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Fürstenfeldbruck:Wenn aus Neugier Betroffenheit wird

Eine Flüchtlingshelferin hat ihre Erlebnisse aufgeschrieben. In Fürstenfeldbruck stellt sie ihr Buch vor

Von Maren Jensen

FürstenfeldbruckIn sechs Tagen hat Beatrice Bourcier das Buch "Mein Sommer mit den Flüchtlingen" geschrieben. Eindrücklich schildert sie, wie sie auf das Thema aufmerksam gemacht wurde und wie sie die Zeit als eine von vielen ehrenamtlichen Helferinnen erlebt hat. Die 41-Jährige engagierte sich in diesem Jahr im Helferkreis einer Erstaufnahmeeinrichtung in Inning. Auf Wunsch ihrer Tochter und damit kein Augenblick ihrer Erlebnisse in Vergessenheit gerät, schrieb die zweifache Mutter ihre Erfahrungen und Gedanken im September auf. Unlängst stellte die Freiberuflerin ihr Buch im Squash Palast vor.

Schon zu Beginn der Vorlesung ist Bourcier guter Dinge. Mehrere Bücher hat sie schon verkauft, der Erlös geht an eine syrische Flüchtlingsfamilie. Obwohl die Autorin in ihrer Helferzeit Hunderte Schicksalsschläge kennenlernte, fiel ihr die Wahl nicht besonders schwer. "Diese Familie hat mich vom ersten Tag an begleitet. Sie sind auf Hilfe angewiesen", sagt sie. Mit den Einnahmen soll die Operation von Tochter Nour finanziert werden. Sie wurde in Syrien von einer Bombe getroffen und schwer verletzt. Schwester Noha erlitt schwere Verbrennungen im Heimatland. "Die Mutter musste zusehen, wie ihr eigenes Kind brennt. Der Vater schaufelte mit seinen bloßen Händen in rasender Geschwindigkeit Wasser aus dem Flüchtlingsboot. Sie haben viel erlebt und sind mir direkt ins Herz gewachsen."

Auf 170 Seiten schildert Bourcier zudem, was sie motiviert hat, den Menschen zu helfen. "Eigentlich war es zu Beginn eine nicht sehr noble Art. Ich war neugierig. Keiner wusste, was wirklich los ist und ich wollte die Gerüchteküche in unserem Dorf beseitigen", sagt sie. Ihre Neugier schlug vor Ort in tiefe Betroffenheit um. Aus der ursprünglich geplanten Hilfe von einigen Tagen wurden Wochen, dann Monate. "Ich konnte nicht mehr gehen. Die Menschen zeigten solche Dankbarkeit", erinnert sie sich. "Lange haben wir das Elend der Flüchtlinge nur im Fernsehen gesehen. Jetzt betrifft es uns direkt und wir müssen etwas unternehmen".

Mit ihrem Buch will sie eine besondere Nachricht vermitteln. "Ich möchte meinen Zuhörern und Lesern mitgeben, dass jeder helfen kann. Egal wie oder wo, wir können jede Hilfe gebrauchen", sagt Bourcier. Mittlerweile hilft ihre ganze Familie in Inning. "Meine Tochter spielt mit den Kindern Volleyball. Sogar meine Mutter engagiert sich trotz anfänglicher Berührungsängste seit einiger Zeit mehr als ich", sagt sie.

Bourcier studierte Kommunikationswissenschaften, koordiniert weltweit Presse-Konferenzen und übersetzt Texte. Sechs Sprachen beherrscht sie fließend. Deshalb erteilte sie den Flüchtlingen zweimal in der Woche Deutsch-Unterricht. Und das mit großem Erfolg. "Ich bin Anas und komme aus Syrien", stellt sich einer ihrer Schützlinge vor. Der 30-Jährige ist seit zwei Monaten in Deutschland. Seit mehreren Wochen lebt er in einer Turnhalle in Dachau. "Meine ganze Familie ist noch in Syrien. Ich bin alleine mit meiner Cousine hierher gekommen", sagt er. Betrübt berichtet der gelernte Biochemiker über seine Beweggründe Syrien zu verlassen.

Unter den Zuhörern befinden sich zahlreiche weitere Helfer. "Ich habe selbst einige Male in der Kleiderausgabe geholfen. Mir ist das Thema sehr wichtig", sagt Laila Behrens, die von der Veranstaltung über Facebook erfuhr. Organisiert wurde der Abend von Florian Weber aus dem Brucker Bürgerverein. "Es ist wichtig, dass die Leute gerade in der Zeit von rechter Hetze vernünftig aufgeklärt werden", sagt er. "Dabei ist es hilfreich mit Leuten wie Bourcier zu sprechen, die alles hautnah miterlebt haben."

© SZ vom 10.11.2015
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