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Mitten in Fürstenfeldbruck:Geliebte Zitterpappel

Waldbaden ist schon fast ein alter Hut, jetzt kommt die Stadt Fürstenfeldbruck mit einer neuen Kampagne zum Bäume-gern-haben daher

Kolumne von Stefan Salger

Das Bäumeumarmen ist längst raus aus der Esoterikecke. Zumindest jenseits der Fichtenmonokultur, also im zeitgemäßen Mischwald. Der speichert Kohlenstoff, reguliert den Wasserhaushalt, produziert Sauerstoff und spendet Schatten. Focus online sieht in der Kontaktaufnahme zur Rinde zudem ein probates Mittel gegen die "visuelle und auditive Reizüberflutung" unseres Alltags und beruft sich auf eine japanische Studie. Dieser zufolge verringert ein Spaziergang im Wald - vornehmlich alleine - "Stress und Frust besser als Bewegung im Freien in der Stadt". Das Beste: Umarmungen setzen das "Kuschelhormon" Oxytocin frei, und das körpereigene Stresshormon Cortisol wird abgebaut sowie der Blutdruck gesenkt. Ebenfalls die Japaner haben "Shinrin Yoku" erfunden - das Waldbaden, wie es schon vor gut einem Jahr unter fachkundiger Anleitung einer Yogalehrerin rund um den Jexhof praktiziert worden ist.

Nun kontert Fürstenfeldbruck. Die Kreisstadt forstet auf und bereitet den Boden für das Pflanzen eines Baums "als Zeichen besonderer Glücksmomente". Von Oktober an ist das gegen eine Spende auf einem städtischen Grundstück möglich. Geeignete Anlässe sind Geburten, Hochzeiten oder etwa eine bewältigte Lebenskrise. Die Stadt empfiehlt alte Obstbaumsorten. Gleichzeitig wappnet sie sich mit einer maßvollen Zuwanderungsstrategie für weitere Hitzerekorde. So wurde jüngst der Entwurf einer Liste mit "zukunftsträchtigen Baumarten" fürs Stadtgebiet vorgestellt. Einige besonders trocken- und schädlingsresistente Arten kennt man bislang eher aus südlichen Ländern, so wie italienischer und französischer Ahorn, italienische Säulenpappel oder ungarische Eiche.

Glücksmomente können somit auch morgen noch Jahresringe ansetzen. Sollte der Klimawandel sogar die geliebten alten Obstbäume aus unserer Mitte reißen und gerade keine der neuen Zitterpappeln vakant sein, an die wir uns schmiegen können, dann hat Focus online noch einen Tipp: Zumindest das Hormon Oxytocin werde auch beim Umarmen des Haustiers oder des Partners freigesetzt. Wie sich die Alternative auf den Cortisolspiegel des Partners und die Erderwärmung auswirkt, bleibt offen. Vielleicht sollte man mal die Japaner fragen.

© SZ vom 09.09.2020

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