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Gröbenzell:Kapitän als Retter

Informationen aus erster Hand: Kapitän Friedhold Ulonska (Mitte) mit Walter Voith von den Grünen (links) und Sebastian Gailer vom Kino.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Etwa drei Dutzend Zuschauer diskutieren in den Gröbenlichtspielen mit Friedhold Ulonska, der Flüchtlinge aus dem Mittelmeer geborgen hat

Von den einzelnen menschlichen Schicksalen, die sich seit Jahren auf den Fluchtrouten Richtung Europa abspielen, erreicht die deutsche Öffentlichkeit nicht viel. Es sind Heldenfiguren wie Carola Rackete, die die humanitäre Katastrophe im Mittelmeer sichtbar gemacht haben. So hat es die zivile Seenotrettung mittlerweile auch auf die Kinoleinwand geschafft.

Friedhold Ulonska ist einer der Kapitäne, die im Mittelmeer Geflüchtete vor dem Ertrinken retten. Seit 2016 steuert er Schiffe unterschiedlicher Rettungsmissionen, neun waren es bisher. Am vergangenen Mittwochabend war er zu Besuch in den Gröbenlichtspielen, wo der Film "Die Mission der Lifeline" von Markus Weinberg und Luise Baumgarten gezeigt wurde. Die kürzlich erschienene Dokumentation begleitet eine ehrenamtliche Crew von Seenotrettern bei ihrem Kampf gegen politische Gegner, bürokratische Widerstände und die tickende Zeit in den gefährlichen Fluten. Man sieht Schlauchboote mit 150 Passagieren, die lieber ertrinken würden, als in die libyschen Lager zurückzukehren. Die Bilder wechseln sich ab mit Momentaufnahmen von Pegida-Aufmärschen in Dresden, der Heimatstadt des Lifeline-Vereins. Den etwa 35 Zuschauern erzählte Ulonska vor Beginn des Films, wie er als Kapitän zu der Mission gekommen ist. Als in den Jahren 2013 bis 2015 die Flüchtlingsströme angestiegen sind, sei aus: "da müsste man was tun", " für den Unternehmensberater mit nautischen Kenntnissen: "ich mach jetzt was", geworden.

Ulonska sprach von zunehmenden Bestrebungen, die Arbeit der Helfer zu behindern. Erst zwei Tage vor seinem Besuch in Gröbenzell hat er vor Gericht eine einstweilige Verfügung gegen Italiens Innenminister Matteo Salvini erwirkt, wonach dieser keine Bilder mehr von ihm veröffentlichen darf. Ein kleiner Sieg, und doch ein Schritt in die richtige Richtung. Denn durch Populisten wie Salvini wurde das Thema in den vergangenen Jahren zur Stimmungsmache instrumentalisiert und verfälscht. Diejenigen, die von den einen als Helden gefeiert werden, werden von den anderen als Projektionsfläche für politischen Unmut missbraucht. Über Schlepper wird da gesprochen, Kriminelle. In den Gröbenlichtspielen merkt man von solchen Vorbehalten nichts. Das Thema selbst oder die Grünen als Veranstalter generieren ein Publikum zu generieren, das sich über die Seite im Klaren ist, auf der es steht.

An den Leuten vorbeigegangen ist der Diskurs aber nicht, wie sich in dem anschließenden Gespräch zeigt. Eine der wenigen jüngeren Zuschauerinnen fragt, was man dem Vorwurf des "Pull-Faktoren", also dem Anreiz, den die Retter angeblich für eine Flucht übers Mittelmeer schaffen, entgegensetzen könne. Eine weißhaarige Dame bemerkt kritisch, dass auch im Film eine deutliche Überzahl an männlichen Geflüchteten zu sehen sei. "Lassen die ihre Frauen einfach zurück?", fragt sie in den Saal. Ulonska nimmt sich die Zeit, auf alle Fragen ausführlich einzugehen. Mit dem Publikum teilt er sein Unverständnis darüber, dass auf politischer Ebene, namentlich von der EU-Kommission, keine aktive Hilfe geboten, sondern im Gegenteil die libysche Küstenwache finanziell dabei unterstützt werde, Personen an der Flucht zu hindern.

Vor dem Ausgang des Kinosaals steht eine Spendenbox. Doch es wäre fehlgeleitet anzunehmen, dass es hier um das Einnehmen von Geldern aus der Bevölkerung geht. Es ist ein bewegender Abend, der zum Gespräch anstiften und einmal mehr zeigen soll, wovor man seine Augen nicht verschließen darf.