Gröbenzell Für eine "enkeltaugliche Landwirtschaft"

Ingo Priebsch (von links) moderiert die Veranstaltung mit dem Biobauern und Landtagsabgeordneten Hans Urban, Kurt-Jürgen Hülsbergen, Stephan Paulke von Basic und Josef Wetzstein von Bioland.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Experten bei einer Podiumsdiskussion sind sich einig: Die Bauern müssten mehr auf die Natur achten

Von Ingrid Hügenell, Gröbenzell

Im Supermarkt stellen sich vielen Verbrauchern schwierige Fragen: Soll man lieber die Öko-Äpfel aus Neuseeland oder die konventionellen aus Südtirol kaufen? Nimmt man die eingeschweißte Bio-Gurke oder die unverpackte, die aber auch aus Bayern kommt? Wer etwas gegen Plastikmüll, Artensterben und den Klimawandel tun will, denkt meist auch darüber nach, was er einkaufen und wie er sich und seine Familie ernähren will. Bei einer Podiumsdiskussion in Gröbenzell, moderiert von Ingo Priebsch, versuchten auf Einladung der Grünen vier Experten Antworten auf die Frage "Wie öko ist Bio?" zu geben. Gekommen waren etwa hundert Zuhörer aus dem Landkreis und aus München.

Professor Kurt-Jürgen Hülsbergen, Leiter des Lehrstuhls für ökologischen Landbau der TU München, stellte eine einfache Regel auf: Am besten kaufe man bio, regional und saisonal ein, also Lebensmittel aus ökologischem Landbau, die in der Nähe erzeugt wurden und auch gerade hier reifen. Erdbeeren aus Chile oder Andalusien fallen also beispielsweise aus. Öko-Äpfel aus Neuseeland oder Südamerika können aber sinnvoll sein, da der Transport nur wenig energieaufwendiger ist als die Lagerung der in Europa gewachsenen Äpfel in riesigen, gekühlten Hallen.

In Hülsbergens Institut wird experimentell untersucht, wie sich die Landwirtschaft auf die Umwelt auswirkt. In einer neuen Studie haben die Wissenschaftler Öko-Betriebe und direkt daneben liegende konventionelle untersucht. "Wir wollen die Landwirtschaft besser machen", erklärte der Professor. "Auch die ökologische." Dabei schneide die ohnehin erheblich besser ab als die konventionelle, was negative Auswirkungen auf die Umwelt angehe. Das liegt schon allein daran, dass Ökobetriebe giftfrei arbeiten, also ohne Fungizide, Herbizide und Pestizide, und auch keine chemisch erzeugten Düngemittel einsetzen. Auf Öko-Betrieben sei die Artenvielfalt viel größer als auf konventionellen, sagte Hülsbergen, und pro Fläche werde nur die Hälfte an Treibhausgasen frei, allerdings bei etwas geringeren Erträgen.

Der Ökolandbau habe so viele Vorteile, dass für ihn klar sei: Bio gehe vor regional. "Idealerweise hat man beides", sagte Hülsbergen. Der Verbraucher müsse ökologisch erzeugte Produkte kaufen und bereit sein, dafür mehr zu bezahlen, dann könnten die Anbauflächen wachsen. "Sie entscheiden das mit", sagte er den Zuhörern. "Das gibt einem ein gutes Gefühl."

Wie Hülsbergen ist auch Stephan Paulke, der Vorstandsvorsitzende der Basic AG, einer Handelskette von Bio-Supermärkten, davon überzeugt, dass sich das Konsumverhalten ändern muss. "Das Überleben der Menschheit wird davon abhängen, dass wir zu einem anderen Lebensstil finden", sagte er. Das Einkaufen im Bioladen ist für ihn eine "Abstimmung mit dem Kassenbon". Basic ist Mitglied im "Bündnis für enkeltaugliche Landwirtschaft", dem auch namhafte Bio-Hersteller wie Neumarkter Lammsbräu, Allos, die Schweisfurth-Stiftung und Rapunzel gehören.

Von einer "Landwirtschaft, die man auch morgen noch betreiben kann" sprach auch Josef Wetzstein, der Landesvorsitzende von Bioland Bayern und stellvertretender Vorsitzende des Landesvereinigung für den ökologischen Landbau Bayern. Der ökologische Landbau brauche wesentlich mehr Unterstützung, sagte Wetzstein, vor allem aus der Politik. Um den Landwirten mehr Absatzmöglichkeiten zu sichern, kooperiert Bioland seit Kurzem mit dem Discounter Lidl. Paulke lehnt das ab. "Mit Billig-Bio wird auch viel kaputt gemacht", argumentierte er.

Über seine Erfahrungen als Politiker sprach der Eurasburger Bio-Landwirt und Landtagsabgeordnete Hans Urban (Grüne). "Es ist ernüchternd", sagte er. Die Politik unterstütze die Ökobauern zu wenig. "Es gibt Kollegen im Landtag, die bezweifeln das Artensterben. Die bezweifeln, dass es 20 bis 30 Prozent Ökolandwirtschaft geben kann." Als Grüner stelle man zwar Anträge, habe es aber mit den "Hardlinern zu tun. Urban setzt daher auf Volksbefragungen wie das Volksbegehren zur Artenvielfalt. Der Kooperation Bioland-Lidl steht der Biobauer positiv gegenüber. "Man muss die Verbraucher erreichen und die Vertriebswege bestmöglich ausreizen." Wetzstein zufolge haben die Verbraucher die Möglichkeit, die Bio-Landwirtschaft zu fördern: "Zehn Prozent ihres Einkommens geben die Deutschen für Lebensmittel aus. Wenn sie zwölf Prozent ausgeben, können wir alles bio machen", sagte er.

Dass das nicht für alle einfach ist, zeigte die Wortmeldung eines Emmeringers. Er versuche, sich ökologisch zu ernähren, lebe aber vom Arbeitslosengeld II (Hartz IV), sagte der Mann: "Ich muss sparen." Seine Forderung: Die Landwirtschaft solle so subventioniert werden, dass alle sich ökologisch erzeugte Lebensmittel leisten könnten. Landwirtschaftsexperte Hülsbergen sagte dazu: "Das Geld ist da, es müsste nur anders verteilt werden." Subventionen müssten an Leistungen gebunden werden, die dem Gemeinwohl dienen: Biodiversität, Tierwohl, Grundwasserschutz. "Aber so läuft es nicht. Langfristig geht daran aber nichts vorbei."