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Fürstenfeldbruck:Zermürbende Hängepartie beim Impfen

Viele über 80-Jährige fühlen sich von den Behörden unzureichend informiert. Sie wollen wissen, wann sie endlich an der Reihe sind. Landkreis und Rotes Kreuz verweisen auf Unzulänglichkeiten des Computerprogramms

Von Stefan Salger, Fürstenfeldbruck

Viele Über-80-Jährige fühlen sich offenbar schlecht informiert über den Fortgang der Impfungen und wollen wissen, wann sie mit einem Termin rechnen können. Das belegen zahlreiche Anrufe sowie Zuschriften von SZ-Lesern. Das fürs Thema Corona zuständige Landratsamt sowie der Kreisverband des Roten Kreuzes, von dem das Impfzentrum in Fürstenfeldbruck betrieben wird, verweisen auf Unzulänglichkeiten des landesweit eingesetzten Computerprogramms und versichern, der gelieferte Impfstoff werde schnellstmöglich verabreicht.

Waltraud Schmidt-Sibeth aus Germering spricht für viele Betroffene. Sie schreibt: "Als 1940 Geborene gehöre ich zur ersten Gruppe der Corona-Impfberechtigten und habe mich entsprechend angemeldet. Inzwischen sind zwei Impfmonate vergangen und ich habe noch immer keinen Termin bekommen." Sie erbittet Aufschluss darüber, "wie hoch die Zahl der angemeldeten Impfwilligen der ersten Gruppe ist, die noch nicht aufgerufen wurden", um einschätzen zu können, wann auch sie endlich an der Reihe ist. "Die Wartezeit ins Blaue hinein ist sehr zermürbend." Noch deutlicher wird Joachim Schnurrer, der davor warnt, fehlende Informationen könnten Verschwörungstheorien befeuern. Auch er wünscht sich eine "Impfvorschau, damit die Menschen sehen, dass es aufwärts geht und sie nicht nach der Registrierung vergessen wurden. Er versteht nicht, warum der Landkreis nicht auf Basis von Demografiestatistiken Einschätzungen treffen kann. Im Landkreis wohnten diesen zufolge etwa 33 000 Menschen im Alter von 65 bis 79 Jahren und 14 000 älter als 80 Jahre. Schnurrer: "Es wäre doch ein Leichtes, dazu die Zahlen oder auch Prozente der Geimpften anzugeben". Ein Sprecher des Landratsamts teilt mit, dass die Software keine Auswertung zulasse, "bis wann alle über 80-Jährigen geimpft sind".

Nur mit einer sehr transparenten Informationspolitik lassen sich wohl auch Berichte entkräften wie den über eine Frau, die angeblich durch ihre Beziehungen zu einer Mitarbeiterin des Impfzentrums einen Termin innerhalb eines Tages bekam. Ob dies den Tatsachen entspricht oder in dem Fall lediglich Impfstoff verabreicht worden ist, der sonst hätte weggeworfen werden müssen, lässt sich nicht feststellen.

Anette Menke, Sprecherin des Rotkreuz-Kreisverbandes, widerspricht der Mutmaßung eines Lesers, "allein die Menge der weggeworfenen Impfdosen" sei "vermutlich schon ein Skandal": "Wir führen eine Liste, die gegebenenfalls abtelefoniert werden kann, falls es zu Terminausfällen kommt und wir absehen können, wie viel Impfstoff an diesem Tag verbraucht wird - so können wir gegensteuern." Um die Verschwendung von Vakzin zu vermeiden, werden im Bedarfsfall auch Personen geimpft, die der Gruppe mit Priorität zwei angehören - insgesamt 50 000 Personen jeden Alters haben sich laut BRK landkreisweit bereits für eine Impfung registrieren lassen. Alle Lieferungen können Menke zufolge auch verimpft werden. Das gilt auch für den schwedisch-britischen Impfstoff von Astra Zeneca, gegen den es trotz positiver Expertisen und Berichten über gute Verträglichkeit sowie leichte Handhabung immer noch Vorbehalte gibt.

Sofern von April an mehr Impfstoff kommen sollte, müssen Menke zufolge die Kapazitäten ausgeweitet werden. Das Impfzentrum in Fürstenfeldbruck ist mit täglich 620 Impfungen denn auch an seiner Kapazitätsgrenze angekommen, viel Luft haben auch die mobilen Teams nicht mehr. Genaue Zahlen über die gelieferten Mengen der verschiedenen Impfstoffe wollen Rotes Kreuz und Landratsamt nicht mitteilen, sie begründen dies mit Sicherheitsaspekten. Als sicher aber gilt, dass es schon bald weiterer Impfstandorte bedarf. Das Landratsamt teilt dazu auf Nachfrage mit, dass die Kapazitäten laut "Vorgabe des Ministeriums" bis Ende März oder Anfang April ausgeweitet werden. Derzeit liefen die Vorbereitungen. Noch im März soll "unter Einbeziehung der Hausärzte kurzfristig mit sogenannten Popup-Impfzentren auf zusätzlich zur Verfügung stehende Impfstoffmengen reagiert werden". Hierfür werden im Landkreis Räumlichkeiten temporär angemietet - beispielsweise für ein verlängertes Wochenende. BRK-Kreisvorsitzender Andreas Magg hatte Vorschläge in eine ähnliche Richtung gemacht, mit Blick auf Schulen oder Turnhallen, wie sie auch vom Blutspendedienst genutzt werden. Wichtig ist es laut Kreisbehörde, dass solche Objekte auch für die Zweitimpfung zur Verfügung stehen. Das Rote Kreuz geht davon aus, dass dadurch zwischen 1500 und 3000 Impfungen pro Wochenende möglich sind. Parallel wird die Einrichtung einer Impfzentrum-Außenstellegeprüft. Mit einer Entscheidungen wird nächste Woche gerechnet. Um auch Hausärzte einzubinden, wäre eine Änderung der Corona-Impfverordnung und eine Anpassung der Software erforderlich. Bei den Über-80-Jährigen wurde laut BRK bereits mit Hausimpfungen begonnen - nach Anmeldung bei den Hausärzten.

Kreisbehörde und Rotes Kreuz registrierten durchaus Kritik an ihrer Informationspolitik. Die Bürgerinnen und Bürger könnten aber "unterscheiden, was in unserer Macht als Landkreis und als BRK steht und welche Faktoren wir nicht beeinflussen können."

© SZ vom 04.03.2021
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