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Fürstenfeldbruck:Schmetterlinge und Cyborgs

Nur schemenhaft verhüllt sind die androgyn wirkenden Körper der Tänzer in ihren fleischfarbenen Trikots.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Furioses Gastspiel von Tanzmainz in Fürstenfeld

Der Rhythmus ist unerbittlich. Immer auf die Eins. Dann kommen Zwischenzeiten, siebzehn Achtel, ungerade Metren, unterstützt von synthetischen Klangflächen. Energie pur. Kompromisslos und rauschhaft.

Und doch finden auf der Bühne des Fürstenfelder Stadtsaals keine akustischen Experimente statt. Die manchmal fast besorgniserregende Direktheit der Beats, deren maschinelle Präzision, die Gnadenlosigkeit der Schläge, die das Mark erschütternden, gurgelnden Stimmen - auch das ist Leben. Leben im Ausnahmezustand der Liebe. Liebe, die Ultimative, die Tyrannische, die mit Haut und Haar verschlingende.

Das Ensemble Tanzmainz brachte beim Auftritt in Fürstenfeld Emotionen auf den Punkt. Tanzend. Die Musik des Stückes "Soul Chain" stammt von Ori Lichtik. Er ließ mit seinen Drone-Gewittern den Kulturtempel erbeben. Sicher, lauter ginge es allemal. Aber allein diese Art der anarchischen Umsetzung wühlte auf, untergrub die Eingeweide - als seien Schmetterlinge im Bauch.

Sharon Eyal hat die Choreografie verfasst und die Tänzer hart trainiert. Bei ihr pulsiert das Gefühl der Liebe in Form vibrierender Seelen. Schleifende Schritte, explodierende Sprünge, rasante Sprints, leidenschaftliche Hingabe. Verzweiflung, Sehnsucht, Stillstand - Ekstase.

Die androgyn wirkenden Körper der Tänzer sind in fleischfarbenen Trikots nur schemenhaft verhüllt. In den Bewegungsabläufen, die häufig gespenstig ruckartig ablaufen, kommen sie deformierten Kreaturen nahe. Manches erinnert in seiner geschlossenen Einfachheit an rituelle Stammestänze oder an von fremder Hand angetriebene Cyborgs. Und dazu der unerbittliche Rhythmus. Fordernd, energiegeladen, willensstark.

Das Synchrone ist die Summe des Einzelnen. In einem Interview sagte die israelische Choreografin einmal über ihre Tänzer: "Ich verlange viel von ihnen. Sie müssen total transparent sein, aber auch extrem physisch. Ich will Flügel sehen, nicht Arme!". Sie interessiert vor allem die Extreme. Und Tanzmainz überbrückt diesen Spagat, zwischen Hell und Dunkel, zwischen Euphorie und Pessimismus, zwischen Transparenz und Undurchsichtigkeit, zwischen Wahrheit und Illusion.

Und Tanzmainz schaffen diesen Spagat und beschreiben damit Atmosphären, Zustände. Vielleicht Urzustände. Die Liebe eben und die mit ihr immer einhergehende und drohende Einsamkeit. Deshalb wirkt auch das Abstrakte bei ihr noch so vertraut. Für sie sind, um Emotionen zu beschreiben, fast alle Mittel recht. Überfallartig, jedoch in winzigen Schritten, erobern die Körper zurückhaltend, aber unnachgiebig die Bühne. Es formen sich geometrische Figuren. Doch nach Ansicht von Sharon Eyal existieren all diese Bewegungsabläufe längst. Die Tänzer müssen sich nur noch in sie hineinbegeben, so die Philosophie der Choreografin.