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Kultkneipe schließt:Die letzten Abende in der "Hexe"

Viele Gäste können es nicht glauben, aber an diesem Dienstagabend öffnet die ehemalige Bahnhofswirtschaft in Gröbenzell zum vorerst letzten Mal. Ob das geschichtsträchtige Gebäude abgerissen oder weiter gastronomisch genutzt wird, ist noch unklar

Von Ariane Lindenbach, Gröbenzell

Der Countdown läuft. Auf www.die-hexe.com zählt die Uhr schon seit Monaten rückwärts. "Noch 4 Tage, 3 Stunden, 32 Minuten, 15 Sekunden", heißt es am Freitagnachmittag, "noch 1 Tag, 8 Stunden" am Montagvormittag. Stichtag ist der erste Mai. Denn dann läuft nach drei Jahren der Pachtvertrag für die derzeitigen Pächter, Benjamin - Benni - Menzel und Alexander Bittl, aus. Und auch wenn es bisher noch niemand so recht glauben will - was auch daran liegen mag, dass der früheren Bahnhofswirtschaft von Gröbenzell bereits vor 20 Jahren schon einmal der Abriss drohte - so findet dieser Tage doch alles zum letzten Mal statt.

Und so geht an diesem Abend der letzte Poetry Slam in dem geschichtsträchtigen Gebäude über die Bühne. Volker Keidel, den das Magazin Fokus vor zwei Jahren als Münchner Kult-Autor beschrieben hat und der in der früheren Bahnhofswirtschaft in Gröbenzell bereits vor 15 Jahren die launigen Dichter-Lesungen vor Publikum organisiert hat, unter anderem mit einer damals noch unbekannten Martina Schwarzmann, hat nach mehr als einem Jahr Pause noch einmal zu einem Dichtertreffen geladen.

Hexe Gröbenzell, ehemalige Bahnhofswirtschaft

Die Gröbenzeller Kultkneipe schließt und die Zukunft des geschichtsträchtigen Gebäudes am Bahnhof ist wieder einmal ungewiss.

(Foto: Matthias Döring)

Der Einladung sind vor allen Dingen ältere Kneipengänger gefolgt, Ü30 ist fast schon beschönigend. Wer sich in der Kultkneipe trifft, hat hier vor Jahrzehnten seine Jugend verbracht. Viele erinnern noch, wie die Hexe in den 1990er Jahren schon einmal kurz vor dem Abriss stand und wie sie dann doch noch gerettet wurde. Wahrscheinlich liegt es daran, dass keiner so recht glauben mag, dass die Gaststätte nun tatsächlich den Betrieb einstellt. "Totgesagte leben länger", hört man an diesem Abend öfter aus dem Stimmengewirr der einzelnen Grüppchen vor der Eingangstüre. Zu dieser seltsamen Stimmung passt, dass der Schriftzug über dem Eingangsbereich "Hexe" fehlt.

"Den haben sie uns letzte Nacht geklaut", sagt Benni Menzel, das Gesicht zu einem schmerzhaft-melancholischen Lächeln verzogen. Ja, nickt er, den meisten Gästen merke man schon an, dass sie mit der Schließung des Lokals nicht einverstanden seien. Ihnen selbst, den Pächtern, gehe es ja auch nicht anders. "Wir wissen jetzt auch nicht, wie es weitergeht. Dienstag ist der letzte Abend, Mittwoch Schlüsselübergabe." Schon Sonntag und Montag wurden die Räume weitgehend leer geräumt. Und trotzdem hoffen die Wirte wie so mancher Gast, dass es für die Hexe am S-Bahnhof noch eine Zukunft gibt.

Die Hexe Gröbenzell

Noch einmal einen Poetry Slam mit Volker Keidel konnten die Gäste der "Hexe" kürzlich erleben. Es wird wohl der letzte gewesen sein.

(Foto: Matthias Döring)

Die ist allerdings nach wie vor ungewiss. Das Gebäude gehört seit mehreren Jahren einer Germeringer Wohnbaugesellschaft. Seit etwa einem Jahr verhandelt die Gemeinde mit den Eigentümern wegen eines Grundstücktausches. Das ist Stand der Dinge, auch nach gut einem Jahr. Laut Zweitem Bürgermeister Martin Runge, der die Verhandlungen führt, da sich Bürgermeister Martin Schäfer als früherer Eigentümer aus der Angelegenheit heraushält, müssen die Grundstücke zunächst bewertet werden. Dazu müssen Gutachten angefertigt werden, was relativ zeitaufwendig ist.

Wehmut liegt über den vielleicht 80 Gästen an diesem Donnerstag. Manche sind eigens aus München gekommen, um noch einmal die Stätte ihrer Jugend zu besuchen. In dem Schummerschuppen, an dem in regelmäßigen Abständen ein Lichterwurm - die S-Bahn - vorbeifährt, sitzen Vierzigjährige und noch Ältere, die bereits Wochen vorher einen Tisch reserviert hatten. Nichts ahnend, dass es an den letzten Abenden in dieser legendären Musikkneipe nicht annähernd so voll sein würde wie an Weihnachten, wenn sich Trauben von Menschen schon vor der Hexe drängeln, weil es innen voll ist. So voll, dass die Menschen vor und hinter dem Tresen gleichermaßen vollen Körperkontakt haben.

Von einem solchen Feiertagsandrang sind der letzte Donnerstagabend und der letzte Poetry Slam in der Hexe weit entfernt. Doch die Gespräche an den Tischen schwelgen in solchen Erinnerungen: legendäre Weihnachtsnächte, der erste Vollrausch, die erste Partie Billard oder nächtelange Flipperpartien. Während auf der Bühne "Zwoa Bier" mit bayerischem Rock die Stimmung aufheizen, die Zuhörer von ihren Stühlen aufstehen und immer näher kommen, erläutert eine, die auch schon seit vielen Jahren hierher kommt, weshalb die Hexe inzwischen zu einem Mehrgenerationenhaus geworden ist: Neulich habe sie hier mit ihrem Sohn zusammen zum ersten Mal gemeinsam ein Bier getrunken.

© SZ vom 30.04.2019
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