Fürstenfeldbruck Gegen die Lebensmittelverschwendung

Etwa 50 Menschen setzen sich bei Kundgebung für eine Gesetzesänderung ein. Nahrung wegzuwerfen, soll Supermärkten verboten werden. Anlass ist ein Prozess gegen zwei Studentinnen wegen Diebstahls

Von Ariane Lindenbach, Fürstenfeldbruck

Ein Traktor steht auf dem Hauptplatz vor der Sparkasse, in seiner Schaufel drei Kisten mit Mangold, rote Beete, Lauch, Kartoffeln aus Mammendorf, vom Donihof, der nach eigener Aussage die solidarische Landwirtschaft lebt. "Essen auf den Teller - Kapitalismus in die Tonne", prangt in weißen Lettern auf einem schwarzen Transparent, das an der Schaufel hängt. Dahinter, zwischen Hauptstraße und Sparkasse, drängen sich Menschen im kalten Wind, ein paar haben ebenfalls Transparente dabei mit Slogans wie "Freispruch für Caro und Franzi" oder "Wer die Umwelt zerstört, wird superreich. Wer sie schont, wird angeklagt". Die Botschaft ist für alle eindeutig: Die Anwesenden bei der Kundgebung am Montagvormittag kämpfen dafür, dass keiner mehr bestraft wird, der Lebensmittel aus Abfallbehältern der Supermärkte entnimmt.

Nach aktueller Gesetzeslage ist dieses sogenannte Containern nämlich verboten. Deshalb droht den Studentinnen Franzi und Caro, die ihre Nachnamen im Zusammenhang mit dem ihnen drohenden Prozess nicht publik machen möchten, eine Verurteilung wegen Diebstahls. Zunächst hatte der Vorwurf sogar "Schwerer Diebstahl" gelautet. Und deshalb sind Unterstützer aus den verschiedensten Gruppen und Organisationen aus dem Landkreis sowie aus München und Umgebung in die Kreisstadt gekommen. Sie möchten auf dieses Problem aufmerksam machen. Die meisten der etwa 50 Anwesenden sind junge Erwachsene, einige tragen Rastalocken. Aber auch ein gutes Dutzend Ältere ist da, manche halten selbst Plakate, unter anderem ein Unterstützer von der lokalen Gruppe Alog (Arme Leute ohne Geld). Dass das Thema viele Menschen umtreibt, wird durch die Anwesenheit eines Kamerateams des Bayerischen Rundfunks dokumentiert.

Auf Resonanz stößt die Demo der Linksjugend München in Bruck für das sogenannte Containern.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

"Wir hier in Deutschland sind im Vergleich zu Frankreich extrem langsam", sagt gerade Claudia Ruthner in das Mikrofon. Bei den Nachbarn dürfen Supermärkte seit drei Jahren keine Lebensmittel mehr wegwerfen, erklärt die Aktivistin aus dem Landkreis Starnberg. Eine ähnliche Regelung wollen die Anwesenden auch für Deutschland erreichen. Aktuell können Supermärkte hierzulande dafür haftbar gemacht werden, wenn sie Nahrung mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum in Umlauf bringen. Gesundheitsamtsmitarbeiterin Ruthner hat für ihre Online-Petition mit dem Hashtag Lebensmittelverschwendung mehr als 1,4 Millionen Unterschriften gesammelt; eine Petition speziell für "Caro und Franzi" hat inzwischen mehr als 66 000 Unterstützer.

Wie Ruthner dankt auch Phillip Kosterhon Caro und Franzi für ihren Kampfgeist. Der Zweite Vorsitzende des Münchner Vereins Karl dankt den Studentinnen aus Olching auch dafür, dass sie ein so wichtiges Thema in die Öffentlichkeit bringen und trotz drohender Verurteilung nicht auf die zunehmend entgegenkommenderen Angebote von Staatsanwaltschaft und Gericht eingingen. Ates Gürpinar, Landessprecher der bayerischen Linken, spannt den Bogen vom Klimawandel, in diesem Jahr spürbar am viel zu heißen Sommer, über den Kapitalismus, Obdachlosigkeit, Niedriglöhnen bis zu eben jener zunehmend kritisierten Praxis der Supermärkte, die Lebensmittel nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums in den Müll zu werfen. "Ihr zeigt auf, wie moralisch verdorben dieses System ist", unterstreicht er. Und wünscht sich "ein bisschen weniger Kapitalismus und ein bisschen mehr Robin Hood." Das ist genau das, wofür Franzi und Caro und die überwiegend jungen Menschen auf dem Platz vor der Sparkasse sich einsetzen: mehr Gerechtigkeit, mehr Gutes für Mensch und Umwelt und vor allen Dingen Gesetze, die einem der gesunde Menschenverstand diktieren würde. Das sehen die Passanten, die vorbeikommen, übrigens genauso. Keiner der Angesprochenen zeigt Verständnis für diese Art der Lebensmittelverschwendung. Ein Mann, etwa Mitte 40, erinnert an seine Großmutter, die noch den Krieg erlebt habe und gehungert habe. Wenn die erleben würde, was heutzutage an einwandfreien Lebensmitteln weggeworfen werde, es wäre ihr nicht zu vermitteln. Ein anderer Mann erwähnt seine Nachbarin, 70 Jahre alt, die vier Söhne großgezogen hat. Weil ihr Mann früh verstorben ist, lebt sie jetzt von Hartz IV und muss zur Tafel gehen. Diese Diskrepanz zwischen unverschuldeter Armut auf der einen Seite und knallhartem Kapitalismus andererseits, sei für ihn schwer zu ertragen.

Schockierendes Ausmaß der Lebensmittelverschwendung: Caro und Franzi aus Olching sollen wegen Containerns bestraft werden.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Auf dem Hauptplatz, zwischen dem Traktor vom Donihof und dem Brunnen, vor dem ein aus einem blauen Papiercontainer umgebauter Essensstand zu Chai und Chili einlädt, hat gerade Franzi das Mikrofon. "Wir sind geschockt, von dem Ausmaß, den unser Lebensmittelmüll angenommen hat." Allein in München würden Tag für Tag 168 Tonnen weggeworfen. Das sei so viel, wie in vier vollgeladene Lastwagen passe.