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In der Corona-Krise:Frauennotruf muss öfter helfen

Weißer Ring zu mehr häuslicher Gewalt in Corona-Zeiten

Häusliche Gewalt betrifft vor allem Frauen. Jeden dritten Tag tötet ein Mann in Deutschland seine (Ex-)Partnerin.

(Foto: Jan-Philipp Strobel/dpa)

Bis Ende September melden sich mehr von Gewalt Betroffene als im kompletten Jahr 2019

Von Amelie Sittenauer, Fürstenfeldbruck

Bedrohung, Beleidigung, Kontrolle, Missbrauch, Verfolgung, Schläge und Vergewaltigung: Im Jahr 2019 haben sich in Fürstenfeldbruck 260 Personen beim Frauennotruf Fürstenfeldbruck gemeldet, um sich zu ihren Gewalterfahrungen beraten zu lassen. 150 von ihnen, weil sie selbst Betroffene häuslicher Gewalt sind, weitere 110 weil sie, als Angehörige oder Fachkräfte, Menschen kennen, die Gewalt in ihrem sozialen Umfeld erleben müssen. Mit dem Internationalen Tag zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen wird jedes Jahr am 25. November auf die Gewalt aufmerksam gemacht, die Frauen rund um die Welt erleben. Und die Tendenz ist steigend. Mehrmals wurde in den vergangenen Monaten von Hilfsorganisationen auf die Gefahren von Corona-Beschränkungen für Betroffene häuslicher Gewalt hingewiesen. Auch auf lokaler Ebene lässt sich dies durch Zahlen belegen. So haben sich beim Frauennotruf Fürstenfeldbruck in den ersten neun Monaten 2020 bereits mehr Betroffene gemeldet, als im gesamten Vorjahr 2019.

"Wir beraten gewaltbetroffene Frauen, egal ob bei körperlicher, seelischer, psychischer oder sexualisierter Gewalterfahrung. Egal ob akut oder vergangen. Grundsätzlich können sich Frauen in jeder Krisensituation an uns wenden", erklärt Anna Lehrmann, Mitarbeiterin beim Frauennotruf. Die kostenlose Beratungsstelle des gemeinnützigen Trägervereins Frauen helfen Frauen wurde im Jahr 1984 eingerichtet. Fünf sozialpädagogische Beraterinnen, eine davon für gewaltbetroffene Frauen mit Behinderungen, arbeiten heute dort. Sie stehen per Telefon, E-Mail und durch das persönliche Gespräch mit den Frauen in Kontakt und besprechen die individuelle Situation der jeweiligen Person. "Oft wird dann eine Prioritätenliste erstellt, um zu klären, welche Probleme am akutesten sind", erklärt Lehrmann, "wenn es zum Beispiel darum geht, schnell einen Schutz zu installieren, für Frauen und Kinder, durch eine gerichtliche Anordnung".

Neben akuten Krisensituationen beraten Lehrmann und ihre Kolleginnen aber auch zu langfristigen Strategien und zur Existenzsicherung, wie bei kritischen Trennungssituationen und Scheidungen. "Wir machen in der Beratung nur das, was sich die jeweilige Frau auch wünscht, es ist also immer eine sehr individuelle, prozessorientierte und ergebnisoffene Beratung", erklärt Lehrmann. Ganz unterschiedlich würde diese Beratungen dann auch genutzt. Manche Betroffene nehmen nur einen Termin in Anspruch, andere Frauen wiederum sind über ein Jahr an die Beratungsstelle angebunden, vor allem wenn es um traumatische Gewalterfahrungen in der Vergangenheit geht.

Eine der größten Schwierigkeiten für die Geschädigten ist nach Lehrmann die Wohnsituation. Die Sozialpädagogin schätzt, dass sich jede dritte ihrer Beratungen um dieses Thema dreht. "Ich kenne Fallkonstellationen, wo es Partnerschaftsgewalt gibt, aber das Opfer weiterhin mit dem Täter in einer Wohnung leben muss, weil die betroffene Person keine Wohnung findet." Viele von Gewalt betroffene Frauen würden zudem marginalisiert, weil sie entweder jung sind oder arbeitslos, weil sie nach Deutschland eingewandert sind oder ihre Kinder alleine großziehen. Bei der angespannten Situation auf dem Münchner Wohnungsmarkt hätten sie kaum Chancen, eine der begehrten bezahlbaren Wohnungen zu ergattern.

Auch Frauen, die in einem Frauenhaus Zuflucht gefunden haben, sind oft gezwungen, länger als notwendig zu bleiben, weil es keine geeignete Wohnung für sie gibt. Ein Aufenthalt in der Einrichtung ist eigentlich auf sechs Wochen angelegt. Bei manchen Frauen mit Kindern dauere es aber über ein halbes Jahr, bis sich eine neue Wohnmöglichkeit für sie auftue. "Da stoßen wir an unsere Grenzen", meint Lehrmann, "da sind wir wirklich auf Unterstützung angewiesen, von Menschen, die eine Wohnung haben, und die gewaltbetroffenen Frauen eine Möglichkeit bieten wollen, einen Neuanfang frei von Gewalt zu wagen."

Von Gewalt betroffene Frauen, ebenso wie Vermieterinnen und Vermieter, die Frauen einen Neuanfang ermöglichen wollen, können sich beim Frauennotruf unter Tel. 08141/290850 und frauennotruf@fhf-ffb.de melden. Hilfe rund um die Uhr bietet außerdem das bundesweite Hilfetelefon bei Gewalt gegen Frauen unter Tel. 08000/116016.

© SZ vom 25.11.2020
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