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Gröbenzell:Wenn Geld die Moral in arge Nöte bringt

Theater St. Max

Der Pfarrer (Robert Neuner, links) und Ehefrau Marianne (Angelika Haslbeck) halten Lehrer Nägler (Günther Bülig, rechts) für einen Scheinheiligen.

(Foto: Günther Reger)

Die Gröbenzeller Laienbühne Sankt Max verleiht der Komödie "Das Haus in Montevideo" eine nachdenkliche Note - und überzeugt das Publikum

Komödie oder doch Tragödie? Curt Goetz (1888 bis 1960) gilt als einer der renommiertesten deutschsprachigen Komödienschreiber. Auch "Das Haus in Montevideo", 1945 verfasst, wird unter der Rubrik Komödie geführt. Doch Regisseur Manfred Erdmann setzt bei seiner Inszenierung mit der Laienbühne Sankt Max im Gröbenzeller Pfarrsaal einen anderen Akzent. "Es ist kein Lustspiel, es ist eine Tragödie für diesen Mann", sagt er überzeugt am Premierenabend. Der "Mann", von dem der Spielleiter spricht, ist Professor Traugott Hermann Nägler, Lehrer und Vater von sechs Kindern. Erdmann hat auch den Untertitel des Theaterstücks "Traugotts Versuchung" plakativ vorangestellt, um den Gewissenskonflikt des Hauptdarstellers in den Vordergrund zu rücken.

Lehrer Nägler - grandios gespielt von Günther Bülig - ist ein Haustyrann. Er lässt die Familie vor dem Essen Kniebeugen machen und malträtiert sein Umfeld mit ständigen Lateinphrasen. Seine Kinder hat er mit Namen wie Atlanta, Parsival, Lohengrin oder Ultima bedacht. Lachen die Kinder an der falschen Stelle, müssen sie den Esstisch verlassen. Seine Ehefrau Marianne (Angelika Haslbeck) leidet wie die Kinder unter seinem Verhalten, verzeiht dies jedoch ihrem "Traugöttchen". Für sie ist klar: "Wenn er auswärts nicht so viel zu buckeln hätte, müsste er Zuhause nicht den Tyrannen spielen." Für Marianne sind alle Männer generell wunderlich. Am meisten zu knabbern haben jedoch alle Beteiligten an der verstaubten Moral Näglers. Er hat vor langer Zeit seine Schwester aus der Familie verstoßen, weil sie mit 17 Jahren ein uneheliches Kind bekommen hatte. Auch viele Jahre später ist sie für ihn immer noch die "unglückselige Schwester". Das geht selbst dem Pfarrer (Robert Neuner) auf die Nerven. "Er ist ein Scheinheiliger", sagt er zu Marianne. "Er weiß es nicht", antwortet die Gattin, deren Charakter von trockenem Humor geprägt ist.

Viele witzige Dialoge machen die Komik des Stückes aus. Das Publikum amüsiert sich dann auch prächtig. Doch die Lacher der Zuschauer werden nicht billig provoziert. Goetz hat sie feinfühlig in sein Stück eingearbeitet und die Akteure der Bühne Sankt Max setzen sie nach der Regie von Erdmann gekonnt um. Moralapostel Nägler, der bis dato nur ein mickriges Lehrergehalt bezieht und seiner Familie kaum etwas bieten kann, beginnt an seiner Haltung zu zweifeln, als plötzlich eine Erbschaft von der verstorbenen Schwester in Aussicht steht. Plötzlich winken 750 000 Dollar in bar, wenn im Hause Nägler innerhalb eines Jahres ebenfalls ein uneheliches Kind geboren würde. Der Vater denkt dabei natürlich an seine Tochter Atlanta (Vroni Ostermeier) und deren Freund Herbert (Toni Weber). "Niemals, niemals", schreit Nägler aber dann das gemalte Porträt seiner Schwester in Montevideo an. Zuhause hat sich das vermeintliche Millionenerbe bereits herumgesprochen und Nägler wird von den örtlichen Honoratioren schon als der kommende Wohltäter gefeiert, was ihm spürbar schmeichelt.

Marianne erlebt ihren zweifelnden Ehemann. "Alles hat seinen Preis, auch deine Moral", kommentiert sie die Gewissensnöte ihres Mannes, ohne zu wissen, dass es noch eine unerwartete wie amüsante Wendung geben sollte. "Der Vater ist so hin- und hergerissen in Sorge um seine Familie", beschreibt Erdmann die Rolle Näglers.

Günther Bülig gelingt es, diese Zerrissenheit zwischen seinen antiquierten Moralvorstellungen und seiner Eitelkeit glaubhaft darzustellen. "Bülig hat seinen Beruf verfehlt", sagt der 76-jährige erfahrene Regisseur, um die schauspielerischen Qualitäten seines Hauptdarstellers mit Recht hervorzuheben. Erdmann, der bei der Laienbühne seit vielen Jahren Regie führt, hat an Goetz' Text nichts verändert. "Die Dialoge sind so, wie sie sind. Ich lasse immer vom Blatt spielen", erläutert er. "Ich bin nicht intelligenter als der Autor." Er ist bei der Premiere am Samstagabend sehr gerührt vom Einsatz seines Laienensembles. Am Schluss stehen mehr als drei Dutzend Mitwirkende auf der Bühne und werden von Theaterchef Walter Lang belobigt und beschenkt. Eine besonders verdienstvolle Arbeit leisteten auch die Bühnenbauer Klaus Krieger und Lutz Bergmeier. Das eindrucksvolle Bühnenbild samt Plakat und Programmlayout hat Ulrich Marschall entworfen.

© SZ vom 20.10.2015

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