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Mobilität:Ohne Barrieren durch den Alltag

Inklusion

Das Wort Inklusion kommt vom lateinischen includere (einschließen, enthalten sein) und bedeutet, dass alle Menschen selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und niemand aufgrund seiner körperlichen oder geistigen Voraussetzungen, seines Alters oder seiner Herkunft ausgeschlossen wird. Gelingt Inklusion, dann haben alle Menschen Zugang zu allen Bereichen des Lebens. Exklusion hingegen grenzt aus und Separation schafft getrennte Bereiche beispielsweise für Menschen mit und ohne Behinderung. Der Betriff Integration steht für die Eingliederung bestimmter Gruppen in eine ansonsten gleichbleibende Umwelt. Inklusion ist mehr, nämlich die Anpassung dieser Umwelt an die Menschen. baz

Der Landkreis will mit einem Aktionsplan den Stand der Inklusion dokumentieren. Zuvorderst aber geht es darum, den Menschen klar zu machen, dass die Probleme jeden angehen, nicht nur Behinderte

Der Landkreis Fürstenfeldbruck will mehr dafür tun, Barrieren im Alltag abzubauen. Denn, und das war die wichtigste Botschaft einer Zusammenkunft von Fachleuten am Dienstagabend im Fürstenfeldbrucker Landratsamt, von Inklusion profitieren nicht nur Menschen mit Handicaps, sondern alle Menschen, weil es im Alltag allzu viele Bereiche gibt, die das Leben unnötig erschweren. Mit einem sogenannten Teilhabe- und Aktionsplan will der Landkreis nun "Handlungsfelder und mögliche Lösungsansätze" erarbeiten, wie Landrat Thomas Karmasin (CSU) ankündigte, und damit die UN-Behindertenrechtskonvention umsetzen.

Die Konvention, 2006 erarbeitet und 2009 von Deutschland unterschrieben, verbietet die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen in allen Lebensbereichen und garantiert ihnen die bürgerlichen, politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte. Die kommunalen Ebenen sollen sich nun an die Umsetzung machen. Eine Verpflichtung dazu gibt es nicht, "aber wenn etwa Betreuungsplätze für Kinder nicht inklusiv sind, dann ist eine Kommune in fünf Jahren nicht mehr konkurrenzfähig", erläutert Herbert Sedlmeier, der Beauftragte für Menschen mit Behinderung im Landkreis. Inklusion sei deshalb auch eine Werbung für einen Standort. Die Auftaktveranstaltung am Dienstag ist für ihn, der selbst im Rollstuhl sitzt, "ein sehr erfreulicher Augenblick", wie er sagt. Von der bewussten Ausgrenzung im Mittelalter, als Menschen mit Handicaps "vor den Burggraben gestoßen und den wilden Tieren und Räubern überlassen wurden", bis zur Inklusion habe es mehrere hundert Jahre gedauert.

Doch es ginge nicht nur um Rollstuhlfahrer und Menschen mit Handicaps, sagt Sedlmeier, sondern auch "um Mütter mit Kinderwagen oder die Oma mit dem Rollator". Auch sie haben Schwierigkeiten bei der Bewältigung ihres Alltags, kommen nicht überall mühelos hin. Verbesserungen gibt es mittlerweile: Bordsteine werden abgesenkt, Niederflurbusse erleichtern den Einstieg, Aufzüge führen in obere Stockwerke. Schon seit mehr als zehn Jahren fordert die Bayerische Bauordnung Barrierefreiheit in öffentlich zugänglichen Gebäuden und seit zwei Jahren gilt eine neue DIN-Norm, die allen Bauherren verbindliche und nachprüfbare Standards zur Barrierefreiheit auferlegt.

Doch Barrieren gibt es nicht nur in der analogen Welt, wie die Organisatoren im großen Sitzungssaal des Landratsamtes den etwa 50 Besuchern aus Kommunalpolitik und Sozialeinrichtungen zeigten. Über den Beamer hatten sie eine Seite mit der Definition von Inklusion an die Wand geworfen: viel Text, viel zu klein gedruckt, schlecht zu lesen. "Man fühlt sich völlig ausgeschlossen", fasst Johanna Purschke-Öttl vom Verein Dreirat das Gefühl beim Betrachten der Seite zusammen. Auch das ist Ausgrenzung: Worte nicht lesen zu können, allein weil sie zu klein gedruckt sind und von Brillenträgern oder alten Menschen nur mit Mühe erfasst werden können. Auch die Sprache selbst kann ausgrenzen, wenn sie nämlich zu kompliziert ist. Sedlmeier erzählt, dass er die UN-Behindertenrechtskonvention hundertfach bei sich im Büro liegen habe. Häufiger nachgefragt würde indes jene Version, die den Wortlaut in einfacher Sprache erklärt. Die müsse er "immer wieder nachbestellen".

Um einen Teilhabe- und Aktionsplan zu entwickeln, hat sich der Landkreis Hilfe von der Hochschule für angewandte Wissenschaften München und vom Münchner Verein Dreirat geholt, der sich um integriertes bürgerschaftliches Engagement kümmert. Der Plan soll sechs Handlungsfelder umfassen: selbstbestimmtes Leben für alle gesellschaftlichen Gruppen, die Teilhabe in allen Arbeitsmarktsektoren, den Bereich Bildung von der Frühförderung über Schule und Ausbildung bis zum lebenslangen Lernen, den Bereich Gesundheit mit Prävention, Rehabilitation und Pflege, Mobilität beim Bauen und Wohnen sowie Teilhabe an Aktivitäten in Kultur und Freizeit.

Der Zeitplan ist ehrgeizig, schon Ende nächsten Jahres sollen die Ergebnisse feststehen. Zunächst soll in einer Ist-Analyse erfasst werden, in welchen Bereichen und Einrichtungen im Landkreis Inklusion bereits verwirklicht ist. Anschließend wird bei Betroffenen und Kommunen abgefragt, woran es fehlt, wo und was verbessert werden muss. Fachleute können und sollen sich bereits im Entstehungsprozess einbringen. Dazu dient auch die Internetplattform www.einfach-machen-ffb.de Der Aktionsplan soll aber auch einen Bewusstseinswandel einleiten. "Inklusion kann nur gelingen, wenn wir die Gesellschaft dafür gewinnen", sagt Sedlmeier. Die Leute dafür zu begeistern, dürfte nicht schwer fallen, findet er, "weil alle auf irgendeine Art und Weise betroffen sind".

© SZ vom 16.04.2015

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