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Jubiläum:Die Verwandlung des Landschulheims

1899 nehmen sich drei Schwestern der Armen Franziskanerinnen im ehemaligen Schloss des Freiherrn Franz von Füll erstmals eines Zöglings an. Damit beginnt die Geschichte eines Hauses in Grunertshofen, das längst kein Internat mehr ist, sondern vielfältige Jugendbetreuungseinrichtung

Von Stefan Salger, Moorenweis

Eine Sache muss Einrichtungsleiter Ewald Wimmer gleich mal klarstellen: Das Landschulheim Grunertshofen, das an diesem Samstag sein 120-jähriges Bestehen feiert, ist nicht zu verwechseln mit einem Schullandheim. Es wurde also nie für ein paar Tage von Schulklassen für mehrtägige Ausflüge besucht. Jetzt aber wird es kompliziert. Denn auch mit einem Landschulheim, unter dem man ein Internat versteht, hat die Einrichtung längst nichts mehr zu tun.

Es ist nicht ganz einfach, den Überblick zu behalten. Wimmer, seit 1994 zuständiger Direktor, hat sich Zeit genommen, um dem Reporter alles zu erklären. Aber er muss da schon ziemlich ausholen, um von der am 17. November 1899 im vormaligen Schloss des Freiherrn Franz von Füll gegründeten Knabenerziehungsanstalt den Bogen zu schlagen zu der modernen Einrichtung, die eine 1971 errichtete Schule ebenso umfasst wie Wohngruppen für Kinder und Jugendliche sowie jugendliche, unbegleitete Flüchtlinge. Beim Betreten des riesigen Gebäudes, das von zwei Kirchtürmen überragt wird, hatte man sich schon mal verlaufen - war durch die von einer Glocke flankierte schwere, altertümliche Tür getreten und erst einmal zwischen Café, Kapelle, Schlafsälen und Aufenthaltsräumen durch endlos lange Flure geirrt. Von der kunstvoll gedrechselten Originaltreppe des 1601 errichteten und vor zwölf Jahren grundsanierten Schlosses lässt man sich schließlich in den zweiten Stock geleiten und trifft dort dann doch noch auf Ewald Wimmer. Der Erziehungswissenschaftler wirkt tiefenentspannt, obwohl er doch Chef ist von 130 Mitarbeitern und der Jugendbetreuungsbereich auch nicht unbedingt als stressfrei gilt. Aber an diesem Tag sind ohnehin fast alle "Tagesgäste" oder Bewohner ausgeflogen - bei Ausflügen oder im Kino. Nur ein paar junge Flüchtlinge, die Wimmer später beim Kickern das Nachsehen lassen, sind da.

Wimmer skizziert mit Blick auf die Jubiläumsfeier der Einrichtung die Historie. Sie reicht von den drei Schwestern der Armen Franziskanerinnen von Mallersdorf und ihrem ersten "Zögling" Heinrich Eiket über die Übernahme durch den Sankt-Vinzenz-Zentralverein zehn Jahre später, die Umwandlung zu einem katholischen Erziehungsheim im Jahr 1935, die Nutzung als Lazarett in den Kriegsjahren bis zum Abzug der Schwestern im Jahr 1985. Vor nunmehr 15 Jahren wurde mangels Nachfrage und zahlungswilliger Eltern die letzte Gruppe des Internats geschlossen, in dem auch der spätere Filmregisseur Joseph Vilsmaier mehrere Jahre verbrachte.

Seither also gibt es zehn Bereiche, in denen Menschen von einem Jahr bis 21 Jahre ambulant, teilstationär oder auch komplett stationär betreut werden. Viele der Kinder und Jugendlichen kommen aus "schwierigen Familien" und werden in Grunertshofen bis zum Schulabschluss oder auch zur Berufsausbildung begleitet. 76 junge Menschen wohnen hier, die angeschlossene Grund- und Mittelschule wird aber auch von knapp 70 externen Kindern aus der Umgebung besucht. Den Mief und die strenge Ordnung der Fünfzigerjahre, die sich auf alten Fotos erahnen lassen, findet man längst nicht mehr. Alles wirkt hell und freundlich, "99 Prozent der Kinder" seien gerne hier, versichert Wimmer. Bunte Collagen neben den Türen der sieben Wohngruppen zeigen lachende Kinder bei Ausflügen ans Meer oder in die Berge - oder bei der Ernte im Obstgarten.

120 Jahre Landschulheim Grunersthofen Moorenweis

"Anstaltsstifter" Georg Heuberger

(Foto: Matthias Ferdinand Döring)

Wie es früher war, das weiß Rudolf Keckeis, 58, noch aus eigener Erfahrung. Der geborene Grunertshofener, der dem Verwaltungsrat des in München ansässigen Sankt-Vinzentius-Zentralvereins angehört, lebte zwar nie im Internat, besuchte aber vor dem Wechsel nach Fürstenfeldbruck die angeschlossene Schule. An vieles erinnere er sich gar nicht mehr, sagt Keckeis. Grundsätzlich seien die Jahre bis 1974 aber eine schöne Zeit gewesen. Die Mallersdorfer Schwestern in ihrer Tracht mit den weißen oder schwarzen Hauben gaben in dem Landschulheim den Ton an, vor allem aber natürlich die Einrichtungsleiter, deren Namen sich noch eingerahmt hinter Glas im Erdgeschoss des Hauses finden, gleich neben dem Durchgang zum Verwaltungstrakt. Anton Schwaiger, der das Landschulheim von 1968 bis 1983 leitete, war der letzte geistliche Direktor, bevor das Haus unter weltliche Führung kam. Den hat Keckeis immerhin noch gut in Erinnerung - als "dynamischen Priester", vor allem aber als Fußballer - technisch versiert und doch rustikal, Typ Augenthaler. Einmal hielt Keckeis im Zweikampf ordentlich dagegen und Schwaiger fiel prompt auf die Nase. Da gab es zwar eine ordentliche Gardinenpredigt, aber die Sache war dann auch wieder schnell vergessen. Ans Kartoffelklauben gemeinsam mit den Internatsschülern erinnert sich Rudolf Keckeis auch noch gut - erst 1986 gab das Landschulheim die angeschlossene Landwirtschaft auf. Zur Belohnung gab's dann das Kartoffelfeuer. In seinem Grußwort wird Keckeis Feier zurückblicken auf die Geschichte, die Grunersthofen bis heute prägt. Gespannt ist er, ob es stimmt, dass mit Schwester Salutaris die möglicherweise letzte noch lebende der damaligen Schwester anreisen wird.

120 Jahre Landschulheim Grunertshofen am Samstag, von 9.30 Uhr an. Von 14 Uhr an präsentieren Kinder und Jugendliche Kunststücke und Clownerie bei der Vorstellung des Schulzirkus' Zappzarap im Zelt auf dem Schulhof.

© SZ vom 29.06.2019

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