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Fürstenfeldbruck:Ankerpunkte der Musik

Pianistin Olga Scheps beendet klangvoll den Klaviersommer"

Von KLAUS MOHR, Fürstenfeldbruck

Beim dritten und für dieses Jahr letzten Abend des "Fürstenfelder Klaviersommers" gastierte die russische Pianistin Olga Scheps im Stadtsaal. Auch wenn es schön ist, wenn ein Interpret "nur" gut spielt, so kann eine überlegte Programmzusammenstellung das Konzerterlebnis doch deutlich steigern. Die Pianistin Olga Scheps, die seit langen Jahren in Deutschland lebt, hatte ein Programm gewählt, dessen drei Werke eine Art "Plus" hatten: Franz Schuberts Fantasie in C-Dur op. 15 D 760, die als "Wandererfantasie" berühmt wurde, bezieht sich melodisch auf ein Sololied Schuberts. Gerade dieses Klavierwerk ist nur ganzheitlich im Kontext des Liedschaffens des Meisters erfahrbar.

Alexander Skrjabin ist nicht nur ein Komponist, dessen Werke in den letzten Jahren verstärkt wahrgenommen werden. Als Synästhetiker verband er mit Tonarten bestimmte Farbvorstellungen, so dass zu seiner Musik diese zweite Vorstellungsebene unabdingbar dazugehört. Farbliche Assoziationen ermöglichte auch seine Valse op. 38, die in diesem Konzert erklang. Eine Art Transformation in anderer Hinsicht stellte die Nussknacker-Suite op. 71a von Peter Tschaikowski dar. Zu hören war eine Klavierfassung des Orchesterwerks von Mikhail Pletnev. Dass das "Minus" des Orchesters klanglich zu einem Plus der Klavierfassung wurde, lag am facettenreich-nuancierten Spiel der Pianistin. Die Einheitlichkeit, die aus der Beschränkung auf den Klavierklang resultierte, war höchst beeindruckend.

Der kraftvoll-zuversichtliche Gestus am Beginn der "Wandererfantasie" geriet der Pianistin in hohem Maße klangvoll. Es war sogar so, dass der lyrische Zugriff vom ersten Takt an oberste Priorität hatte und auch in den sehr virtuosen Passagen durchgängig behielt. Im "Dreiklang" zwischen klanglicher Kontrastierung, gut überlegter Strukturierung und feinsinniger Differenzierung entwickelte Scheps organisch gerundete Phrasen. Das Adagio lebte von tief empfundener Sanglichkeit, die die rechte Hand der Pianistin den Tasten entlockte. Im Final-Allegro verstärkten sich die zauberhaften Momente durch elegische Weite.

In Alexander Skrjabins Walzer folgte auf die effektvolle Einleitung eine ganz feinsinnige Musik, die eine weit tragende Melodie hatte. Es war eine Vielzahl an Klangfarben und Nuancierungen zu hören, ohne dass der Komponist dem Hörer konkrete Farben für sein geistiges Auge vorgegeben hätte.

Peter Tschaikowskis "Nussknacker-Suite" hat ihren Stammplatz traditionell im weihnachtlichen Repertoire. Dass das Werk auch im Sommer veritablen Klangzauber entwickeln kann, zeigte der "Tanz der Zuckerfee". Das lag daran, dass Olga Scheps jeden Eindruck von Manieriertheit mit absoluter Stilsicherheit vermied.

Diese geradlinige Offenheit war es auch, die der "Tarantella" zu Bodenständigkeit verhalf, aber nicht in rustikale Grobheit abglitt. Sehr brillant war der "Trepak", doch wurde dieser Eindruck nicht durch einen Mangel an Technik offenbar, sondern genau umgekehrt dadurch, dass der Ausdruck der Musik im Vordergrund stand. Das "Intermezzo" und der "Pas de Deux" lebten von einnehmender Gefälligkeit in der Begleitung, aus der wunderbare Melodiebögen emporstiegen.

Die fast andächtige Ruhe, die aus der fesselnden Spannung kam, entlud sich am Ende in großen Beifall, auf den Olga Scheps zwei ganz unterschiedliche Zugaben folgen ließ.

© SZ vom 04.08.2020

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