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Fürstenfeldbruck:Bilder vom Raum

In der Ausstellung "XXL-Painting" zeigen Mitglieder der Künstlervereinigung großformatige Werke

Von Christian Lamp

Der schwierigen Aufgabe, mit dem Raum eine der Bedingungen von Wahrnehmung überhaupt bildnerisch zu problematisieren, widmeten sich in einem zweiwöchigen Workshop neun Mitglieder der Künstlervereinigung Fürstenfeldbruck. In großen Räumen entstanden in unmittelbarer Nähe unter dem Titel "XXL-Painting" entsprechend großformatige Werke, deren räumliche Parallelität auch bei der Ausstellung interessante Einblicke produzieren dürfte.

Explizit mit "inneren und äußeren Räumlichkeiten" beschäftigen sich Charlotte Panowskys zwei Diptychons, wie die Künstlerin der SZ sagt. Mit großformatigen Pinseln und Besen gestaltete sie die auf dem Boden liegenden Leinwände. Das erste Bild erscheint als kühle monochromatische Komposition aus energischen Farbelementen. Ein zarter Hauch fliederfarbenen Rosas am rechten oberen wie am linken unteren Rand unterminiert allerdings die Strenge und lässt eine aufhellende Fluchtbewegung sichtbar werden. Das zweite Bild ist deutlich dichter gestaltet, die sich nur andeutende Wärme des ersten Bildes bricht hier hellgrün in überraschenden wellenförmigen Elementen durch, die sich horizontal aus der komplexen Reihe im Zentrum entwickeln.

Besonders verdichtet thematisiert ist das Konzept Raum von Waltraud Flickinger. Ein schmaler Seitengang enthält mit fünf einzelnen Stücken die quantitativ längste Geschichte der Ausstellung. Den beiden kleinen, realistischen Grafitzeichnungen in der Mitte der Wände - Pferd und Löwe - die in ihren verdrehten Haltungen vergeblich ästhetisierte Qual ausdrücken, folgen vergrößerte und zunehmend weiß übertünchte Abzüge. Die Figuren beginnen gespenstisch hinter diesem Schleier zu verschwinden, die stellenweise akzentuierten Linien lösen sich schon in unschuldige Anmut auf. Die Stirnseite schließlich bildet mit den beiden großformatigen Schemengestalten ein altarhaftes Triptychon und zieht als narratives Zentrum die Blicke auf sich. In der lebendigen Farbkomposition erinnert das Bild subversiv an Franz Marcs Blauen Reiter. Auf der linken Seite scheint eine dunkelblaue Fläche tatsächlich einem sich streckenden Pferdehals zu ähneln. Auch an anderen Stellen finden sich noch durch die Farbe überwältigte und aus dem Zusammenhang der Zeichnungen gerissene Figurenbruchstücke.

Auflösung der Realität: Verschiedene Akte hat Hansjürgen Vogel gemalt. Nach außen hin werden die Figuren unkonkreter.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Narrativ sind auch die drei offen politischen Bilder von Ingrid Redlich-Pfund. Im Farbraum tiefroten Thunfischfleisches gestaltet sie nach eigener Aussage die zunehmende Belastung der Meere durch Plastikmüll. Die filigranen, schon ins Korallweiße hinübergleitenden Windungen verlieren zunehmend an Komplexität. Die Gebilde erinnern an Organisches: Arterien oder Kapillaren, Korallen, Meerestiere. Bald treten die durch irisierend-weißen Schimmer unscharf erscheinenden Objekte - im richtigen Licht werden gelbliche, schwärenden Wunden gleiche Ränder sichtbar - nur noch vereinzelt inmitten vorandrängender öliger Schlieren auf, die durch das Auftragen verschwimmender Fliederfarbe ins schwärzliche Rot gewonnen wurden. Die bereits überwältigten Flächen sind seltsam glanzlos, ausgetrocknet.

Hansjürgen Vogel hat anlässlich des Workshops einige Aktstudien malerisch umgesetzt. Beachtlich ist die dezentrierende Bewegung, die von dem - trotz der schon stellenweise mit Grün angedeuteten Fantastik - relativ akademischen Paar in der Mitte des Leinwandraums ausgeht. Vier weitere Figuren, alle in variierenden Zuständen der Auflösung der Realität, rahmen das Zentrum ein. Besonders die fehlenden Gesichter und noch stärker der nur schemenhaft angedeutete Kopf der Frau mit sich zu einem Flossenschwanz verjüngenden Beinen scheinen dabei die beiden eigentlichen Hauptfiguren vorzubereiten. Aus tiefem Lila tauchen am Rand schließlich zwei noch nicht endgültig geformte bebrillte Beobachterfiguren auf. Nüchtern und flach gestaltet erinnern sie in ihrer unbeweglichen Observanz an die Fremdheit einer neuen Formensprache.

