Eichenau:In Meterschritten zur Wende

Eichenau: Plausch unter Freunden (von links): Umweltminister Thorsten Glauber und die beiden FW-Kreisräte Gottfried Obermair und Bernd Heilmeier

Plausch unter Freunden (von links): Umweltminister Thorsten Glauber und die beiden FW-Kreisräte Gottfried Obermair und Bernd Heilmeier

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber spricht bei den Freien Wählern über seine Politik

Von Erich C. Setzwein, Eichenau

Thorsten Glaubers weicht auf. Je länger sein Gesicht dem Regen ausgesetzt ist, desto mehr wirft es Falten. Freilich nicht sein echtes Gesicht, sondern das Foto auf der Veranstaltungsankündigung der Freien Wähler an der Zufahrt zum Bürgerzentrum. Dort spricht der bayerische Umwelt- und Verbraucherschutzminister der Freien Wähler am Montagabend, und es könnte nicht besser für ihn angerichtet sein. Der prasselnde Regen aufs Dach der Friesenhalle, der anschwellende Starzelbach, den die Feuerwehr mit künstlichen Dämmen zu sichern versucht - Phänomene, wie sie normalerweise in einem Februar nicht vorkommen. Der Jahreszeit nach wäre Winter, doch der Klimawandel hat alles durcheinandergebracht. Da gilt es, Rezepte in der Schublade zu haben, Ideen, wie denn die Ökologie gerettet werden kann, ohne die Ökonomie zu schädigen.

Nachhaltigkeit ist das Stichwort, das Thorsten Glauber an diesem Abend immer wieder nennt, und sein Publikum, zumeist Kandidaten der Freien Wähler aus vielen Landkreisgemeinden, stimmt ihm zu. Es ist Wahlkampf, da tut eine Portion Gemeinsamkeit ganz gut. Glauber ist nicht nach Eichenau gekommen, um den einen Plan zu präsentieren, mit dem sich alles heilen ließe. Er hat kein Gesamtpaket, er kann keinen Schalter umlegen, und alles wäre anders. Es sind die kleinen Schritte, die Glauber gehen will, und wenn er fünf Meter zu gehen hat, dann meint er, das auch fünfmal ein Meter insgesamt fünf Meter ergeben. Dieses Bild bringt er zwei Mal, beide Male im Zusammenhang mit der Fridays-for-Future-Bewegung, deren Motivation und Argumentation er offenkundig schätzt. "Die Debatte ist lohnenswert", sagt er über die von den Schülern angestoßene Diskussion in der Gesellschaft: "Ich bin froh, dass uns die Jugend auf der Straße den Spiegel vorhält", sagt er auch und wiederholt damit die Worte seines einen Parteifreunds, des Fraktionsvorsitzenden der Freien Wähler im Landkreis, Gottfried Obermair.

Die beiden kennen sich lange und gut, sie verbindet gemeinsame parlamentarische Arbeit. Obermair, der in Maisach als Bürgermeisterkandidat antritt, ist auch Vorsitzender des Energiewendevereins Ziel 21 und hat im vergangenen Jahr eine inzwischen erfolgreiche Photovoltaikkampagne angefangen. Nicht alles auf einmal, ist auch sein Motto, die Summe der Schritte ergibt den Weg. "Maßnahmenbezogen" ist auch so ein Begriff, den Thorsten Glauber wählt, wenn es zum Beispiel um die Förderung von energetischen Sanierungen geht. Das könnte auch von Obermair kommen. Die beiden sind sich in vielen Aus- und Ansagen ähnlich, kommen sie doch beide aus der Kommunalpolitik. Der Staatsminister, der auch noch stellvertretender Bürgermeister in seiner Heimatgemeinde Pinzberg in Oberfranken ist ("Ich komme daher, wo die Bäume blühen") betont denn auch das Narrativ der Freien Wähler in Bayern: Die tiefe Verwurzelung in der praktischen Politikarbeit, er kritisiert jene aus anderen Parteien, die theoretisierten.

Ganz praktisch betrachtet, will Glauber die Mobilität nicht einschränken. Die Entwicklung von Wasserstoffantrieben, die vor mehr als 20 Jahren keinen Erfolg in Deutschland hatte, will er voranbringen, der öffentliche Nahverkehr müsse ausgebaut werden. Er sei "seit zwölf Jahren mit dem S-4-Ausbau beschäftigt", er fordert, dass attraktive Angebote gemacht werden, damit die Menschen die Busse und Bahnen annähmen. Doch weiß er auch aus seiner Heimat, dass sich das in der Fläche nicht so umsetzen lassen dürfte. "Im Flächenland muss es Individualverkehr geben."

Seine Politik der Meterschritte beinhaltet auch, dass die Arten geschützt werden. "Da müssen wir jetzt ran", sagt er. Gleichzeitig will er die Kulturlandschaften nicht aufgeben, nicht zu "Urwald" verkommen lassen, wie das der politische Gegner fordere. Und noch ein Meterschritt: Altbauten gehörten gescheit saniert, anstatt für viel Geld bei einem modernen, der Energieeinsparverordnung gemäßen Haus noch ein paar Prozent mehr Einsparung herauszuholen. Dafür gebe es auch Geld vom Staat, wichtig sei, dass die Programme verzahnt seien, damit sie auch angenommen würden. Die Energiewende, sagt Glauber, während draußen Sturzbäche auf sein Plakat niedergehen, gehe nur "mit Haltung, mit aller Kraft und Stringenz". Beliebigkeit, meint der Minister, "ist bei diesem Thema völlig falsch.

© SZ vom 06.02.2020
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