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Fürstenfeldbruck:"Man hört in München nichts von Fürstenfeldbruck"

Der Hochschulabsolvent Sebastian Messer rät den Kreisräten, in Sachen S-Bahn weiter auf sich aufmerksam zu machen

Die S-Bahn: eigentlich praktisch, umweltfreundlich, nachhaltig. Wenn da nicht das Problem der großen Nachfrage und des bisweilen zu knappen Angebots wäre. Doch es "scheitert immer an der Politik", sagt Sebastian Messer forsch. Der 27-Jährige sitzt vor einem Laptop im großen Sitzungssaal im Landratsamt Fürstenfeldbruck und lässt die Ergebnisse seiner 80-seitigen Abschlussarbeit, die er für den Bachelor im Studiengang "Business Administration" an der privaten Hochschule Fresenius in München angefertigt hat, über den Beamer groß an der Wand aufleuchten. Die Mitglieder des Energie-, Umwelt- und Planungsausschusses des Kreistags lauschen interessiert. Der zweite Stammstreckentunnel sei nötig, schreibt Messer im Schlusswort seiner Arbeit, um "die Bahn als Alternative zum eigenen Auto für die Menschen in der Metropolregion deutlich interessanter zu machen". Dass er beim Thema S-Bahn fehlenden politischen Willen bemängelt, gefällt den Brucker Kreisräten. "Ein erfrischendes Statement", lobt Norbert Seidl, SPD-Kreisrat und Bürgermeister der S-4-Stadt Puchheim.

Sebastian Messer

Sebastian Messer, 27, ist mit der S-Bahn regelmäßig zur Schule gefahren. Jetzt hat er seine Bachelorarbeit über Trassenalternativen geschrieben.

(Foto: oh)

Sebastian Messer kennt das S-Bahn-Fahren. Als Schüler pendelte er von Eichenau eine S-Bahn-Station weiter ans Graf-Rasso-Gymnasium nach Fürstenfeldbruck. Drei Minuten Fahrzeit. Doch gerade die S-Bahnen auf der Linie 4 sind nicht immer pünktlich, Messer nimmt deswegen öfter mal den Bus. Der ist zuverlässig, braucht aber zwanzig Minuten. Jahre später hat er, inzwischen "wegen der schlechten Anbindung an die Stadt München" aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck nach Freimann im Münchner Norden gezogen, wieder mit dem Thema zu tun - diesmal weniger aus der Notwendigkeit heraus, sondern aus wissenschaftlichem Interesse. Seine Bachelorarbeit trägt den Titel "Nachhaltige Mobilitätskonzepte am Beispiel der Trassenalternativen der Münchner S-Bahn".

Er hat dazu Gutachten ausgewertet, Gespräche mit Experten geführt, eine Fotodokumentation erstellt. Dabei zeigt er auch den ungenutzten Bahnsteig an Gleis 1 in Fürstenfeldbruck. Dort "müsste man nur den Bahnsteig erhöhen", dann könne man einen barrierefreien Zugang haben. Er habe nicht ergründen können, "warum Fürstenfeldbruck vom Nahverkehr abgehängt ist" - im Vergleich etwa zu Städten wie Dachau oder auch deutlich kleineren Gemeinden wie Mammendorf, die besser angebunden seien.

Als beste Lösung für die Zukunft sieht er den Bau der zweiten Stammstrecke - wegen ihrer Bypass-Funktion, der Entlastung des Straßenverkehrs und der Möglichkeit einer höheren Taktdichte. Auch Alternativen hat Messer untersucht: Am interessantesten erscheint ihm der S-Bahn-Nordring ("attraktiv, aber teuer"), der sich aber nur mit dem zweiten Tunnel lohnen würde. Der Südring sei nicht wirtschaftlich, auch, weil er zentrale "Aufkommensschwerpunkte" wie Hauptbahnhof, Stachus, Marienplatz nicht erreiche. Und eine Verlängerung der U-Bahn-Linie 5 bis Pasing würde kaum Entlastung bei einem Totalausfall der Stammstrecke bringen.

Messers Fazit: Der Ausbau des S-Bahn-Netzes sei dringend nötig, denn unter der jetzigen Situation "leidet die Attraktivität der Landeshauptstadt München und der Region". Busse hält er nicht für eine sinnvolle Alternative, wie das manche Kreisräte oder auch der Planungsverband Äußerer Wirtschaftsraum und der MVV sehen, die in einem Arbeitskreis überörtliche Querverbindungen untersuchen. Messer hat auch den neuen Expressbus von Fürstenfeldbruck nach Germering getestet. Busse sind für ihn "eng, mit wenig Sitzplatz, vom Straßenverkehrsaufkommen abhängig, eher für Randzeiten geeignet". FW-Kreisrat Gottfried Obermair sieht die Sicht des Landkreises bestätigt, vermutet aber: "Mehr können wir gar nicht machen." Sebastian Messer rät indes dazu, für die eigenen Anliegen "auch mal lauter zu sein. Man hört in München nichts von Fürstenfeldbruck."

© SZ vom 23.11.2015
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