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Gröbenzell:Ein Teil von Deutschland

Online-Doku über Migrantinnen sensibilisiert Zuschauer

Von Elisabeth Deml, Gröbenzell

Der Film "Töchter des Aufbruchs" präsentiert die Lebensgeschichte von Einwanderinnen nach Deutschland. Zu sehen sind klassische Gastarbeiterinnen der Sechzigerjahre, politische Flüchtlinge und junge Erwachsene mit Migrationshintergrund. Die Regisseurin Ulrike Bez stellt die Eindrücke, Freuden und vor allem Hoffnungen der Frauen in den Fokus und greift die Begriffe "Heimat" und "Zugehörigkeit" aus verschiedenen Perspektiven auf. Am Mittwoch hat das interkulturelle Kino Gröbenzell eine Online-Ausstrahlung des Dokumentarfilms mit anschließendem Publikumsgespräch angeboten. Anwesend waren sowohl die Filmemacherin Ulrike Bez als auch Darstellerin Roula Ukkeh.

"Heimat ist dort, wo wir uns begegnen und aufrichtiger Austausch möglich ist", erklärt Bez. 2010 begann ihre Produktion mit intensiver Vorbereitung. Mehrmals monatlich traf die Regisseurin die Darstellerinnen des Dokumentarfilms, darunter auch Roula Ukkeh. Diese war ursprünglich als Übersetzerin tätig und erklärte sich kurzfristig bereit, als Protagonistin mitzuwirken.

"Ich empfand es als große Chance, meine Geschichte und die meiner Eltern erzählen zu dürfen", berichtet sie und fügt hinzu: "Migranten sind keine Hilfsbedürftigen. Sie sind Menschen, die etwas geleistet haben und Deutschland weiterhin bereichern wollen." Der Film gibt Aufschluss über die Schwierigkeiten, mit denen sich die einzelnen Frauen bei ihrer Ankunft konfrontiert sahen. Verständigungsprobleme stießen auf aggressives Unverständnis der Arbeitgeber. Begrenzte Berufsmöglichkeiten, trotz Ausbildung und Studium, erschwerten den Alltag. "Dabei wird oftmals vergessen, dass diese Frauen unsere Gesellschaft mit aufgebaut haben", betont Ukkeh. "Sie bilden keine Randgruppe. Mit ihren Geschichten und Traditionen bereichern sie Deutschland vielmehr. Wir sind eben eine kunterbunte Gesellschaft. Wanderbewegungen gehören seit Menschengedenken dazu."

Die Vorführung trifft bei den Zuschauern auf positive Resonanz. "Vielen Dank für diesen ergreifenden Film", schreibt eine Teilnehmerin in den öffentlichen Chat des Programms BigBlueButton. Es ermöglicht einen gemeinsamen Austausch unter den 37 Interessenten, die aus ganz Deutschland zugeschaltet sind. Durch den Film erhofft sich Bez eine Sensibilisierung der deutschen Gesellschaft. "Ich lehne Integration, so wie sie heutzutage in Deutschland verstanden und überwiegend angewandt wird, ab. Ich überspitze das bewusst, aber Integration bedeutet in den meisten Fällen Anpassung."

Deshalb engagiert sie sich zusammen mit Roula Ukkeh für das gemeinsame Miteinander verschiedener Kulturen auf Augenhöhe. "Es geht eben nicht darum, die eigene Kultur der anderen überzustülpen. Es ist nicht so wichtig, wo wir herkommen, viel wichtiger ist, wo wir gemeinsam hinwollen." Bez äußert den Wunsch, eine bessere Aufklärungsarbeit zum Thema Migration zu leisten. "Das deutsch-italienische Anwerbeabkommen besteht seit rund 65 Jahren. Es müsste doch viel mehr darüber berichtet werden", kritisiert sie.

Den Dokumentarfilm "Töchter des Aufbruchs" präsentiert Bez in ganz Deutschland, auch an Schulen. "Dort wirkt der Film wie eine gute Medizin. Die Schüler erkennen auf einmal ihre eigene Familiengeschichte wieder." Die müsse ein fester Bestandteil in der Bildungsarbeit werden. "Veränderung beginnt im Kopf", sagt Bez. "Diese Töchter haben unsere Gesellschaft mit aufgebaut und bereichert, sie sind ein Teil von Deutschland."

© SZ vom 16.01.2021
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