bedeckt München 30°

Fürstenfeldbruck:Live aus dem Stadtsaal-Studio

Erich Raff ist kein Entertainer, sondern Oberbürgermeister. Bei der Online-Bürgerversammlung sind aber Qualitäten eines Alleinunterhalters gefragt. Eine Premiere vor leeren Rängen, ohne Netz und doppelten Boden

Von Stefan Salger, Fürstenfeldbruck

Das Studio der Tagesthemen haben sie vor ein paar Jahren aufgemöbelt: viel Blau, viel Edelholz. Hinter Ingo Zamperoni scheint sich nun der Blick auf die weite Welt zu öffnen. Erich Raff ist nicht Ingo Zamperoni. Das merkt man nicht nur, weil er sich fast nie eine Krawatte umbindet. Am Donnerstagabend haben sie für die Bürgerversammlung auch den Stadtsaal in Fürstenfeld ordentlich aufgemöbelt. Für die kühn geschwungene Tagesthemen-Landschaft hat es nicht gereicht, wohl aber für zwei blau schimmernde Moderatorenpulte. Dahinter streift der Blick des Zuschauers über leere Ränge hinaus in die regenverhangene Welt.

Auf Sendung: Erich Raff hinterm Moderatorenpult . Screenshot: YouTube/FFB

Um Punkt 19.30 Uhr heißt es ganz ohne Fanfare "Live aus dem Stadtsaal". Gesendet wird über den Youtube-Kanal, ein Link auf der städtischen Homepage weist den Weg. Es ist eine Premiere, bei der die Corona-Pandemie Regie führt. Nur zwei Zuschauer sind - abgesehen von Kamerateam und Technik-Personal, als leibhaftige Zuschauer dabei: Ordnungsamtschefin Birgit Thron und Bauamtsleiter Johannes Dachsel, getrennt durch eine coronakonforme Glasscheibe. Die beiden werden später die eingereichten Fragen beantworten.

Im Stadtsaal gibt es abgesehen vom Kamerateam nur zwei Zuschauer: Birgit Thron, Chefin des Ordnungsamts, und Bauamtsleiter Johannes Dachsel. Screenshot: Youtube/FFB

Der CSU-Politiker Erich Raff ist nicht bekannt als Showman, als rhetorisch beschlagener Alleinunterhalter. Ebenso wenig wie dies sein Amtsvorgänger Klaus Pleil von der BBV war. Aber in der Jobbeschreibung eines Oberbürgermeisters ist auch nichts vom Amt des Ancormans zu lesen. Da geht es eher um Diskussionsfreude, Sachverstand sowie Bürgernähe. Von Bürgerversammlungen ohne Bürger steht da nichts. Der OB blickt also tapfer in drei Kameras, einen Monitor am Boden, klickt auf der Tastatur des Laptops, blättert in Papieren vor sich, hält einen Monolog, verliert kurz den Faden. Sätze enden schon mal im Nichts.

Grimmplatten und Landsberger Straße

Bürger haben vorab Fragen zur Bürgerversammlung eingereicht, die von der Stadt beantwortet wurden. Die aktuellsten wurden auch am Donnerstag behandelt. So will Rudolf Uretschläger wissen, wie es mit der Wohnbebauung auf dem Grimmplatten-Gelände weitergeht und spricht den Zwillingssee des Pucher Meers und die Schießanlage an. Stadtbaurat Johannes Dachsel weist auf den für kommendes Jahr vorgesehenen städtebaulichen Wettbewerb fürs Grimmplatten-Areal hin - nebst Bürgerinformationen. Er rechnet mit dem Baubeginn 2025 und dem Bezug zwischen 2027 und 2030. Für 2026 sei mit der Freigabe des Zwillingssees zu rechnen, der nach der Rekultivierung der Naherholung dienen soll. Beim Thema Lärmbelästigung durch den Bundeswehr-Schießplatz macht Dachsel klar, dass die Stadt keinen Handlungsspielraum habe. Dafür sei die Bundeswehr zuständig.

Birgit Thron, Sachgebietsleiterin der Straßenverkehrsbehörde, widmet sich der Frage, wie man den Anliegern der Landsberger Straße helfen könnte. Thron muss sie aber noch um Geduld bitten. Die Fahrbahn wird schrittweise ausgebessert. Und noch laufen die Bemühungen, diese Staatsstraße formal zurückzustufen, um sie in die Verantwortung der Stadt zu bekommen. Ist das gelungen, können in begründetem Fall Tempo 30 eingeführt und Lastwagen umgeleitet werden. slg

Kein Grund, sich darüber lustig zu machen. Immerhin ist Raff bereit, "absolutes Neuland" zu betreten, wie er sagt. Im Rampenlicht, ohne das Gegenüber zu sehen, ohne zu wissen, wie das ankommt: nicht leicht. Eher Pflichtaufgabe denn Herzensanliegen. Nach einer Dreiviertelstunde stellt Raff fest, dass über vorab eingereichte Fragen hinaus keine weiteren in den Chatroom gebeamt worden sind. Nachher ist man immer klüger: Eine Aufzeichnung hätte zum gleichen Ergebnis geführt, ohne Lampenfieber und Technik-Aufwand.

Auf Sendung: Erich Raff hinterm Moderatorenpult. Screenshot: Youtube/FFB

Draußen in der Welt ist die Online-Versammlung kein Blockbuster (könnte sein, dass man sich deshalb auch keine Wunder erwarten sollte vom jüngst beschlossenen Livestream aus dem Stadtrat). Raff gibt einen Überblick über die schwierige Finanzlage der Kreisstadt, die Bauprojekte der Zukunft, das Engagement bei Klimaschutz und Radverkehr. Nach einer knappen Dreiviertelstunde sind aus anfangs 28 gut 40 Zuschauer geworden - die untrügliche Zahl wird für jeden sichtbar eingeblendet. Das Schlusswort eines Oberbürgermeisters, der wirkt, als sei eine Last von seinen Schultern gefallen: Nächstes Jahr gebe es die Bürgerversammlung "hoffentlich wieder als Präsenzsitzung".

Virtuelle Bürgerversammlung auf Youtube, Fragen und Antworten: brucker-stadtgespraeche.de

© SZ vom 08.05.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB