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Ausstellung über Magersucht:Bilder, die den Tod überleben

Auf bedrückende und beeindruckende Weise thematisierst eine Ausstellung das Thema Magersucht

Von Florian J. Haamann, Gröbenzell

Die Kluft zwischen Selbstwahrnehmung und Realität ist das Thema dieser zwei Zeichnungen

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Es ist schwer in Worte zu fasen, was da aktuell in einer Gröbenzeller Ausstellung zu sehen und zu erfahren ist: Die Geschichte einer jungen Frau, die 1987, mit 22 Jahren, keinen anderen Ausweg für sich gesehen hat als den Suizid - nachdem sie jahrelang unter ihren Krankheiten Magersucht und Bulimie gelitten hat.

Erzählt wird die Geschichte nun nach 28 Jahren von Christiane Lange, der Schwester der Künstlerin Kora L. Auch Lange litt damals an Magersucht. Mittlerweile hat sie die Krankheit seit Jahrzehnten im Griff und den Tod ihrer Schwester verarbeitet. Nun, erzählt sie, war sie bereit, die unzähligen Bilder und Texte, die ihre Schwester hinterlassen hat, "weiterleben zu lassen". Die Ausstellung in der Galerie des Bürgerhauses ist bedrückend und beeindruckend zugleich.

Drei Themen hat Kora L., die künstlerisch hochbegabt war und kurz vor der Bewerbung an der Kunstakademie stand, neben der Beschäftigung mit der Krankheit in ihren Werken festgehalten: Die Frage nach dem Sinn des Lebens; das Grauen, das die vielen Therapien für sie bedeuteten, und die Frage nach dem passenden Tod. Im Zentrum der Zeichnungen steht fast immer ein stilisiertes Männchen, bis auf wenige Ausnahme in einem schwarz-weißen Oberteil. Deutlicher hätte Kora L. wohl nicht ausdrücken können, wie sie sich fühlt und sieht: als Gefangene.

Mit einfachen Strichen zeichnete Kora L. kurze Situationen oder kleine Comics. Jedes Bild erzählt dabei eindrücklich eine Geschichte und gibt einen tiefen Einblick in ihr Seelenleben. Auch wenn es nur die Geschichte einer einzelnen Person ist, die da zu sehen ist, hat man als Betrachter das Gefühl, mehr über Magersucht und Bulimie zu erfahren als auf sonst irgendeinem Weg.

Eines der letzten Bilder, das Kora L. gezeichnet hat, zeigt das stilisierte Männchen, das vor einem riesigen Berg steht. Das Wort Magersucht füllt den Berg. Die Figur hat eine kleine Spitzhacke in der Hand, auf der anderen Seite des Berges steht eine Gruppe von Menschen, in bunten Farben gemalt, einige von ihnen halten ein Transparent mit dem Schriftzug "Viva-la-Vi[SIC!]" in die Höhe.

In zahlreichen Tagebüchern hält die Künstlerin ihre Gedanken fest.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Doch durch das Bild wird nicht nur die Sehnsucht danach deutlich, diesen unüberwindbaren Berg zu durchbrechen. Christiane Lange, die selbst lange Zeit mit der Krankheit gelebt hat, weist noch auf etwas anderes hin. "Es zeigt, dass viele Magersüchtige gar nicht in Betracht ziehen, dass andere ihnen helfen könnten. Sie glauben, mit der Krankheit alleine zu sein", sagt sie.

Einen isolierbaren Grund, warum sie und ihre Schwester erkrankt sind, könne sie zwar nicht nennen. Aber viele kleine Gründe. In der Familie sei es immer still zugegangen, Kommunikation habe es nicht gegeben. Genau wie das, wonach sich Magersüchtige meist am meisten sehnen: Liebe und Bestätigung. Das drückt sich auch in einer kleinen Zeichnung von Kora L. aus. Das Männchen sagt zu seinem Gegenüber: "Ich hätte gerne etwas Zu-neigung". Und die bekommt es. Der andere neigt sich ihm entgegen. "Ich erinnere mich noch, wie ich das erste Mal bei Freunden war, bei denen am Tisch heftig und auch laut diskutiert wurde. Ich war total überfordert. Ich kannte das einfach nicht", erzählt Lange.

Wie schlimm die Therapien und Krankenhausaufenthalte für sie waren, macht Kora L. in zahlreichen Zeichnungen deutlich. Einmal stellt sie den Therapeuten als Parkuhr da, in die man eine Münze wirft. Dafür bekommt man 20 Minuten Sprechzeit. Ärzte und Schwestern scheinen sich nie für das Seelenleben des Mädchens zu interessieren, sondern nur sauer darüber zu sein, dass es nicht endlich zunimmt. Dabei sind die Bilder nie naive Zeichnungen, sondern stets scharf auf Papier gebrachte Gedanken, Gefühle und Reflexionen ohne überflüssige Ausschmückungen. Genau das macht sie so wertvoll.

Das Zeichnen sei für ihre Schwester die einzige Möglichkeit gewesen, zu kommunizieren, erzählt Christiane Lange. Statt mit den Therapeuten zu sprechen, habe sie ihnen immer nur ihre Bilder oder Tagebucheinträge gegeben. Wie viele Seiten Kora L. geschrieben hat, kann Lange nicht sagen. "Ich habe sie nur mal gewogen, es sind zehn Kilo Papier", erzählt sie.

Neben den Bildern ist in der Ausstellung auch eines der Tagebücher zu sehen. Sie sind eng beschrieben, auf der aufgeschlagenen Seite klebt außerdem ein Bild von einer Scheibe Brot, einem Stück Käse und ein Messer. Zu lesen ist unter anderem folgender Satz: "Ich sollte das mit dem Kunststudium machen. Um meine Bilder weiterleben zu lassen." Doch zu einer Bewerbung kam es nicht mehr. Am 18. Mai 1987 starb sie an einer Überdosis Tabletten. Es war nicht der erste Versuch.

Auch in ihren Bildern hat sie sich mehrmals mit den Thema Suizid beschäftigt. In einer Zeichnung stellt sie vom Aufschneiden der Pulsadern bis zum Sprung von einem Hochhaus verschiedene Möglichkeiten vor. Am unteren Rand des Bildes allerdings zeigt sich, dass eigentlich alle Wege die falschen sind.

Denn am liebsten würde das Männchen einfach zu Staub zerfallen. In einem Comic vom 12. Mai nimmt sie dann die Ereignisse vorweg. Noch einmal denkt das Männchen nach. Seine Lösung: Zum Tablettenschrank schleichen und alles schlucken, was da ist. Wie der Giftcocktail wirkt, zeigen die folgenden Bildchen: Der Kopf wird grün, gelb, blau, rot, lila - und jedes Mal verzerrter. Das letzte Bildchen bringt dann die Erlösung. Es zeigt eine Bahre mit einem zugedeckten Körper. Auf einem großen Bild daneben ist der Tod zu sehen. Ganz entspannt blickend, eine Hand lässig in der Hosentasche versenkt.

Ausstellung "Zwischen Kunst und Wahnsinn" in der Galerie des Bürgerhauses Gröbenzell. Zu sehen bis zum 28. Juni.

© SZ vom 24.06.2015
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