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Fürstenfeldbruck:Ein Stück Wiedervereinigung

Volker Thiele (links), Vorsitzender der Kester-Haeusler-Stiftung, und sein Sohn Adrian (rechts) bei der Enthüllung des Mauerstücks im Garten der Haeusler-Villa. Mit dabei Manfred Walther (Mitte), der letzte Justizminister der DDR.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Im Garten der Fürstenfeldbrucker Haeusler-Villa steht ein Fragment der Berliner Mauer. Bearbeitet hat es der Künstler Thierry Noir. Bei der Enthüllung wird auch an die Arbeit der Stiftung zur DDR-Geschichte erinnert

Von Karl-Wilhelm Götte, Fürstenfeldbruck

Da steht es nun: ein Stück der Berliner Mauer im Garten der Haeusler-Villa an der Dachauer Straße in Fürstenfeldbruck. Noch ist sie nicht enthüllt, eine weiße Plane umspannt den Mauerblock. Der ist etwa drei Meter hoch und einen Meter breit. Auf den ersten Blick erschließt sich nicht, dass es sich um ein Kunstobjekt handelt. Volker Thieler, der Vorsitzende der Kester-Haeusler-Stiftung, hat es aus dem 630 Kilometer entfernten Berlin kommen lassen. Transport und das Aufstellen des Mauerteils als Kulturdenkmal anlässlich von 30 Jahren Deutscher Einheit war gar nicht so einfach.

Das Originalstück Mauer aus der Oranienburger Straße in Berlin wiegt zweieinhalb Tonnen. "Kommt der Lkw hier durchs Tor?", fragte sich Thieler zunächst. Dann sollte die Befestigung kurioserweise mit rostigem Stahl erfolgen, so wollte es das Bayerische Landesamt für Denkmalschutz. "Wir haben dann normalen Stahl genommen", erklärte Karin Wolfrum, die Geschäftsführerin der Stiftung, "den haben wir galvanisieren lassen." So macht der Stahlbügel einen rostigen Eindruck. Als schließlich der Mauerblock endlich von Thieler und seinem Sohn Adrian enthüllt und die weiße Plane weggezogen wurde, offenbarte sich dem Betrachter ein buntes Kunstwerk. Die Berliner Mauer wurde vom Westen der Stadt schon immer bemalt und besprüht. Thierry Noir, ein französischer Künstler, hat jedoch eine besondere Note hinterlassen. Auf gelben Grund sticht ein großer Kopf im Profil mit ebenso großer Nase hervor. Ein markantes Auge und ein rotes Herz komplettieren das Kunstwerk. "Noirs Bilder mit großen Augen und Mündern strahlen Lebensfreude aus", betonte Thieler in seiner Ansprache.

Thierry Noir war von Thieler und der Stiftung zur Einweihung seines bemalten Mauerblocks nach Bruck eingeladen worden, konnte jedoch aus Corona-Gründen nicht reisen. Der 62-jährige Graffitikünstler, der aus Lyon stammt, lebt seit 1982 in Berlin. Ab 1984 begann er die Mauer bunt zu bemalen und zu besprühen. 1991 wurden auch seine bunten Mauerteile als East Side Gallery unter Denkmalschutz gestellt. Die für Noir typischen Köpfe stehen in ähnlicher Form in mehreren Farbvariationen auch immer noch an der denkmalgeschützten East Side Gallery an der Mühlenstraße in Berlin-Friedrichshain.

Die Kester-Haeusler-Stiftung hat sich seit dem Mauerfall mit der DDR und der deutsch-deutschen Geschichte beschäftigt. Vorträge mit den ehemaligen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel (Thüringen) oder Kurt Biedenkopf (Sachsen) wurden organisiert. Auch Lothar de Maizière, der erste demokratisch gewählte und zugleich letzte Ministerpräsident der DDR, war schon in Bruck gewesen. Ebenso gab es zum ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck und dem damals von ihm geführten Verein "Gegen Vergessen - für Demokratie" Kontakt, der Zeitzeugenauftritte vermittelte. Eine große Aktion der Stiftung rief Thieler noch einmal in Erinnerung. Man habe die vorhandene DDR-Rechtsliteratur zusammengesammelt und "Lkw-weise rübergebracht", so der Stiftungschef. "Das ist die größte DDR-Bibliothek im Westen." Da passte es, dass Manfred Walther, 72, der letzte Justizminister der DDR, noch einmal die Geschichte der DDR und den Mauerbau aus seiner politischen Sicht ausführlich referierte. Für den CDU-Politiker, der bereits 1968 in die damalige DDR-Blockpartei CDU eingetreten war, musste die DDR als Gesellschaftsmodell, weil mit einer seiner Meinung nach ineffizienten Planwirtschaft betrieben, scheitern. Walther zweifelte nicht: "Wir haben 1990 gesagt: Anschluss und nichts anderes."

Der künstlerische Mauerblock in Fürstenfeldbruck steht in einem mehrere Hektar großen Garten der Stiftung. Weiter hinten ist eine Art Spitzpyramide platziert und vorne hängt ein Mobile, beides von Gerhard Gerstberger, 79, dem Bildhauer und Maler aus Emmering, der zur Künstlervereinigung Fürstenfeldbruck gehört. "Neben der Kultur fördern wir auch Forschung und Wissenschaft", erläuterte Geschäftsführerin Wolfrum den Zweck der Stiftung, die seit 1988 existiert.

© SZ vom 02.10.2020

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