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Fürstenfeldbruck:Schatzmeister der Natur

Reinhard Grießmeyer achtet darauf, dass im Mündungsgebiet der Ammer Flora und Fauna geschützt bleiben. SZ-Serie "An der Amper - Menschen am Fluss", Teil 2

Nach 20 Minuten entschuldigt sich Reinhard Grießmeyer schon zum dritten Mal für seine "Prahlsucht". Der Vorsitzende der Schutzgemeinschaft Ammersee (SGA) führt 15 Vogelfreunde aus dem Landkreis Ebersberg durch die Schatzkammer seines gemeinnützigen Vereins. Eine geräumige Kammer ist das, wie Grießmeyer "in aller Unbescheidenheit" bei der Begrüßung auf dem Parkplatz an der Neuen Ammer anmerkt: 500 Hektar muss die SGA insgesamt in drei Landkreisen betreuen. 350 Hektar davon hat der Verein am Ammersee-Südufer zwischen Fischen und Dießen im Eigentum oder in Pacht.

Mit 180 Hektar Lebensraum für die teilweise stark gefährdeten Wiesenbrüter ist das Schutzgebiet auch in dieser Hinsicht bayernweit Spitze, sagt Grießmeyer. Die in Bayern vom Aussterben bedrohten Rotschenkel und Uferschnepfen habe man leider inzwischen verloren. Doch Wiesenpieper, Bekassinen und Wachteln seien mit guten Beständen vertreten. Je drei Paare Brachvögel und Rohrweihen sowie fünf Paare Kiebitze brüten heuer. 135 Brutvogelarten leben am Ammersee-Südufer, wie die jüngste Kartierung der Bezirksregierung ergeben hat.

Natürlich bekommen die Ebersberger auch selbst einiges zu sehen: Weißstorch, Schwarzmilan, Rauhfußbussard und Kormoran kreisen schon am Parkplatz über der Gruppe. Der Anblick von Flussregenpfeifer, Eisvogel und Rostgans ist hingegen nur einzelnen vorbehalten. Im Binnensee nahe der Ammermündung ist das Floß der SGA verankert, auf dem für alle einsehbar Flussseeschwalben brüten, umlagert von Möwen. Für Schilf- und Drosselrohrsänger benötigen die Entdecker Ferngläser, weil sich die raren Vögel im Schilf verbergen. Andere Arten wie Grauschnäpper und Gelbspötter identifizieren Spezialisten am Rufen. Der Feldschwirl ist auch für Ungeübte rasch zu erkennen: Sein mechanisches Schwirren klingt eher nach einer Grille als nach einem Vogel. Noch einfacher macht es dem Laien nur noch der Kuckuck, der an diesem heiteren Maimittag unablässig seinen Namen plärrt.

Freilich täte man der Kreisgruppe Ebersberg im Landesbund für Vogelschutz unrecht, würde man ihr Naturinteresse nur auf die Avifauna reduzieren: Ein Schmetterlingsfan etwa fotografiert gerade einen seltenen Scheckenfalter. Und in aller gebotenen Unbescheidenheit verweist Grießmeyer darauf, dass im Schutzgebiet 61 der insgesamt 65 Tagfalterarten Bayerns zu entdecken sind. Doch der wohl beeindruckendste Schatz des Schutzgebiets ist die große Blumenvielfalt. Sie ist die Grundlage für das reichhaltige Insektenvorkommen, von dem wiederum viele Vogelarten profitieren. Auf den ersten 250 Meter der Wegstrecke am westlichen Ammerdamm entlang zur Mündung fotografiert die Gruppe Beinwell in allen Farben, Warzen-Wolfsmilch, Alpen-Lungenkraut, Schwarzviolette Akelei und Wiesenknopf - eine wichtige Nahrung für rare Minierfalter und Ameisen-Bläulinge, wie Grießmeyer erklärt. In der folgenden Stunde kommen unter vielen anderen Stauden Schlangenknöterich, Mehlprimel, Trollblume, Helm- und fleischfarbenes Knabenkraut dazu. Eine Besucherin aus dem Osten Münchens ist begeistert: "Ich habe noch nie so ein artenreiches Gebiet gesehen".

Quelle: SZ-Karte

Und um all dem die Krone aufzusetzen, geht jetzt im Ammerdelta das "Blaue Wunder" auf: Die Sibirische Schwertlilie lässt bis Anfang Juni ganze Wiesen aus der Distanz wie Lavendelfelder bläulich schimmern. Dass die SGA vom größten Gebietsbestand in Bayern ausgeht, versteht sich von selbst. Beim Blick vom Damm über die Blumenhinweg bis zum Dießener Marienmünster spricht Grießmeyer von Landschaftsästhetik und Werteerziehung: "Viele müssen wieder sehen lernen."

