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Jesenwang:Spurensuche im Getreidefeld

In der ersten öffentlichen Grabung seit 2007 untersuchen Archäologen einen Acker bei Jesenwang mit Siedlungshinweisen aus vier Jahrtausenden

Von Florian J. Haamann, Jesenwang

Einer der Helfer hält Grabungsleiter Markus Wild ein kleines, erdverkrustetes Teil entgegen. Wild nimmt es zwischen seine Finger, entfernt etwas Erde, schaut es ein paar Sekunden an und fällt sein Urteil: "Keramik. Alt." Wie er das so schnell sagen kann? "Das Stück ist rau und weich gebrannt, seit dem Mittelalter macht man das nicht mehr. Außerdem sind Kieselsteine mit drin, deswegen müsste es prähistorisch sein", sagt der Archäologe und Kreisheimatpfleger Wild. Das Fundstück kommt nun erst einmal in eine kleine graue Kiste zu den anderen Teilen, dokumentiert wird später. Denn diese Woche geht es für die Mitglieder des Historischen Vereins zunächst darum, soviel wie möglich zu graben, in diesem historisch so spannenden Acker bei Jesenwang.

Immer wieder sind dort zahlreiche sogenannte Lesefunde an der Oberfläche gemacht worden. Objekte also, die durch das Umpflügen aus tieferen Schichten an die Oberfläche gebracht worden waren. Und die haben ergeben, dass an dieser Stelle verschiedene Kulturen ihre Siedlungsspuren hinterlassen haben: Die Chamer Kultur zwischen 3500 und 2700 vor Christus, die Kelten der Latènezeit von 450 vor Christus bis etwa ins Jahr 0 und die Heimstettener Kultur von 30 bis 60 nach Christus. Etwa 3000 Jahre lang haben sich also Menschen immer wieder auf diesem Hügel gegenüber des Wildmooses angesiedelt. Warum genau, das können die Archäologen nicht sagen. Aber klar ist: Die Lage ist gut, es gab Wasser und einen weiten Blick über das Gelände, der Boden war wohl einigermaßen fruchtbar.

Mit Zelten schützen sich die Helfer auf dem Feld bei Jesenwang gegen die Hitze.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Deswegen wird nun ein Blick unter die Oberfläche geworden. Drei sogenannte "Schnitte" - Grabungsstellen - hat man sich dafür ausgesucht. Bestimmt wurden die Stellen anhand von Magnetfeldmessnungen. Alle drei haben besondere Abweichungen gezeigt, die sich nun für eine genauere Untersuchung anbieten.

An einer Schubkarre neben einem der Löcher steht Rolf Marquardt. Der 84-Jährige war viele Jahre lang Leiter es Arbeitskreises Vor- und Frühgeschichte und quasi bei allen wichtigen Ausgrabungen im Landkreis in den vergangenen Jahrzehnten dabei. Mit einer Schaufel inspiziert er die abgetragene Erde noch einmal ganz genau, falls beim ersten Durchschauen ein Fundstück übersehen worden ist. "Damit man sich hinterher keinen Vorwurf macht", sagt er. "Man muss nach dem Gehör gehen. Wenn's ein bisschen scheppert, könnte da was sein." In dieser Ladung allerdings scheppert nichts, die Schaufel gleitet still durch die Klumpen. Marquardt ruft einen Kollegen, der die Schubkarre wegfährt und die Erde auf einen großen Haufen mit dem Aushub kippt.

In der Grube, in der möglicherweise Hinweise auf ein Hügelgrab verborgen sein könnten, knien fünf Helfer und tragen akribisch mit kleinen Schaufeln und Kellen den Boden ab, Millimeter um Millimeter. Jeder Verfärbung könnte ein wichtiger Hinweis sein. Vom Grab selbst ist nämlich sicher nichts mehr übrig. Sollte es sich dort befunden haben, sind die Spuren an der Oberfläche längst umgepflügt. Deswegen haben die Grabungsteilnehmer im ersten Schritt den Oberboden mit Spaten ausgehoben, gut 30 Zentimeter, bis etwa zu dem Punkt, der während der jüngsten Eiszeit die Erdoberfläche war. Dort ist alles noch im damaligen Zustand. Sollten die Menschen früherer Kulturen Dinge in Gruben im Boden deponiert haben, bestehen gute Chancen, sie zu finden.

Die Grabungshelfer haben in einem der drei Abschnitte eine Scherbe gefunden.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Mit blauen Nägeln markieren die Helfer die Punkte, an denen sie Funde gemacht haben - nachdem Wild die Objekte als interessant eingestuft hat. Denn genauso wichtig wie die sorgfältige Arbeit in der Grube ist die Dokumentation. Regelmäßig wird deshalb auch fotografiert. Denn nach der Grabung werden die Löcher natürlich wieder aufgefüllt, dann bleibt den Archäologen nur noch das Material, das sie während der Arbeiten angefertigt haben.

Dass der Historische Verein überhaupt eine Grabungserlaubnis bekommen hat, hängt auch damit zusammen, dass die Stelle durch ihre Hanglage und die landwirtschaftliche Nutzung stark von Erosion gefährdet ist. Deshalb geht es nun darum, möglichst viele Funde durch einen Blick in den Boden zu sichern und ihre kulturgeschichtlichen Zusammenhänge zu erklären. Denn nur Funde in ihrer "Originalposition" können den Forschern Aufschlüsse über ihre Bedeutung geben. Findet man Scherben allerdings verstreut über die Oberfläche, kann man daraus nur wenig schließen.

Und so tragen die etwa zwei Dutzend Helfer weiter Stück für Stück den Boden ab. Vor der Hitze sind sie durch Zelte über den Schnitten zumindest ein wenig geschützt. Genau wie die Besucher, die sich am Rande des Ackers über die Grabung informieren können. Dort hat der Historische Verein Informationstafeln, Bänke und Zelte aufgestellt. Denn Gäste sind bei dieser öffentlichen Grabung, der ersten seit 2007, ausdrücklich erwünscht. Gearbeitet wird in dem Feld an der Römertshofener Straße in Jesenwang noch bis kommenden Sonntag, 16. August, täglich von 9 bis 17 Uhr.

Die wahrscheinlich prähistorische Keramikscherbe.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Auf seiner Internetseite www.historischer-verein-ffb.de dokumentiert der Verein täglich den Fortschritt der Grabung.

© SZ vom 12.08.2020
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