Die längste Geschichte der Ausstellung im Haus 10 zeigt Waltraud Flickinger.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Friedrich Pröls interpretiert in seiner geometrischen Komposition Farbkonflikte zwischen "Feuer und Eis". Die zwei grundlegenden, von ihm selbst angemischten Farben sind ein tiefes Rot, das den gesamten unteren Bereich einnimmt und ein ins Bläuliche tendierendes Weiß, das die obere Hälfte dominiert. Die großen geometrischen Farbflächen werden durchzogen von hineingeritzten Spalten, ein regelmäßiges Interferenzmuster, das zusammen mit den unfertig gelassenen Rändern das Werk bewusst als Palimpsest lesbar macht. Die derart erzielte Strenge der abstrakten Zeit aber wird konterkariert durch das unberechenbar Menschliche, das sich am schönsten in dem unerwarteten Schwung einer halbkreisförmigen Spachtelbewegung im Hellblau ausdrückt.

Mit diesem Konflikt spielt unter anderem Vorzeichen Stephanie von Hoyos unbetiteltes Bild, das stärkste Werk der Ausstellung. Die bestürzende Schönheit wird schon haptisch in den mit weißem Faden und groben Stichen zur Leinwand zusammengenähten Tuchresten erfahrbar, die weiter die verwitterte Oberfläche differenzieren. Auf drei Ebenen werden absteigende Bewegungen markiert, die sich vor allem in vier blumenartigen Elementen in zunehmend fäulnisbraunen Farbton einschreibt. Den drei nach unten zeigenden Elementen kontrastiert das vierte und größte im hautfarbenen Zentrum, das als einziges Element eine nach oben strebende Dynamik aufweist, die sich im Blütenkranz unruhiger Striche kristallisiert. Rechts oben schließt das Bild mit einem schwarzen Liniengebilde ab, das einem stürzenden Vogel gleich die sinkende Bewegung unterstützt, die das gesamte Bild kennzeichnet.

Auf dem Bild von Monique Marxreiter flieht die rechte Flanke des Berges aus dem Raum.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Dynamik macht auch Monique Marxreiters "Zumaia", ihre Interpretation eines Bergpanoramas, als lebendige Geschichte erfahrbar. Grundierendes Rot, gleich flüssigem Erdinneren, schimmert noch stellenweise durch die sich auftürmenden und gleichzeitig im Grau erstarrenden Gesteinsmassen, deren sedimentierte Schichten und Falten durch die Spachtel modelliert sind. Nur in Richtung rechter Rand rast die Bergflanke unter energischen Strichen aus dem Bild heraus davon.

Bettina Elsässer-Max wiederum referiert mit "Mouches volantes" auf die dunklen Phantombewegungen, die sich aufgrund einer Netzhautablösung durch ihr Sichtfeld ziehen. Der hellblaue und von Farbspritzern eingerahmte Klecks emittiert kontinuierlich unschärfer werdende Farbtupfer wie Pfauenaugen aus grünlich-orangenem Gemisch. Darunter formt sich ein spitz zulaufender Körper, von dessen Rändern sich spinnendürre Beine hakenförmig und bisweilen ins Lila übergleitend in Richtung der Ränder winden.

Die Künstler (von links): Flickinger, Charlotte Panowsky, Hansjürgen Vogel, Friedrich Pröls, Ingrid Redlich-Pfund und Claudia Hasse.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Claudia Hassels drei abstrakte Kompositionen, laut der Künstlerin Versuche, "die Harmonie einzufangen", laden innerhalb der sich aufbauenden Landschaftsräume zum eskapistischen Verweilen ein. Deren freudige, von leuchtendem Blau beziehungsweise Grün dominierte Irrgärten sind durch sich überlagernde horizontale und vertikale Pinsel- und Spachtelbewegungen konstruiert. Sich ausbreitender Silberglanz durch aufgetragene Ölfarbe scheint dabei eine Decke des Vergessens über den Betrachter zu breiten.

Ausstellung "XXL-Painting" in der Kulturwerkstatt Haus 10. Führung Samstag, 19. August, von 14 bis 17 Uhr. Ausstellungsdauer 19. bis 27. August. Öffnungszeiten Freitag 16 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag 10 bis 18 Uhr.

© SZ vom 19.08.2017

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