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Fürstenfeldbruck:Letztes Kapitel im Streit um die NS-Straßennamen

Die geplante Zusatztafel zu Wernher von Braun hält Christian Stangl (Grüne) für zu kurz und unzureichend.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Nach sechs Jahren und endlosen Debatten ist ein Kompromiss greifbar - nicht allen Stadträten gefällt die Lösung

Die Debatte um NS-belastete Straßennamen in Bruck hat am Dienstag im Kultur- und Werkausschuss möglicherweise ein vorläufiges Ende gefunden. BBV, CSU, FDP, FW und Grüne votierten gegen die drei Stimmen von SPD und Florian Weber (Die Partei) dafür, kleine Zusatztafeln anzubringen. Der Stadtrat wird diese klare Empfehlung wohl übernehmen. Klaus Quinten (BBV) rühmte die "hohe Qualität" der Schilder, die Stadt sei damit zum "Vorreiter" geworden. SPD und Grüne machten dagegen auf zahlreiche Fehler in den Texten aufmerksam.

Angestoßen durch Grüne und SPD begann die Debatte vor sechs Jahren. Nachdem Wahlerfolg von Klaus Pleil und der BBV 2014 hätte es im Stadtrat eine Mehrheit dafür gegeben, alle Antisemiten, Rassisten und Faschisten zu entsorgen, aber die BBV kippte um. Von siebzehn Namensgebern wurden neun rehabilitiert, darunter NS-Wehrwirtschaftsführer Willy Messerschmitt, der den Einsatz von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen forderte. Quinten verteidigte ihn damals, weil er den Kabinenroller erfunden hatte.

Im April 2018 beschloss der Stadtrat, alle übrigen Namen zu belassen, aber um Informationstafeln zu ergänzen. Die ersten Entwürfe von Stadtarchivar Gerhard Neumeier stießen bei der Mehrheit auf Ablehnung, also wurde ein Arbeitskreis Straßennamen des Kulturausschusses im Herbst reanimiert, aber ohne Neumeier. Die kleine Runde stritt beim ersten Treffen im November und einigte sich beim zweiten Mal Anfang März auf die kurzen Texte.

Der SPD hatte sich an dieser Findung nicht mehr beteiligt, weil es unsinnig sei, Personen zu ehren, die sich selbst durch ihr Wirken diskreditiert haben, wie der Fraktionsvorsitzende Philipp Heimerl erklärte. Ulrich Schmetz (SPD) sprach von Schizophrenie, die Ehrung als Straßenpatrone mit Zusatztafeln wieder einzuschränken, was Quinten zu lautem Protest animierte: Eine Ehrung sei es in der Vergangenheit gewesen, als frühere Stadträte die Straßenbenennung vornahmen, aber heute nicht mehr. Schmetz blieb dabei, dass das Verhalten "hirnrissig" sei.

Hingegen feierte Quinten die Schilder als gute Lösung und Aufklärung im besten Sinn. "Die Debatte wäre untergegangen, der größte Feind ist die Gleichgültigkeit". Auch Franz Neuhierl (FW) und Andreas Rothenberger (BBV) verteidigten die Schilder. Der Ex-Pirat sprach von einem Fortschritt. Kulturreferent Klaus Wollenberg (FDP) rügte das Verhalten der SPD als "schäbig". Kulturreferentin Birgitta Klemenz (CSU) und Christian Stangl (Grüne) betonten, dass sie weiterhin eine Umbenennung für richtig hielten, aber die Tafeln als Minimalkonsens mittrügen.

Sie sei "nicht stolz und nicht glücklich" mit dem Ergebnis, sagte Klemenz. Sie verwies auf den Widerspruch, in Bruck Wochen gegen Rassismus zu veranstalten, unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters, aber einen Rassisten und Antisemiten wie Julius Langbehn zu ehren. Stangl bilanzierte die sechsjährige Debatte im Stadtrat als "sehr, sehr anstrengend bis unerträglich". Die Haltung der Mehrheit entspreche einer Schlussstrich-Mentalität. Solange es in Bruck keine Georg-Elser-Straße gibt, also der Mann geehrt wird, der Adolf Hitler töten wollte, "stimmt in Bruck was grundsätzlich nicht".

An den Zusatztafeln ließ Stangl kein gutes Haar. Die Informationen über die Wehrmachtssoldaten seien "kläglich" und jene zu Langbehn, Paul von Hindenburg und dem Raketenbauer Wernher von Braun, "zu kurz und unzureichend". Zusammenhänge würden nicht deutlich. Dass der Arbeitskreis den Stadtarchivar als Historiker und Experten nicht hinzugezogen habe, sei unverständlich. Philipp Heimerl rügte die Texte als fehlerhaft bis unverständlich. So vermisste er bei Hindenburg den Hinweis, dass dieser ab 1916 faktisch als Militärdiktator regierte. Der Ausschuss einigte sich darauf, diesen Aspekt zu ergänzen. Außerdem soll die Lützowstraße, einem Piloten der Wehrmacht gewidmet, auf Antrag von Rothenberger auch eine Infotafel bekommen.