Als Schatzmeister dieses immensen Naturreichtums müsste er eigentlich ein glücklicher Mensch sein. Doch Grießmeyer hat eine streitlustige Kämpferseele und sieht sich vielen Feinden gegenüber. Manche sind selbst Bestandteil der Natur - wie die elf Wildschweine, die 2010 einfielen, worauf die meisten Wiesenbrüter ihre Nester aufgaben. Und im vergangenen Jahr wurde eine Sau mit der Kamera erwischt, als sie durch den Binnensee schwamm, um Haubentauchergelege zu plündern. Auch dem Biber bringt Grießmeyer nur begrenzte Zuneigung entgegen: "Der Hundling, der elende, macht ausgerechnet die wertvollsten Bäume des Auwalds nieder", sagt der Vorsitzende lachend. Selbst die Ammer hat aus Sicht des Vogelschutzes ihre Tücken: Als in den vergangenen Jahren ausnahmsweise einmal Zwergohreulen - von denen es nur 500 Paare in Mitteleuropa gibt - an ihrem Ufer brüteten, ertranken fast alle Jungvögel im Fluss.

Fischen Ammersee Südufer

Reinhard Grießmeyer ist ein leidenschaftlicher Naturschützer. Diese Angaben über ihn müssten genügen, meint er.

(Foto: Georgine Treybal)

Ärger hat Grießmeyer aber auch mit uneinsichtigen "Naturfreunden", die etwa das Betretungsverbot ignorieren oder ihre Hunde im Schutzgebiet nicht anleinen, obwohl dies überall auf Schildern gefordert wird. Am heftigsten aber liegt er mit dem Weilheimer Wasserwirtschaftsamt (WWA) "im Clinch", das jüngst einen Damm abgeschoben und im Auwald mit der Säge gewütet habe. "Das war tödlich für Trauerschnäpper und Grasmücken", schimpft der Vorsitzende: von wegen "neue Wege gehen", wie das WWA auf den Propagandatafeln am Parkplatz behaupte. Um derartige, "selbstherrliche Verstöße gegen das Naturschutzrecht" zu verhindern, will die SGA erreichen, dass sich das WWA künftig vor solchen Eingriffen mit dem für das Schutzgebiet zuständigen Förster berät.

Die Wasserwirtschaft hat auch zu verantworten, dass der Unterlauf der Ammer in den Zwanzigerjahren reguliert und völlig umgestaltet wurde. Von Weilheim bis zum See wurde ihr Lauf von 25 auf 13 Kilometer verkürzt und um zwei bis drei Meter tiefer gelegt. "Das war früher ein Paradies", meint Grießmeyer: Bei zwei bis drei Hochwasser jährlich waren bis zu 1700 Hektar Wiesen überschwemmt. Was sich als Segen für eine zwar dynamische, aber weitgehend ungestörte Naturentwicklung auswirkte, dürfte Anlieger und Bauern allerdings weniger begeistert haben.

Streng geregelter Zugang

Der Ammersee ist als Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung in die Ramsar-Konvention aufgenommen worden. Tausende Zugvögel finden dort Überwinterungsquartiere oder machen auf ihrer jährlichen Reise Station. Die großen Niedermoore im Norden und Süden des Sees sind aber auch wichtige Brutreviere für viele gefährdete Vogelarten und beherbergen selten gewordene Pflanzengesellschaften. Sowohl das Ampermoos wie das Ammerdelta sind daher als Flora-Fauna-Habitate und Vogelschutzreservate im europaweiten Natura-2000-Verbund ausgewiesen. Bereits seit 1979 besteht das Naturschutzgebiet "Vogelfreistätte Ammersee-Südufer", dessen Zugang streng geregelt ist: So dürfen Streuwiesen, Gehölze und Schilfbestände nicht außerhalb der öffentlichen Straßen und Wege betreten werden. Viele Naturschätze lassen sich aber auch leicht von den Wegen aus entdecken, der schönste führt entlang des westlichen Ammerdamms zur Mündung. Östlich der Dießener Seeanlagen, hinter dem Sportplatz an der Jahnstraße, ist ein Naturlehrpfad angelegt. Auf dem Weg zu einem Beobachtungsturm mit Seeblick überquert man auf einem 300 Meter langen Holzsteg eine herrliche Streuwiese, die auf einem Hektar Fläche mit 100 verschiedene Pflanzenarten aufwartet. arm

Doch die 1977 gegründete SGA hat zur Landwirtschaft "ein gutes Verhältnis". 400 Hektar Wiesen sind zu pflegen, der Verein bezahlt die Bauern für die Mahd, den Ertrag der Wiesen gibt es kostenlos dazu. Die Naturschützer arbeiten aber auch mit dem Maschinenring zusammen oder mähen ihre Flächen selbst: Zum Verein gehört ein landwirtschaftlicher Betrieb mit einer eigenen Hofstelle in Raisting und zwei Traktoren. Solange sie nur auf kleinere Bereiche beschränkt bleibt, erfülle selbst Intensiv-Landwirtschaft für die Artenvielfalt eine Funktion: "Störche und Greifvögel profitieren dort von Würmern und Mäusen", sagt Grießmeyer. Beim Schnitt sei für jede Fläche der richtige Zeitpunkt entscheidend, die Arbeiten beginnen Mitte Juni und dauern bis ins nächste Frühjahr. Iriswiesen etwa werden erst im Spätherbst gemäht, damit sich die Schwertlilien noch aussamen können. Die SGA setzt vor allem auf Streifenmahd, um so eine möglichst große Artenvielfalt zu fördern. Der Erfolg kann sich sehen lassen.