bedeckt München -2°

Gröbenzell:Kälte statt Kultur des Willkommens

Asyl Gröbenzell

In diesem Anwesen in der Jägerheimstraße in Gröbenzell zu wohnen, hält das Landratsamt auf Dauer für Flüchtlinge für unzumutbar.

(Foto: Günther Reger)

Eine schwer traumatisierte Witwe reagiert mit einem Suizidversuch auf die Anordnung des Landratsamts, binnen Stunden die Wohnung zu räumen. Gröbenzell missbilligt die von Asylhelfern geschilderten Vorfälle

Von Gerhard Eisenkolb, Gröbenzell

Mit dem Vorwurf, menschenverachtend mit Flüchtlingen umzugehen und die Folgen einer zu kurzfristig umgesetzten Anordnung nicht bedacht zu haben, sieht sich das Landratsamt durch Gröbenzeller Asylhelfer und den Gemeinderat konfrontiert. Der Grund: Am 2. Mai erfuhren drei Großfamilien, die in Häusern an der Jägerheim- und der Jägerstraße wohnten, dass sie ihre Habseligkeiten bis zum nächsten Morgen packen und umziehen müssten. Eine traumatisierte Witwe aus Afghanistan, die mit vier Töchtern in einem der Häuser lebte, unternahm daraufhin einen Suizidversuch. Die Frau wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.

Diesen Vorfall und andere Missstände schilderten am Donnerstagabend drei Asylhelferinnen dem Gemeinderat. Einstimmig beschloss das Gremium, das Vorgehen zu missbilligen und eine Resolution vorzubereiten. "Wir sind empört über diese Anordnungen und fühlen uns dadurch in unserer manchmal mühseligen und anstrengenden Integrationsarbeit zum Wohl übrigens nicht nur der Flüchtlinge, sondern auch zum Wohl unserer Gemeinde, verhöhnt und jeglichen Respekts beraubt", sagte Lilo Nitz, Sprecherin der Asylhelfer. Elisabeth Neu, Patin einer der Familien mit fünf Kindern, forderte vom Gemeinderat Ungehorsam gegenüber dem Landratsamt und sagte: "Holt die Leute zurück."

Laut Nitz hat die Anordnung die Suizidgefährdete destabilisiert. Die Wohnung habe die Frau erhalten, um sie und ihre Töchter zu schützen und ihnen zu vermitteln: "Hier seid ihr sicher." Die Witwe und zwei der Töchter seien während der Flucht wiederholt massiver sexueller Gewalt ausgesetzt gewesen. Drei der Töchter fanden ihre Mutter nach dem Suizidversuch bei der Rückkehr von der Schule in der Wohnung. Das habe die Kinder in die Retraumatisierung gestürzt. Bei einer anderen Familie mit fünf Kindern soll die Umzugsaufforderung wegen des Verlusts von Bezugspersonen zu Panik, Aggression, Apathie, und Angst geführt haben. Dabei sei mit dem Objektleiter besprochen gewesen, den Umzug schonend vorzubereiten. Die Flüchtlinge sollten das neue Quartier mit Paten besichtigen, es sollte ihnen zwei bis drei Wochen Zeit gegeben werden, sich auf die Situation einzustellen. Plötzlich habe die Absprache nicht mehr gegolten. "Sofort einpacken, morgen Früh um 9 Uhr kommt der Umzugswagen, der euch nach Maisach bringt. Private Habseligkeiten wie Möbel, Teppiche oder Haushaltsgeräte dürfen nicht mitgenommen werden. In der neuen Unterkunft in Maisach erhaltet ihr ein Zimmer für eure Familie. Da ist alles drin, was ihr braucht: ein Tisch, ein Kühlschrank, drei Stockbetten, ein Metallspind und ein Stuhl pro Person", beschrieb Nitz den Umgang. In Maisach teilen sich sieben Familien eine Küche und Sanitäranlagen.

Auch die Nachricht, die Gröbenzeller Unterkünfte seien massiv überbelegt, schockierte die Zuhörer. So teilen sich in der Poststraße vier Frauen ein 16 Quadratmeter großes Zimmer. Eine von ihnen sei körperbehindert, eine hochschwanger, eine weitere so traumatisiert, dass sie nachts häufig aufstehe, so dass die im Stockbett darunterliegende Schwangere um ihr Baby fürchte. In der gleichen Wohnung muss sich eine Frau mit Baby mit einer sechs Quadratmeter großen Kammer begnügen. Die 30 genehmigten Plätze in Wohncontainern in der Olchinger Straße seien mit 46 Personen belegt. Die Folge seien Gereiztheit, Kämpfe um die wenigen Herdplatten und Waschmaschinen sowie tätliche Auseinandersetzungen. "Soll das von Herrn Seehofer so sehr geforderte und jetzt so gerühmte Ende der Willkommenskultur im Umgang mit Flüchtlingen wirklich dieses Gesicht haben?", fragte Nitz. Gemeinderätin Claudia O'Hara-Jung sprach von einem Verschulden des Landratsamts, Markus Rainer (Grüne) merkte an, ihm passten solche Verhältnisse grundsätzlich nicht. Der Gemeinderat sei gefordert zu sagen, wie er das Geschehen finde. Das soll in der Resolution geschehen, für die Zweiter Bürgermeister Martin Runge (Grüne) um Vorschläge bat.

Eine Landratsamtssprecherin wies den Vorwurf der Menschenverachtung zurück. Die Flüchtlinge seien nun besser als zuvor untergebracht, die Zustände in den Häusern untragbar gewesen. Da die Regierung auslaufende Mietverträge nicht mehr verlängert, habe es zum Umzug keine Alternative gegeben. Laut der Sprecherin sei der Umzug nicht Stunden, sondern Tage zuvor angekündigt worden. Zudem habe die Möglichkeit bestanden, das bessere Quartier zu besichtigen. Üblich sei es auch, dass Flüchtlinge bei einem Wechsel weder Möbel noch Hausrat mitnehmen dürfen. "Wenn alles vorhanden ist, muss man nichts mitnehmen", so die Sprecherin. Trotzdem werde jedes Stück angeschaut und bei Bedarf eingepackt. Die Überbelegung wurde bestätigt. Als dem Landkreis im Januar je Woche 78 Flüchtlinge zugewiesen wurden, wurde in Zweibettzimmer ein weiteres Bett gestellt. Die Alternative habe in der Belegung weiterer Turnhallen bestanden. Die Überbelegung soll aber nur bleiben, bis es neue Unterkünfte gibt.

© SZ vom 14.05.2016
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema