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Kunst:Die Farben der Nacht

Die Jahresausstellung der Künstlervereinigung im Haus 10 offenbart höchst gelungen die Facetten der Zeit nach Sonnenuntergang

Es ist eine wohlige Düsternis, die den Besucher im Haus 10 empfängt. Sie liegt im ganzen Raum, obwohl durch die Fenster viel Licht fällt. Doch die ringsherum hängenden Kunstwerke erschaffen eine Welt, die alle Helligkeit absorbiert und umwandelt und die weit weg liegt von der barocken Pracht des Klostergeländes auf der anderen Seite der Tür, die zu einem Portal zwischen zwei Dimensionen wird. Im Inneren liegt die Welt der Nacht, keine bedrohliche oder böse Welt, sondern eine inspirierende, auf ihre Art strahlende, die die Regeln der Tagwelt, mit ihren Büros, dem Stress, den immer gleichen Abläufen, außer Kraft setzt. Es ist also ein aufregendes Ambiente, das die etwa 30 teilnehmenden Mitglieder der Künstlervereinigung Fürstenfeldbruck bei ihrer Jahresausstellung unter dem Titel "Nachtbilder" schaffen.

Auf eine "Reise durch die Nacht" etwa führt die gleichnamige Serie von Christine Helmerich in zwölf kleinen Collagen im schmalen Kämmerchen des Hauptraums. Auf schwarzem Hintergrund sind zwölf mehr und weniger bekannte Bauwerke zu sehen, darunter die Kathedrale von Florenz und das Brucker Kloster, teilweise gemalt, teilweise als Foto. Über alle Bilder läuft vertikal ein weißer Schleier, der fast schon an Gefängnisgitter erinnert. Es ist nur ein Traum, den der Betrachter sieht, lediglich eine Sehnsucht nach den gezeigten Orten, keine wahre Begegnung mit ihnen. Ebenso traumhaft sind die nächtlichen Flussauen von Christine Neuberger.

In ein warmes Mondlicht getaucht, liegt der Fluss auf einem der Bilder in seinem Bett, umgeben vom grünen Gewächsen entlang des Ufers, der Blick reicht bis zum Horizont. Kein Lebewesen, keine Regung stört das Idyll. Eine völlige Harmonie liegt in dieser erhellten Nacht. Düster wird es bei der zweiten Flussaue, die Harmonie weicht leichter Bedrückung. Es ist dunkel, das Mondlicht erreicht kaum noch die Wasseroberfläche. Die Dunkelheit macht es schwer, zu erkennen, was ihm im Weg ist. Wahrscheinlich sind es große Bäume, deren Kronen über dem schmalen Lauf zusammenwachsen. Auch hier kein Zeichen von Lebewesen, die diesen verwunschenen Abschnitt aus seinem Gleichgewicht bringen. Es wirkt, als sei der Begriff Nacht in diesen Bildern ein Synonym für Unberührtheit, denn auch im Tageslicht wird sich an diesen Orten nicht viel verändern.

Was also bedeutet "Nacht"? Ganz expliziert wird diese philosophische Frage von der Künstlerin Alicia Henry aufgeworfen. Ihr Gemälde "Zwischen den Tagen" fällt komplett aus der Ästhetik der anderen Werke heraus. Während fast alle Ausstellungsstücke von dunklen Tönen dominiert sind, zeigt Henry eine wahre, in ihrem Motiv abstrakte Farbexplosion. Und so wird das Bild zum Träger der Botschaft: Welche Farben hat eigentlich die Nacht? Heißt Nacht automatisch Dunkelheit? Wo beginnt die Nacht, wo endet sie? All diese Fragen stellen sich beim Blick auf dieses Werk, gerade im Kontext der restlichen Bilder und des Ausstellungsthemas.

Von der philosophischen auf die explizit politische Ebene begibt sich Henriette Hense mit ihrem Werk "Nächtliche Flucht". Dargestellt ist ein viel zu kleines Boot, vollgepackt mit viel zu vielen Menschen. Eine bildfüllende Welle türmt sich bedrohlich über dieser Szene auf. Ein Mensch ist bereits in die Fluten gefallen, lediglich sein Arm ragt noch heraus. Nur einer der ins Boot Gezwängten nimmt dieses Drama mit entsetzter Mine überhaupt wahr. Bei Hense also tritt die Nacht in ihrer negativsten Bedeutung auf: Verzweiflung, Bedrohung, Hoffnungslosigkeit, Tod. Die Flüchtenden wählen die gefährliche Nacht wohl nur, weil sie sich Schutz durch die Dunkelheit versprechen, eine bessere Chance ihr Ziel, das rettende Ufer zu erreichen. Und die Nacht ist es, die all das zu Nichte macht und den Hoffenden das Leben raubt. Denn das Szenario lässt keine Zweifel daran, dass die Bootsinsassen das Schicksal des bereits Ertrinkenden im nächsten Augenblick teilen werden.

Etwas leichter, aber nicht weniger politisch, ist auch die komplett schwarze Leinwand von Friedo Niepmann. Hier ist es der Titel, der den Weg weißt. "CSU m(M)acht Nacht in Bayern", heißt es und was der Künstler mit dieser Bild-Titel-Kombination sagen möchte, braucht wohl keine Erklärung.

Welche Skurrilitäten die Nacht mit sich bringen kann, dokumentiert Hilde Seyboth in ihrer Collage. Sie greift ein Foto auf, das vor wenigen Wochen durch die Medien ging: Ein junger Albino-Rehbock mit roten Augen planscht mitten in der Nacht in einem Passauer Privatpool und muss von der Polizei gerettet werden.

Der Ausstellung gelingt es mit diesen und den zahlreichen anderen Werken auf wunderbare Art, alle Facetten der Nacht einzufangen und den Besucher tief in diese hinein zu ziehen.

Ausstellung "Nachtbilder" der Künstlervereinigung Fürstenfeldbruck, bis Sonntag, 2. Juli, im Haus 10, freitags 16 bis 18 Uhr, samstags und sonntags jeweils von 10 bis 18 Uhr.