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Fürstenfeldbruck:Altlastensuche auf dem Fliegerhorst

Eine Untersuchung des Areals ergibt 93 Flächen, die mit Chemikalien belastet sein könnten. Klarheit bringen aber erst weitere Sondierungen, am Schluss steht möglicherweise eine teure Sanierung an

Von Peter Bierl, Fürstenfeldbruck

Der erste Schritt bei der Suche nach Altlasten auf dem ehemaligen Brucker Fliegerhorst ist getan. Die Recherchen haben insgesamt 93 Flächen ergeben, bei denen der Verdacht besteht, dass sie kontaminiert sein könnten. Nun folgt eine sogenannte orientierende Untersuchung, in der diese Stellen genauer geprüft werden. In den meisten Fällen sind Rückstände von Öl und Benzin, Lösungs-, Entfettungs- und Kältemitteln zu erwarten. Bei etwa zehn Prozent könnten per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC) gefunden werden, die das Wasserwirtschaftsamt im Sommer 2019 entlang der Maisach nachgewiesen hat.

Die Feststellung einer Altlast ist ein langwieriger Vorgang mit vier Stufen. Auf dem Brucker Fliegerhorst beginnt gerade die zweite Stufe, die orientierende Untersuchung. Dass auf einem Militärgelände Altlasten zu finden sind, ist klar. Die Frage ist aber, wie viele, welche, in welchem Ausmaß und wo. Die Sanierung wiederum kann sehr teuer werden.

Eine gewisse Brisanz erhält der Vorgang dadurch, dass das Wasserwirtschaftsamt 2019 bei mehreren Messungen erhöhte Werte an Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) in einem Weiher in Gernlinden und in einem Brunnen bei Esting feststellte. Die Messstellen liegen im Grundwasserstrom. PFOS gehören zu den PFC, die in der Natur nicht vorkommen, sondern aus der chemischen Industrie stammen. Sie gelten als in der Natur nicht abbaubar, einige reichern sich in der Umwelt und in Organismen an. Einige stehen im Verdacht, Krebs zu erregen, andere haben eine hormonähnliche Wirkung. Die Chemikalien sind in vielen Produkten enthalten, etwa der Beschichtung von Pizzakartons oder Imprägniermitteln, Rückstände finden sich überall. Auf dem Fliegerhorst wurde PFOS-haltiger Löschschaum verwendet, um brennendes Öl zu bekämpfen oder auch zu Übungszwecken eingesetzt.

Belastet: Bei Messungen im Gernlindner Weiher sind umweltschädliche Chemikalien nachgewiesen worden. Sie stammen wohl von den Überresten des Löschschaums, der lange Zeit im Fliegerhorst benutzt worden ist.

(Foto: Günther Reger)

Nach Angaben von Simon Bausewein, Pressesprecher des Landratsamts, liegen der Kreisbehörde nun die kompletten Ergebnisse der historischen Erkundung vor. Vom Nordteil des Fliegerhorstes existiert eine solche schon lange, wurde aber nun durch eine Nachuntersuchung nach PFC ergänzt. Das Gesamtergebnis lautet, dass auf dem Areal insgesamt 93 Stellen als "kontaminationsverdächtige Flächen" gelten. Dabei betont Bausewein, dass die Erfassung sehr kleinteilig sei, so könne etwa eine Lackierkammer eine solche Fläche darstellen.

Auf der Grundlage dieser Ergebnisse habe die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima), die einen großen Teil der Fläche verwaltet, den nächsten Schritt eingeleitet und den Auftrag zur orientierenden Untersuchung für den Nordteil des Fliegerhorstgeländes auf PFC vergeben. Der Umfang wurde über das Landratsamt mit dem Wasserwirtschaftsamt München abgestimmt. Sie umfasst neben den PFC-Verdachtsflächen im Norden auch das ehemalige Feuerlöschübungsbecken im Südteil. Durch Grundwasseruntersuchung aus bestehenden Grundwassermessstellen werde auch der Abstrom der PFC-Verdachtsflächen im Süden erkundet, sagte Bausewein. Das Wasserwirtschaftsamt hat seit 2019 keine neuen Proben untersucht, erklärte Abteilungsleiter Florian Klein der SZ.

Proben und Messungen

Die Feststellung einer Altlast ist ein komplexes Verfahren. Es beginnt mit einer historischen Erkundung, wobei in Archiven recherchiert, Zeitzeugen befragt und Luftbilder ausgewertet werden, um festzustellen, an welchen Stellen Schadstoffe zu finden sein könnten. Bei einem Areal wie dem Brucker Fliegerhorst kommen Tankstellen, Tanklager oder Schmierstellen in Frage. Es folgt eine orientierende Untersuchung, bei der man Proben entnimmt und Messungen vornimmt, um zu prüfen, ob sich der Verdacht auf eine Altlast ausgeräumt oder erhärtet werden kann. Im letzteren Fall folgt eine Detailuntersuchung, bei der abschließend festgestellt wird, ob von den Stoffen im Boden eine Gefahr ausgeht. Erst dann spricht man im Bodenschutzrecht von einer Altlast. Im nächsten Schritt wird geprüft, welche Maßnahme am besten geeignet ist, um die Gefahr zu beseitigen. Anschließend wird die Sanierung geplant. bip

Gegenwärtig seien keine weiteren Maßnahmen notwendig, sagte Bausewein. Wenn die Ergebnisse der orientierenden Untersuchung vorliegen werde das Landratsamt die weiteren Maßnahmen in Abstimmung mit der Bima und dem Wasserwirtschaftsamt festgelegen. Wann dieses Gutachten vorliegt, ist noch offen.

Bei rund zehn Prozent der verdächtigen Flächen steht nach Angaben des Pressesprechers eine PFC-Belastung im Raum. Bei etwa 97 Prozent kämen Mineralölkohlenwasserstoff (MKW) in Frage, als Bestandteil in Benzin, Diesel-, Heiz- und Schmieröl. Die Schadstoffgruppe Benzol, Toluol, Ethylbenzole und Xylole (BTEX) könnten bei bis etwa 57 Prozent der Flächen auftauchen. Es handelt sich um sogenannte aromatische Kohlenwasserstoffe, die etwa in Kraftstoffen und als Löse- und Entfettungsmittel auftreten. Benzol ist nach Angaben des Landesamtes für Umwelt (LfU) als kanzerogen eingestuft.

In Löse-, Entfettungs- und Kältemitteln sind etwa die Leichtflüchtigen halogenierten Kohlenwasserstoffe (LHKW) enthalten, die bei etwa 49 Prozent der Flächen entdeckt werden könnten. In Kältemitteln waren sie weit verbreitet, insbesondere FCKW (Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe).. Manche LHKW sind laut LfU als kanzerogen eingestuft, viele als toxisch. Alle drei Schadstoffe werden auf ehemaligen militärischen Liegenschaften häufiger gefunden. In geringerem Umfang werden auf dem weitläufigen Aral auch Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK, 30 Prozent der verdächtigen Flächen), Polychlorierte Biphenyle (PCB, 28 Prozent) und Schwermetalle (32 Prozent) vermutet.

© SZ vom 25.01.2021
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