Emotionale Rückkehr:Vier Jahre auf der Walz

Der Mammendorfer Wandergeselle Marius Franke ist nach Hause zurückgekehrt. Unterwegs hat er neue Freunde gefunden, unzählige Erfahrungen, Wissen und Können gesammelt. Erschreckt hat ihn, wie weit rechtsextremes Gedankengut verbreitet ist

Von Manfred Amann, Mammendorf

Vor vier Jahren hat der Mammendorfer Zimmerergeselle Marius Franke, von großer Abenteuerlust beflügelt und die ersehnte Freiheit des Wandergesellen vor Augen, seiner Familie, Freunden und der Heimat den Rücken gekehrt. Nun ist er wohlauf und voll gepackt mit Berufs- und noch viel mehr Lebenserfahrung nach Hause zurückgekehrt. Kaum war Franke dem Brauch entsprechend von Jesenwang her über das Ortsschild geklettert, gab es Dutzende Umarmungen, flossen Tränen der Freude.

MAMMENDORF: Ankunft nach Walz

Freunde und andere Wandergesellen begrüßten ihn bei der Heimkehr.

(Foto: Leonhard Simon)

Etwa 40 Freunde, darunter 25 ehemalige oder noch auf der Walz befindliche Wandergesellen, empfingen den Heimkehrer, um mit ihm zu feiern und ihn wie üblich aus der Kluft zu schälen. "Das Heimkommen war für mich noch emotionaler als das Weggehen", sagt der 28-Jährige, der sich nach dem Sprachgebrauch der Wandergesellen nun wieder als "Einheimischer" fühlen darf. Am 25. September 2017 in der Frühe hatte er das Ortsschild in die andere Richtung überklettert und am selben Tag 2021 kam er wieder heim. Drei Jahre und einen Tag muss ein Wandergeselle unterwegs sein und darf sich seiner Heimat nur auf maximal 50 Kilometer nähern.

MAMMENDORF: Ankunft nach Walz

Auf der Walz haben die Burschen einen Knotenstock und ein bedrucktes Tuch mit all ihrem Hab und Gut dabei, den Charlottenburger.

(Foto: Leonhard Simon)

Marius Franke war genau ein Jahr lang länger auf Achse, "weil ich mich dabei sehr gefühlt habe". "Natürlich hatte ich hin und wieder etwas Heimweh, aber das aufregende Leben und die vielen Erlebnisse ließen diese Gefühlsmomente schnell wieder abklingen", erklärt er. Man treffe immer wieder andere Wandergesellen, knüpfe neue Freundschaften und sei eigentlich nie ganz auf sich gestellt. Man tausche Erfahrungen aus und gebe Tipps weiter, zum Beispiel, welcher Lehrmeister momentan Unterstützer sucht, bei wem ein Kurzzeit-Mitarbeiter besonders gern gesehen sei und welches Unternehmen man besser meiden sollte. "Die Wandergesellen sind bestens vernetzt. Auch wenn ein eigenes Handy tabu ist, Ausleihen darf man sich eines, um Kontakte zu pflegen", erzählt der Heimkehrer.

Walz

Noch emotionaler als der Aufbruch war für Marius Franke die Heimkehr. Beide Male musste er dafür übers Ortsschild klettern.

(Foto: privat/oh)

Seinen Eltern Michael und Silvia Franke sowie seinen Geschwistern Annabell und Florian fehlte der Bruder sehr. "Wenn er sich lange Zeit nicht meldete und wir nicht wussten, wie es ihm geht, wuchs die Sorge, dass er unter die Räder gekommen sein könnte", sagt die Mutter. Das erste Jahr hielt sich Marius Franke überwiegend in Deutschland auf, um bei Holz-Betrieben seine Gesellenkenntnisse als Zimmerer zu erweitern. Ab dem zweiten Jahr führte ihn die Wanderschaft in der schwarzen Kluft mit dem Wanderstock und dem schwer gepackten Stoffbündel, dem Charlottenburger, auch nach Österreich, in die Schweiz und schließlich nach Südspanien, "und das, ohne ein Wort Spanisch zu sprechen". Die dortige Bergwelt war für ihn eine der größten Herausforderungen. Kurz bevor er sich nach Marokko aufmachen wollte, zwang ihn eine Krankheit zum Pausieren, erzählt der Tippelbruder, wie Wandergesellen auch genannt werden. Etwa drei Wochen sei er flach gelegen. Wie sich später herausstellte, war er an Covid-19 erkrankt. Nachdem er sich erholt hatte, dufte er zwar nicht weiterwandern. "Aber ich konnte arbeiten, und das tat ich dann auch." So konnte er sein Wissen und Können etwa im Fachwerkbau, beim Dielen verlegen, bei der Sanierung von Altbauten und im Fenster- und Treppenbau erweitern. Als er doch nach Marokko konnte, um dort die geplante Wanderung anzutreten, erbarmte er sich eines kleinen, streunenden Hundewelpen, der ihm als Begleiter ans Herz wuchs. Er hat nun bei einer Bekannten in Deutschland eine neue Heimat gefunden.

Auch wenn ihm das Dasein als Wandergeselle beruflich und persönlich viel gebracht hat, eines hat Marius Franke nachdenklich gemacht. "Immer wieder, in fast allen Regionen, bin ich auf überwiegend junge Menschen mit rechtsnationalem Gedankengut gestoßen", sagt er. Einmal sei er als Autostopp-Mitfahrer sogar ausgestiegen und lieber zu Fuß weiter gegangen "weil mir das rechtslastige Gelaber gegen Ausländer auf den Geist gegangen ist".

In der Gesamtschau möchte Franke die Wandergesellenzeit keinesfalls missen. "Ich kann es nur jedem Handwerkergesellen empfehlen, sich auf Wanderschaft zu begeben, denn man lernt Offenheit im Umgang mit anderen Menschen, sich mutig neuen Aufgaben zu stellen und sich selbst mit seinen Stärken und Schwächen kennenzulernen". Auf die Walz zu gehen, das sei eine Schule fürs Leben, da ist sich Marius Franke ganz sicher. "Ich brauche noch einige Zeit, um richtig wieder zuhause anzukommen", erklärt er. Danach aber strebe er die Meisterprüfung an.

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