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Fürstenfeldbruck:Der Wert der Lebensmittel

Netzwerk will Eltern zeigen, wie man gesunde Ernährung in den Alltag integriert

Wie isst man heutzutage ausgewogen - trotz Alltagsstress und Unsicherheiten? Können Eltern und Kinder dabei unterstützt werden? Darum ist es kürzlich im Veranstaltungsforum Fürstenfeld gegangen. Das Netzwerk "Junge Eltern/Familien, Ernährung und Bewegung" feierte sein zehnjähriges Jubiläum mit einer Fachtagung. Expertinnen sprachen vor dem vornehmlich weiblichen Publikum über aktuelle Trends und gesellschaftliche Anforderungen beim Thema Ernährung. Es folgten Workshops zur praktischen Umsetzung.

Die Ernährungsfrage führe bei Eltern zunehmend zu Verunsicherung, sagt die Ökotrophologin Daniela Muhr-Becker. Dabei müsse man das Thema gar nicht so genau nehmen. Wenn Eltern ihren Kindern eine gesunde Lebensweise beibringen wollten, ginge es darum, "die Waage zu finden zwischen hoch kompliziert und unreflektiert." Sie empfiehlt einen bewussten Umgang mit Essgewohnheiten, das sei besser, als sich zu sehr auf Vitamine und Inhaltsstoffe zu konzentrieren. "Ernährung ist mehr als nur Nährstoffzufuhr." Viele Essensfragen hätten mit menschlichen Grundbedürfnissen zu tun wie denen nach Sicherheit, Geborgenheit und sozialen Beziehungen.

Daniela Muhr-Becker, Stefanie Schierle und Elisabeth Mair sprechen über gesunde Ernährung für Familien.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

In der Kindheit würden Ernährungsweisen erlernt, die zu Automatismen würden. Später sei oft nicht mehr klar, warum man etwa aus Langeweile oder bei Stress esse. Das habe mit zu wenig festen Essenszeiten zu tun oder damit, dass Eltern Medienkonsum und Essen zum Ruhigstellen der Kinder nutzten. Muhr-Becker empfiehlt gemeinsame Rituale und strukturierte Tagesabläufe. Dabei könne man frische Lebensmittel verarbeiten, miteinander kochen und gärtnern. Das sei auch eine Chance für Eltern, sich was Gutes zu tun und dem Alltagsstress zu trotzen. "Für Kinder machen viele etwas, was sie für sich selbst nicht machen", sagt die Ernährungswissenschaftlerin.

Es sei dagegen destruktiv, Kinder dazu zu zwingen, etwas zu essen, das sie nicht mögen - selbst, wenn es nährstoffreich ist. Man brauche einen positiven Umgang, denn "Verbote fördern Vorlieben". Kinder hielten oft das, was ihnen nicht schmecke für gesund und umgekehrt. Muhr-Becker schlägt vor, statt der Unterscheidung von "gesund" und "ungesund" lieber von "günstig" und "ungünstig" zu sprechen. Man könne etwa Leibspeisen mit Gemüse kombinieren, das Kinder eigentlich nicht so gerne mögen. So lernten sie ohne Zwang neue Geschmacksrichtungen kennen.

Seminare und Aktionstage

Das bayernweite Netzwerk "Junge Eltern/Familien, Ernährung und Bewegung" unterstützt seit zehn Jahren Eltern in Sachen Ernährung und Bewegung. Netzwerke bestehen an allen 47 Ämtern für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF). Sie bieten Kurse, Seminare und Aktionstage an. Themen sind etwa der Übergang vom Stillen zur Beikost, später das Mitessen am Familientisch, die Zubereitung preisgünstiger Mahlzeiten, die Eltern und Kinder gerne essen sowie die Bewegung im Alltag und Bewegungsspiele.

Stefanie Schirle, Fürstenfeldbrucker Projektleitung, sagt man habe schrittweise die Zielgruppe erweitert. Habe man anfangs Eltern mit Säuglingen beratet, werden nun auch Projekte mit Mittel- und Realschulen realisiert. Das Hauptproblem sei Stress. So lautet das Ergebnis der AOK Familienstudie 2014: "Familien in Deutschland geht es überwiegend gut, aber sie leiden unter Zeitmangel." Es gibt laut der Ökotrophologin Daniela Muhr-Becker kaum noch physische Mangelerscheinungen, dafür aber sehr unspezifische Symptome wie Konzentrationsschwierigkeiten oder schwache Immunsysteme, die mit der Ernährung zu tun haben könnten. Auch habe man "eher Angst, dass Kinder zu wenig essen als zu viel". Dabei sei das Gegenteil der Fall. Dies habe man in der peb-Studie Junge Eltern herausgefunden. Außerdem gebe es das "Risiko späterer ernährungsabhängiger Erkrankungen". Etwa 90 Prozent der Diabetesfälle seien vermeidbar.

Muhr-Becker appelliert an Eltern, manipulatives Marketing für Kinderprodukte zu hinterfragen. Saftmischungen etwa seien schlechter als frisches Obst, denn sie müssen nicht gekaut werden die Kinder lernten den Geschmack einzelner Früchte nicht kennen. Das Programm des Netzwerks ist auf der Homepage des AELF zu finden. brfa

Kinder essen zunehmend in Tagesstätten und Schulen. Die Erziehenden müssen darum laut Muhr-Becker oft Vorbildfunktion übernehmen. Den Umgang mit dem Thema müssten junge Erzieherinnen nach Ansicht von Muhr-Becker in der Ausbildung verstärkt lernen.

Aber es tut sich offenbar bereits einiges, wie bei der Tagung klar wurde. Eine Kitaleiterin aus dem Publikum gibt an, sie unterstütze schon seit Längerem die gemeinsame Brotzeit von Kindern und Personal. Früher hätten die Erzieherinnen ihr Mittagessen oft selbst bezahlen müssen und es in ihren Pausen ohne die Kinder gegessen.

Das Netzwerk "Junge Eltern/Familien, Ernährung und Bewegung" kooperiert direkt mit Kitas und Schulen. Die größte Herausforderung sei, die Eltern zu erreichen, sagt Stefanie Schirle, die Fürstenfeldbrucker Projektleitung. Elisabeth Mair vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Pfaffenhofen berichtet: "Wir bieten in Kindergärten eine Frühstückwoche während der Bringzeit an." Auch ein gemeinsames Eltern-Kind-Kochen werde organisiert. Wenn die Buben und Mädchen selbst mitmachten, sei ihre Begeisterung fürs Essen größer. Darum organisiere man auch ein sechswöchiges Projekt mit Pflanzenkisten. Dadurch, dass die Kinder in den Tagesstätten selbst beim Aussäen, Gießen, Pflegen und Ernten dabeiseien, lernten sie Wertschätzung für Lebensmittel. Viele zeigten Interesse an sonst verschmähten Lebensmitteln. Einen selbst angebauten Salat probierten Kinder eher als einen gekauften.

Ähnlich funktioniert es mit den Älteren. Stefanie Schirle berichtet von der aktuellen Aktion des Netzwerks im Landkreis. Um Jugendlichen Wertschätzung für Nahrungsprodukte beizubringen, gehen Mitarbeiter mit Real- und Mittelschülern zum Metzger und Bäcker. Die Heranwachsenden stellen dann dort selbst Wurst oder Brezen her.