuchs. "Es ist der Regelmaßstäbe M= 1:100 oder M= 1:200 zu verwenden", ist da zu lesen. Stangl mahnt eine redaktionelle Überarbeitung an. Unter dem Punkt Verschiedenes wird sodann eine Baustelle angesprochen. Dazu werde sich der Stadtbaurat noch äußern, kündigt Stangl an. Und zwar "in der nächsten Stunde ... äh, natürlich Sitzung!" Einmal Lehrer, immer Lehrer.

Jetzt könnte man mit einem Spruch glänzen - sicherheitshalber nicht auf Deutsch: Bene docet, qui bene distinguit (gut lehrt, wer die Unterschiede klar darlegt). Oder: Docendo discimus (durch Lehren lernen wir). Aber solche Sätze kann der Philologe einem gewiss ebenso um die Ohren hauen wie einst der Mathelehrer die binomischen Formeln. Denn Christian Stangl unterrichtete auch Latein.

© SZ vom 18.05.2021
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