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Gröbenzell:Mehr Fragen als Antworten

Zu viele Tests, zu hohe Fehlerquote: Die Gröbenzeller Allgemeinärztin Birgit Hörger kritisiert so einiges an den Maßnahmen gegen die Pandemie.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Medizinerin kritisiert in Vortrag viele Maßnahmen gegen das Coronavirus

Von Ariane Lindenbach, Gröbenzell

Es gibt Tage, an denen passt alles irgendwie zusammen. Am Donnerstag ist "Lost", englisch für verloren, zum Jugendwort des Jahres gekürt worden, die Zahl der positiv auf das Coronavirus Getesteten erreicht mit 6638 einen neuen Höchststand, Kanzlerin Angela Merkel warnt vor einem exponentiellen Anstieg. Und in Gröbenzell hält die Hausärztin Birgit Hörger unter dem Titel "Mit Weitblick durch die Krise" einen Vortrag über die Pandemie, in dem sie vieles an der aktuellen Situation kritisiert, ohne wirkliche Alternativen aufzuzeigen. Und sie stellt mehr Fragen, als sie Antworten gibt. Die Referentin - manche mögen sie aus ihrer Praxis kennen, andere weil sie schon öfter auf den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen in Olching gesprochen hat - räumt selbst ein, ratlos zu sein und viele unbeantwortete Fragen zu haben.

Birgit Hörger, die im Gröbenzeller Gewerbegebiet eine Hausarztpraxis betreibt, zeigt am Anfang und Ende ihres eineinhalb Stunden dauernden Referats kurze Filme der "Mainstream-Medien", wie sie sie nennt. Es sind Beiträge aus Nachrichtensendungen von ARD und ZDF mit dem Tenor, dass die Folgen der durch die Pandemie bedingten Einschränkungen weit größere Schäden an Gesundheit und Wirtschaft brächten, als es Covid-19 bislang getan hätte. Dass zumindest ein Film inzwischen von der offiziellen Homepage gelöscht wurde, veranlasst die Referentin zu der Mutmaßung, die öffentlich-rechtlichen Medien würden manipuliert.

Ein anderer Vorwurf lautet: "In den Mainstream-Medien werden die Zahlen gebracht, so dass man eher Angst hat", beanstandet die Medizinerin die tägliche Meldung der Neuinfektionen. Diese Angst werde bewusst geschürt, um die Bevölkerung gefügig zu machen. Ihre These unterlegt sie mit einem kurzen Text, den sie wie den Film an die Wand projizieren lässt. Hörger zufolge wurde er im Frühjahr von der Bundesregierung veröffentlicht. Es geht darin um Ansteckungswege, erklärt am Beispiel eines mit Freunden spielenden Kindes, das ein Elternteil mit dem Coronavirus infiziert. Es ist ein Worst-Case-Szenario mit tödlichem Verlauf. Der Auszug wurde von der Referentin mit dem Satz "Du willst doch nicht, dass Oma und Opa sterben" überschrieben.

Den knapp 50 Zuhörern im Saal des Freizeitheims sagt Hörger: "Das wird veröffentlicht, damit die Menschen genug Angst haben, dass sie die Maßnahmen einhalten." Sie moniert in dem Zusammenhang: "Es wird sehr viel manipuliert mit den Gefühlen." Wenige Minuten davor hatte die Referentin ein Foto ihrer Mutter gezeigt, wie sie mit über 90 ihren noch ganz jungen fünften Urenkel im Arm hält. Sie sei ihrer Mutter "dankbar", dass die noch im Dezember gestorben sei. Damals gab es keine Kontaktbeschränkungen, keine Einschränkungen bei Beerdigungen. Und auch keine Warnungen vor Besuchen von anderen Familienmitgliedern.

Hörger hat viele Punkte, die sie im Umgang mit dem Coronavirus kritisiert: Die vielen Tests, die Fehleranfälligkeit der Tests, die Weltgesundheitsorganisation WHO, die mittlerweile zu 80 Prozent von externen Akteuren finanziert werde und deshalb manipulierbar sei, die Sinnhaftigkeit von Schutzmasken und die Impfstoffe, an denen aktuell geforscht wird, um nur die wichtigsten zu nennen. Manches erscheint nachvollziehbar, etwa wenn sie mehr Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts zu den verhängten Einschränkungen fordert. Anderes hingegen ist sehr widersprüchlich. Beispielsweise, wenn sie eingangs die WHO kritisiert, und am Ende ein "hochrangiges Tier" der WHO zitiert, das den Lockdown missbilligt. Vollständige Namen oder Quellenangaben fehlen oft; eine entsprechende Nachfrage vom Freitag will Hörger erst nächste Woche in Ruhe beantworten.

Das Interesse an dem von Cordula Braun organisierten Vortrag war so groß, dass Hörger ihn drei Mal hält. Braun sitzt seit 2014 für die Unabhängige Wählergemeinschaft Gröbenzell im Gemeinderat. Wie sie betont, hat sie den Vortrag als Privatperson organisiert, nur unterstützt von Karin Spangenberg. Ihre Intention: "Ich will eine breitere Diskussionsgrundlage schaffen."

© SZ vom 17.10.2020

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