Fürstenfeldbruck Spaßige Reise durch die Zeit

Der Stimme nach müsste Chris Boettcher um die 32 sein. Tatsächlich ist der singende Comedian 52.

(Foto: Günther Reger)

Chris Boettcher parodiert sich durch einen Abend in Bruck

Von Valentina Finger, Fürstenfeldbruck

Wer sich morgens von der beliebten Münchner Radio-Stimme Mike Thiel munter machen lässt und nach langem Zuhören endlich die Person dazu sieht, wird beipflichten: Er klingt jünger als er aussieht. Ähnlich verhält es sich mit Chris Boettcher. Der BR-Moderator und Kabarettist ist 52, hört sich an wie 32 und sieht aus wie irgendwas dazwischen. Um diese Diskrepanz weiß Boettcher, der am Samstag mit seinem Bühnenprogramm "Schluss mit frustig!" im Fürstenfeldbrucker Stadtsaal auftrat. Nicht umsonst fragt er gegen Anfang der Show in einer musikalischen Kennenlernrunde mit dem Publikum eher rhetorisch: "Wer hat sich mich jünger vorgestellt?"

Es ist nicht das einzige Mal, dass Boettcher genau weiß, wie seine Zuschauer reagieren werden. Immer wieder spielt er mit Erwartungen. So lässt er in seinen Liedern Reime aus, von denen jeder intuitiv weiß, dass sie kommen müssten. Sehr oft trifft er mit seinen Witzen ins Mark, zum Beispiel wenn er den auf viel zu hohem Niveau jammernden Deutschen in seiner Einbauküche nachahmt.

Nachahmung ist sowieso sein Ding: Seine Parodien von Fußballern sind längst Radio-Kulturgut. Auf der Bühne kann Boettcher mehr als Lothar und Franz. Zu seinen Lieblingen gehören dabei auch Interpretationen von Herbert Grönemeyer, Dieter Bohlen, Peter Maffay und Angela Merkel. Seine Version der Bundeskanzlerin ist top bis in die hängenden Mundwinkel. Zum Niederknien ist seine Darstellung von jener an der Sex-Hotline, die jeden reinlässt, keine Obergrenze kennt und ihre Anrufer ermutigt: "Wir schaffen das!" Sein unverständliches Grönemeyer-Geheule, das den Liedern des Sängers doch sehr nahe kommt, ist nicht weniger komisch, unter anderem als er sich diesen in einer Altrocker-WG mit Peter Maffay und Udo Lindenberg vorstellt.

Ob Seehofer, Erdogan, Putin oder Trump: Jeder Politiker, der in der jüngeren Vergangenheit durch eigenwilliges Gehabe auf sich aufmerksam gemacht hat, bekommt in Boettchers Show eine Abreibung verpasst.

Seine größte Leistung sind wohl seine Lieder. Es gehört viel Einfallsreichtum dazu, aus Michael Jacksons Hit "Beat It" eine Parodie auf Donald Trumps Umgang mit der Presse unter dem Titel "Tweet It" zu machen. Die Melodien diverser Popsongs spickt Boettcher mit neuen Texten und einer überraschend guten Stimme, die ihre Stärke gerade in den lauten Tönen zeigt. Dazu kommen seine eigenen Kompositionen. An Klischees spart er nicht, vor allem nicht, was Geschlechter-Stereotypen angeht. Aber was er singt, ist so lustig, weil es eben doch so wahr ist. Deswegen schmettert das Publikum auch lauthals mit, wenn Boettcher über Männer, Frauen, Teenager, Topmodels oder Sex im Alter singt.

Das funktioniert alles so gut, weil Boettcher weiß, wie man interagiert, weil er eine offenkundig gute Menschenkenntnis in Entertainment umsetzt. Seine Lockerheit ist ansteckend, seine Show ist wie eine spaßige Reise durch die Zeit, in der wir nun einmal alle leben und deswegen auch überall mitlachen können. "Schluss mit frustig!" ist fraglos ein Wohlfühlabend, an dem Boettcher dem Motto des Programms gemäß daran erinnert, dass man sich selbst und andere nicht so ernst nehmen sollte. Hemmungslos zu lachen, so könnte die Botschaft lauten, macht nun einmal viel mehr Spaß als ständig nur grundlos zu leiden.