Fürstenfeldbruck Unendliche Farbpalette

Mit Stimme und Instrument auf hohem künstlerischem Niveau: Der opulent besetzte Bach-Chor und das große Bach-Symphonieorchester.

(Foto: Günther Reger)

Bach-Chor und Bach-Orchester führen unter Gerd Guglhör das Requiem von Antonín Dvořák im Stadtsaal auf. Gerade im ersten Teil macht es der Komponist den Zuhörern nicht leicht. Doch der Applaus beweist, dass sich die Mühe gelohnt hat

Von KLAUS MOHR, Fürstenfeldbruck

Da kann das Konzert noch so attraktiv sein - wenn die Rahmenbedingungen ungünstig sind, kommen weniger Besucher, als es der Aufführung angemessen wäre. Genau das ist Bach-Chor und Bach-Orchester Fürstenfeldbruck am Samstag im Stadtsaal passiert, als sie zum ersten Mal in der Kreisstadt das 1891 uraufgeführte Requiem von Antonín Dvořák auf ihr Programm gesetzt hatten. So groß der Aufwand mit dem riesig besetzten Symphonieorchester und dem opulenten Bach-Chor auch war, so bereichert schienen die Konzertbesucher am Ende zu sein - ein klarer Beweis dafür, dass sich die Mühe gelohnt hatte.

Dabei macht es Dvořák gerade im ersten Teil seines Requiems den Zuhörern nicht gerade leicht: Er beschränkt sich nie auf die Urkraft böhmischer Melodien und die weiche Einkleidung in den Teppich der Orchestergrundierung. Vielmehr weitet er nach allen Seiten bislang übliche Grenzen. Das gilt für die Harmonik, die durch zahlreiche "Zwischentöne" undurchsichtiger wird, aber auch für alle möglichen Kombination zwischen Chorstimmen, Solistenpartien und eher ungewöhnlichen Klangfarben im Orchester. Damit beschreitet er zwar einen Weg, den Giuseppe Verdi gut 15 Jahre vorher in seinem Requiem durch die Verdichtung musikalischer Mittel vor allem auch aus der Oper bereits geebnet hatte. Dvořák jedoch vermeidet kraftvoll-plakative Wirkungen zugunsten einer ganz differenziert eingesetzten Klangsprache, die den Einfluss Richard Wagners an vielen Stellen nicht verleugnen kann. Dadurch gerät die Wirkung der Musik an manchen Stellen emotional nicht nur packend, sondern geradezu bedrückend. Unter der Leitung von Gerd Guglhör waren die Vokalsolisten Susanne Bernhard (Sopran), Anna Haase van Brincken (Alt), Attilio Glaser (Tenor) und Jörg Hempel (Bass) zu hören.

Der erste Teil "Requiem aeternam" begann sozusagen programmatisch mit dem unbegleitet vorgetragenen, aus vier Tönen bestehenden Leitmotiv in den Streichern im Pianissimo, das sich wie ein roter Faden durch das ganze Werk zieht. Der sorgsam gedämpfte Choreinsatz entfaltete eine in sich ruhende Wirkung, die die Phrasen organisch rundete. Steigerungen im Orchester führten nach kurzer Zeit zu einem starken Kontrast, den der Chor mit einer neuen Textzeile im Fortissimo aufgriff.

Als veritable Verklanglichung des optischen Eindrucks der Textpassage "Lux aeterna" (ewiges Licht) konnte man anschließend die wunderbare Verzahnung des Solosoprans mit den Frauenstimmen des Chors sowie den Holzbläsern wahrnehmen. Alle vier Solisten favorisierten im ganzen Werk eine schlichte und von der melodischen Linie bestimmte Tongebung. Obwohl sie damit auf jede gegen die Musik gerichtete Forcierung des Tons verzichteten, konnten sie sich problemlos, wo erforderlich, gegen den Orchesterapparat und den Chor durchsetzen. Sehr gefällig und geradezu schmeichelnd für die Ohren geriet das "Recordare", das von beglückenden Spannungsbögen und absoluter Übereinstimmung der vier Solisten lebte.

Im Verlauf des "Offertoriums" zu Beginn des zweiten Teils baute sich eine wie theatralisch inszeniert wirkende Spannung auf, die über unbegleitete und instrumentatorisch effektvoll untermalte Phrasen einzelner Stimmen in eine groß angelegte Chorfuge führte. Die Sänger trafen hier den hymnisch versöhnlichen Gestus nicht nur durch einen ideal austarierten Gesamtklang, sondern auch durch die stimmige Balance zwischen der klaren Deklamation des Textes und dem melodischen Fluss in der Linie. Die Streicher formten hier entscheidend mit am Aufbau des musikalischen "Gebäudes". Eine verinnerlicht abgehobene Stimmung erzeugte dann der Satz "Pie Jesu", der klanglich abgedunkelte A-cappella-Abschnitte der tieferen Stimmen des Chores warmen Holzbläserakkorden und helleren Passagen mit den Solisten gegenüberstellte.

Erst nach einer scheinbar unendlichen Pause brandete am Ende begeisterter Beifall auf.