Kabarett in Gröbenzell:Geistreicher Rüffelhagel

Max Uthoff

Max Uthoff muss nach der langen Corona-Zeit erst mal die Bühne wieder finden, läuft dann aber zu großer Form auf.

(Foto: Leonhard Simon)

Kabarettist Max Uthoff spart in Gröbenzell nicht mit knallharter Kritik

Von Karl-Wilhelm Götte, Gröbenzell

"Hab' erst mal die Bühne suchen müssen, ist 'ne Weile her." Auch fürs Publikum ist's eine Weile her, und inzwischen hat sich viel verändert. Und so fragt Max Uthoff nicht nur sich, was man denn nun erwartet von so einem Abend. Viele Menschen sind gekommen, um den bekannten Kabarettisten zu sehen und einen schönen Abend zu genießen. Das könnte klappen, denn der Abend ist lau, und der Parkplatz vor dem Gröbenzeller Stockwerk, von Bäumen umgeben und vom Vollmond bestrahlt, ist von der Mannschaft des Veranstalters Thomas Breitenfellner liebevoll umgestaltet zu einem perfekten Freilicht-Veranstaltungsort.

300 Besucher schmachten nach Unterhaltung, das spürt man sofort. Endlich mal wieder gemeinsam lachen, aber das Lachen bleibt ihnen angesichts der schonungslosen Darbietung Uthoffs oft im Hals stecken. Niemand bleibt verschont von knallharter Kritik. Kritik wird bei manchem Zuhörer zur Selbstkritik. Der geistreiche Rüffelhagel prasselt so rasant aufs Publikum nieder, dass man einzelnen Gedankenblitzen kaum noch zu folgen vermag. "Beißende" Kritik müssen nicht nur Hundebesitzer aushalten, die ihren Tölen Hundefutter für Milliarden verfüttern, während 1,6 Millionen Menschen bei der Tafel, am Restetisch Deutschlands, ihr Futter holen müssen und in Afrika Jungen ihr Überleben auf der Mülldeponie fristen. Uthoff erfüllt keine Erwartungen und übertrifft alle. Mit schonungsloser Rasanz und einer klaren politischen Haltung fegt er jeden Selbstbetrug vom Tisch, respektive von der Bühne. Milde ist nicht zu erwarten; er nimmt keine Rücksicht und legt sich mit allen an, auch mit sich selbst. Den Fans, egal welcher unfähigen Partei, werden gebündelte Fakten an den Kopf geworfen: Fakten sprechen für sich: "Die reichsten 45 Personen in Deutschland besitzen so viel wie die gesamte ärmere Hälfte." Das Asoziale macht er nicht in der unteren Hälfte aus. "Asozial" passe besser für Susanne Klatten, geborene Quandt, mit leistungslosem Milliardendividendensalär.

Nein, hier gibt es keinen verbalen Öl-Stirnguss. Der 53-jährige Uthoff, 2019 mit dem Hauptpreis des Deutschen Kabarettpreises ausgezeichnet, denkt ungewohnt, ungewöhnlich, quer, global und deshalb richtig: Der Wirtschaftsflüchtling macht eigentlich das Gleiche wie ein Pendler von Nürnberg nach München; beide fahren dorthin, wo es Arbeit und Futter gibt. Das sitzt. Einzelne Worte schneiden präzise wie ein OP-Messer: Während wir uns hier einen "runtergestreamt" haben, sind Hunderte Menschen auf der Flucht ertrunken. Ein einzelner Satz kann furchterregend sein. "Demokratie ist das Betriebssystem des Kapitalismus", sagt Uthoff. Wer darüber nachdenkt, tut etwas Gutes, hat allerdings die nächsten fünf Pointen verpasst.

Die Krise macht die Reichen reicher und die Armen ärmer, reißt Gräben im eigenen Familienkreis auf. Wen kümmern die Armen? Nun ja, "der Reichstag heißt nicht Armenhaus" - damit ist alles gesagt. Man kann diesen Abend als gedankliches und sprachliches Feuerwerk genießen. Man könnte auch versuchen, zumindest einzelne Sätze mitzuschreiben, um später gründlich darüber nachzudenken.

Kaum ein Thema, das derzeit die Erde in Brand setzt oder überflutet, bleibt außen vor. Wer nicht fair kauft, solle sich eingestehen, dass Umweltschutz ihm am Arsch vorbeigeht. Dann eine nachhaltige Empfehlung an SUV-Fahrer: "Wer noch BMW X7 fährt? Suchen Sie sich Hilfe!" Und sonst so, hierzulande? "Die erste Hälfte des Lebens schämst du dich für deine Eltern, die zweite für deine Kinder." Lachen flammt auf und erlischt gleich wieder, weil das in dem Zusammenhang beschämend erscheint.

Moskauer Hunde. Streunende Hunde in der Metropole, verlassen, verwildert, Abertausende, immer bedroht, manchmal bedrohlich, haben in ihrem Elend zurückgefunden zu ursprünglichem Verhalten. Haben Rudel gebildet, sind findig geworden. Können längst mit der Metro fahren; ganz gezielt, morgens rein in die Stadt zu Futterplätzen, abends wieder raus, wie die Pendler. Niemand weiß, wie sie das gelernt haben. Sie haben neue Wege des Vielleicht-Überlebens gefunden, stehen einander bei und wedeln nicht mehr mit dem Schwanz; selbst dann nicht, wenn jemand ihnen Futter anbietet. Ein sehr amüsanter und gelungener Abend mit viel politischer Bildung, für den, der sich bilden wollte. Große Kunst.

© SZ vom 28.07.2021
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