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Fürstenfeldbruck:Suche nach Sündenböcken

Der Referent Matthias Pöhlmann ist Sektenbeauftragter der evangelischen Landeskirche in Bayern.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Experte erklärt vor 20 Zuhörern die Entstehungen von Verschwörungsmythen

Von Lucia Weigl, Fürstenfeldbruck

Mikrochips im Impfstoff, Weltherrschaftspläne, Diktatur durch Maskenpflicht - die Pandemie hat zahlreiche Verschwörungsmythen hervorgebracht. Bei einem Brucker Zeitgespräch in der Gnadenkirche hat Matthias Pöhlmann, der Beauftragte für Sekten und Weltanschauungsfragen der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, nun über genau dieses Themen gesprochen. Unter dem Titel "Verborgene Wahrheit? - Verschwörungstheorien und Weltanschauungsextremismus" klärte Pöhlmann über die Entstehung, Hintergründe und Verbreitung von aktuellen Verschwörungsmythen auf.

Der Begriff "Theorie" sei, wie Pöhlmann bereits am Anfang erwähnt, dabei irreführend, da die Aussagen nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Daher sei die Bezeichnung "Mythen" treffender. Außerdem geht er auf Gründe und Merkmale von Verschwörungsmythen ein. Anhand von Beispielen, wie Statistiken und Videos, beleuchtet er anschaulich, wer die Anhänger von Verschwörungsbewegungen sind und welche Überzeugungsmethoden sie nutzen. Menschen, die Verschwörungen Glauben schenken, würden oft aus Unsicherheit und dem Gefühl des Kontrollverlusts mit diesen Mythen nach Anerkennung und alternativen Erklärungen suchen. Weitere Gründe seien der Wunsch nach Widerspruch gegen die "Mainstreampolitik" und die Suche nach einem Sündenbock für bestimmte Geschehnisse.

Bei der Verbreitung der Thesen würden die sozialen Medien eine große Rolle spielen. Die schnelle Weitergabe von Videos und Inhalten sei auf dem digitalen Weg sehr einfach und erreiche eine Vielzahl an unterschiedlichen Personen.

Angedacht war Pöhlmanns Vortrag bereits für Mai 2020, pandemiebedingt ist er dann immer wieder verschoben worden. Mit jedem Pandemie-Monat könnte der Referent neue Aspekte und Erkenntnisse in seinen Vortrag aufnehmen. Vor der Pandemie seien Verschwörungen eher ein Nischenthema gewesen, sagt Pöhlmann.

In der an seinen Vortrag anschließenden Diskussion beschäftigt die etwa 20 Teilnehmer vor allem die Frage, wie man sich im Gespräch mit Personen, die am Verschwörungsmythen glauben, verhalten soll. Für derartige Gespräch sei es wichtig, dem anderen auf Augenhöhe zu begegnen, betont Pöhlmann. Sich über sein Gegenüber zu erhöhen, rufe nur Widerstand hervor. Besser sei daher ein geduldiges Gespräch, bei dem es sich lohne, immer am Ball zu bleiben. Meist helfe es, sich die Frage zu stellen, woher die Überzeugung des anderen kommt. Er vergleiche solche Gespräche gerne mit Ausdauersport, bei dem man Zeit und ein dickes Fell mitbringen müsse, so Pöhlmann.

Bei Verwandten empfiehlt er, nicht den Kontakt abzubrechen, sondern stets mit ihnen im Gespräch zu bleiben, sich an schöne Erlebnisse miteinander zu erinnern und dadurch das Thema zu wechseln. Ein Kontaktabbruch würde den Angehörigen nur weiter in die Außenseiterrolle drängen. Durch das Unverstandenfühlen werde der Glaube an Verschwörungen zusätzlich unterstützt, so Pöhlmann.

Ein Teilnehmer möchte wissen, wie und warum sich viele kleinere Gruppierungen aus teils sehr unterschiedliche Richtungen zu einer großen Masse zusammen schließen würden. Pöhlmann erklärt, dass die Gruppen zwar nicht unbedingt durch ihren Ursprung verbunden sind, es aber durchaus schon bestimmte Verbindungen gebe. So fänden sich in vielen Anticoronabewegungen Einflüsse rechter Esoterik, einer Überlappung von esoterischen und rechtsextremen Strömungen. Deshalb sei die Aufklärung in diesem Bereich wichtig, betont Pöhlmann. Man dürfe den Einfluss von Verschwörungsmythen nicht unterschätzen.

Weitere Brucker Zeitgespräche in diesem Jahr sind bereits geplant, bestätigt Pfarrer Wolfram Nugel, der das Zeitgespräch moderiert. Das nächste ist für den 29. September ebenfalls in der Gnadenkirche angesetzt und beschäftigt sich mit dem frühen Mittelalter in Bayern. Mit diesem Zeitgespräch verabschiedet sich Nugel dann nach sieben Jahren von der Gemeinde Fürstenfeldbruck, um als Pfarrer in München zu werden.

© SZ vom 22.07.2021
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