Gernlinden Die Wangen der Liebenden

In einer informativen und unterhaltsamen Veranstaltung im Literaturcafé in Gernlinden stellen Annemarie und Alfons Strähhuber die Jahrtausende alte Poesie des Orients vor

Von Andreas Ostermeier, Gernlinden

Mesopotamien gehört zu den ältesten Kulturräumen der Menschheit. In dem Landstrich, geprägt von den zwei großen Flüssen Euphrat und Tigris entstanden bereits vor Jahrtausenden Ackerbau, Schrift und Städte wie Aleppo, Damaskus oder Palmyra. Die Buchstaben unseres Alphabets gehen zurück auf Zeichen, die dort entwickelt worden sind. Heute gehört das Zweistromland zu Syrien und dem Irak. Statt Nachrichten von kulturellen Leistungen sieht und liest man von dort vor allem Berichte über Krieg, Flucht und die Grausamkeiten der selbsternannten islamistischen Gotteskrieger. Das Literaturcafé im Gernlindner Pfarrzentrum Bruder Konrad hat am Sonntag einen Kontrapunkt gesetzt zu den vielen schlechten Nachrichten aus Syrien und dem Irak. Annemarie und Alfons Strähhuber setzten diesen die Erinnerung an die Blüte der orientalischen Kultur entgegen. Unterstützt wurden sie von Amin Lkandushi, der die arabische Laute spielte, und der Percussionistin Marliese Glück.

Die orientalische Kultur brachte einen der ältesten literarischen Texte der Menschheitsgeschichte hervor, das Gilgamesch-Epos. Annemarie Strähhuber machte die Zuhörer mit der darin beschriebenen Liebesgeschichte zwischen dem König von Uruk und der Göttin Ischtar bekannt. So verliebt war die Göttin in Gilgamesch, dass sie ihn mit einem Wagen aus Gold und Lapislazuli abholen wollte. Die Liebe ist auch in der islamischen Zeit ein Thema, um das kein Dichter herumkommt. So erzählt der Poet Nizami die Geschichte von Leila und Madschnun. Weil die Eltern gegen eine Verbindung sind, kann Madschnun Leila, die er liebt, nicht zur Frau nehmen. Seinen Liebeskummer schreit er in der Wüste hinaus. "Bleibt stehen und lasset uns weinen, weil die Geliebte fort", heißt es an einer Stelle, die den ganzen Kummer des Madschnun ausdrückt. Beschrieben wird die Liebe aber auch anhand des Apfels: Die verschiedenen Farben, die er zeigt, stehen für die Wangen der beiden Liebenden.

Das Theater von Palmyra kündet von der Kultur des Orients.

(Foto: Eid/afp)

Weitere Themen, die in der vorislamischen ebenso wie in der arabischen Dichtung eine Rolle spielen, sind der Regen oder der Garten. Der Garten mit seinem üppigen Grün ist ein idyllischer Ort, häufig besungen in einer Gegend mit heißen und trockenen Sommern. Ebenso ersehnt ist das Wasser, das der Regen spendet, schon in einem Regenhymnus für Gott Baal wird der Regen als "süß" bezeichnet. Alfons Strähhuber zitierte in diesem Zusammenhang ein arabisches Sprichwort, das Wasser, ergrüntes Land und ein schönes Gesicht als das am meisten Ersehnte bezeichnet.

Aus den Jahrtausenden vor Christus sind nicht nur Epen und Gedichte überliefert. Gefunden wurden laut Alfons Strähhuber auch Geschäftsberichte aus dem vierten vorchristlichen Jahrtausend. Auf Tontafeln wurden Leistungen und Gegenleistungen von Kaufleuten aufgeschrieben. Die vielen Sprachen, die in dem von Handelswegen durchzogenen Land gesprochen wurden - auf Tontafeln sind bis zu acht zu finden -, führten zur Entwicklung der Buchstabenschrift. Sie erwies sich als praktikabler, um die verschiedenen Wörter aufzuschreiben, als die die verwendeten Silben- oder gar Bilderschriften taten. Die Buchstaben entstanden aus Abstraktionen von Bildern. So stellt das kleine A einen nach rechts gekippten Stierkopf dar.

Annemarie Strähhuber liest aus Geschichten von Franz Kafka, Adalbert Stifter, Jan Neruda oder Leo Perutz..

(Foto: Günther Reger)

Die orientalischen Gedichte, die sie vorlas, fand Annemarie Strähhuber in Büchern von Annemarie Schimmel ("Nimm eine Rose und nenne sie Lieder") und Claudia Ott ("Gold auf Lapislazuli"). Als Beispiel für die erzählende Literatur aus den islamischen Ländern nahm Strähhuber das Buch "Erzähler der Nacht" von Rafik Schami zur Hand. In diesem Roman geht es um den Kutscher Sami, den besten Geschichtenerzähler von Damaskus, der plötzlich verstummt. Mit der Geschichte von Sami kommt die Literatur aus dem Orient in der Jetztzeit an. Und schlagartig ist es aus mit den guten Nachrichten, mit Poesie und Gedichten über die Liebe, den Regen oder die Rose, das "Huldgeschenk vom Himmel". Rafik Schami nämlich stammt aus Syrien. Wie viele Dichter, so geriet auch er wegen der Gründung und Leitung einer Wandzeitung in Damaskus ins Visier der syrischen Geheimpolizei. 1970 verließ er das Land, ein Jahr später emigrierte er nach Deutschland. Seit der Irak und Syrien zu Ländern des Krieges geworden sind, werden die Stimmen der Dichter und die Klänge der Oud, der arabischen Laute, vom Lärm der Bomben und Geschütze übertönt.