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Grafrath:Ode an Karl Valentin

Heike Maltan und Markus Weimann auf der Bühne des Rassoburg-Theaters in einer Szene von Karl Valentins "Der Hasenbraten".

(Foto: Günther Reger)

Rassoburg-Theater widmet Komiker und Volkssänger sehenswerten Abend

Von Manfred Amann, Grafrath

"Mögen hätt' ich schon wollen, aber dürfen hab' ich mich nicht getraut." Mit solch skurrilen Sprüchen oder mit dem Lied "Ja so warn's, de oiden Rittersleit" hat sich Karl Valentin unvergesslich gemacht. Dass ihm das Grafrather Rassoburg-Theater nun zum 139. Geburtstag einen Abend mit Lesungen, szenischen Darstellungen widmet, hätte dem Meister des Sprachwitzes und der Slapsticks sicher gefallen. Und auch, dass sich die Mitglieder des Theaters so in seine teils arg undurchschaubare Volkssänger-, Couplet- Schreiber- und Komiker-Seele hineinversetzen können.

Eigentlich sollte die von Kulturreferentin Sybilla Rathmann im Zuge der "Sommerbande in Grafrath" organisierte Veranstaltung auf dem Vorplatz des Rathauses stattfinden. Wetterbedingt lauschten die etwa 40 Besucher den originellen und tiefgründigen Darbietungen dann aber in den Räumlichkeiten der Arbeiterwohlfahrt. Neben Szenenapplaus nach jedem Auftritt gab es am Schluss stehende Ovationen. Und zum Dank zitierten Darsteller Sprüche, Kalauer und Geschichten von Ludwig Fey, wie Valentin mit bürgerlichem Namen hieß. Einen Brief zum Beispiel, den er an einen Freund als Dank für dessen "freundschaftliche Schuftigkeit" verfasste, oder Valentins Wunsch an Bekannte, ihm Schnee zu schicken, weil er nicht glaube, dass es beim Adressaten schneit.

Durch das Programm führte Helma Dreher, die mit Gitarrenbegleitung "das Lied vom Sonntag" sowie "Expressionistischer Gesang" und das "Klagelied von der Wirtshaussemmel" vortrug. Aufmerksam und immer wieder schmunzelnd verfolgten die Zuhörer den Weg von Semmeln vom Bäcker bis ins Wirtshaus, wo sie ein schweres Dasein führen, weil sie "neben ihren Kolleginnen, römischen Weckerln, Loabaln und heruntergeschnittenen Hausbroten" kaum Beachtung finden. "Manchmal kommen wir nach Wochen und Monaten in eine vielschneidige Guillotine (Knödelbrotschneidemaschine)", lässt Valentin die Semmeln jammern. Manche werden der Erzählung nach dann doch im Wirtshaus verzehrt, zum Beispiel von einem Paar mit wenig Geld, "denn Liebe macht blind", wie der Autor die Geschichte enden lässt.

Lilly Reischl präsentierte "Der Feuerwehrtrompeter", der "Nockherbergregulierer" und "Das haben wir nur gespielt". Heike Maltan und Markus Weimann servierten "Der Hasenbraten", Maltan spielte mit Lucia Graf den Dialog mit Valentins Partnerin Liesl Karstadt "In der Apotheke". Ergänzt wurde die Vorstellung mit kabarettistischen Einlagen wie "Wo warst du" von Maria Peschek (Ragheb und Philipp Reil) und dem Sketch "Auf der Rennbahn" (Weimann und Reil), mit dem sich Loriot unvergesslich machte. Lustig und doch zum Nachdenken anregend ist Valentins Lied "Wenn ich einmal der Herrgott wär'", das Helma Dreher vortrug. Die Geschichte hat ihre Gültigkeit nicht verloren. Valentin ärgert sich in dem Couplet über Kriege und die Technik, die er abschaffen würde - sowie über die Menschen, die sich mit der Zeit selbst umbringen. Und auch über den Höchsten, weil dieser nicht einschreitet. "Die Welt, die du erschaffen hast, die sollst auch du regieren", appelliert er an den Herrgott - und rät ihm: "Wenn du die Menschheit nicht ersäufst, dann lass' sie halt erfrieren".

Die Veranstaltung wird am Samstag. 31. Juli, wiederholt - bei gutem Wetter vor dem Rathaus.

© SZ vom 19.07.2021
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