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Eichenau:Rückkehr zum Live-Erlebnis

Eigens aus Berlin angereist, musiziert der ehemalige Eichenauer Kirchenmusiker Christian Brembeck am Cembalo.

(Foto: Günther Reger)

Gelungener Auftakt der Roggenstein-Konzertreihe

Von Klaus Mohr, Eichenau

Kommen unter normalen Umständen nur 46 Zuhörer zu einem Konzert, dann ist die Enttäuschung groß. Anders stellt sich das in Corona-Zeiten dar: Zwischen der Konzertankündigung und der Vergabe der letzten, der 46. Eintrittskarte, vergingen beim Eröffnungsabend der diesjährigen Roggenstein-Konzertreihe gerade mal zwei Stunden. Es war ja auch weit und breit das erste Live-Konzert, das stattgefunden hat. Mehr Besucher durften es nicht sein, und der Abend fand auch nicht in der idyllischen Roggenstein-Kapelle, sondern in der viel größeren Eichenauer Pfarrkirche Zu den Heiligen Schutzengeln statt. Die Besucher warteten geduldig und mit dem vorgeschriebenen Mindestabstand vor der Kirche, um einzeln eingelassen zu werden. Sie setzten sich auf die markierten Plätze, so dass der Kirchenraum fast unendlich groß wirkte.

Christian Brembeck, ehemaliger Eichenauer Kirchenmusiker und für diesen Abend aus Berlin angereist, musizierte auf einem wunderbar klangvollen Cembalo Werke von Johann Sebastian Bach. Die Überzeitlichkeit dieser Musik, die für die Hörer spürbare Exklusivität und die große Sehnsucht, Kultur wieder live erleben zu können, führten zu großer Konzentration. Auch Christian Brembeck war die Besonderheit dieser Situation anzumerken: Er war bestens vorbereitet, spannte weite musikalische Bögen und hatte sich dafür entschieden, alle Werke auswendig zu spielen.

Christian Brembeck eröffnete den Abend mit Bachs "Concerto nach italienischem Gusto" BWV 971. Der kraftvolle Eingangssatz fing die bestechende Offenheit italienischer Satzkunst geschickt ein, spielte mit den klar konturierten Motiven und bettete sie klangvoll in Phrasen ein. Dabei kam dem überzeugenden Gesamteindruck zugute, dass das vom Cembalisten gewählte Tempo exakt auf die Akustik des Kirchenraums abgestimmt war. Dessen eher geringe Nachhallzeit rundete die Transparenz ab, verschleierte sie aber nicht. Im beseelten Mittelsatz notierte Bach gleichzeitig die dynamischen Vorgaben "piano" und "forte", in den Spielmöglichkeiten des Cembalos ein Hinweis auf die Verwendung von zwei Manualen. Vor diesem Hintergrund war die schreitende Achtelbewegung der Begleitung in der linken Hand mit der ruhig fließenden Oberstimme in der rechten Hand in eine ganz stimmige Balance gebracht. Rasch und zugleich ganz organisch im Verlauf nahm Brembeck den Finalsatz, ein Presto. Die Idee des Konzertierens, also eines Wettstreits unter den Tönen, erfuhr dabei sprühende Vitalität. Im festlichen Verlauf hielt der Cembalist die Spannung bis zum letzten Ton.

Zwei Partiten für Cembalo, nämlich Nr. 1 in B-Dur und Nr. 2 in c-Moll, folgten. In beiden Fällen handelt es sich um Suiten, also Folgen aus Tanzsätzen, doch unterscheiden sich beide Werke deutlich im Charakter. Das B-Dur-Werk stellt mustergültig die übliche Satzfolge vor, und Christian Brembeck hauchte jedem Satz seinen individuellen Geist ein: Organisch entwickelten sich im Praeludium die Figuren, nobel schritt die Allemande einher und von raschem Laufwerk war die Corrente geprägt. Die Sarabande hatte Würde und die abschließende Gigue spielerische Leichtigkeit. Von zarter Innigkeit waren die eingeschobenen Menuette geprägt. Einige der Sätze der Partita c-Moll waren von großem Einfallsreichtum gekennzeichnet: Die einleitende Sinfonia verkörperte einfühlsam eine Art Instrumentalrezitativ. Das Rondeaux geriet federnd und voll Leben. Der hüpfende Gestus wirkte spitz und ließ die einzelnen Töne zu luftigen musikalischen Nadelstichen werden. Zum Schluss gab es noch eine Zugabe, und nach exakt einer Stunde war das Konzert mit dem Schlag der Kirchturmuhr an seinem Ende angelangt.

© SZ vom 27.06.2020

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