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Eichenau:Hundert Kilo pro Kopf

Skeptisch gegen Bioplastik: Die Biologin Julia Traxel bei ihrem Vortrag in Eichenau.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Agenda-Expertin spricht über Verbrauch von Plastik

Von Karl-Wilhelm Götte, Eichenau

Auch die Bewohner des Landkreises Fürstenfeldbruck sind erfahren im Mülltrennen. Jedes Zipfelchen Kunststoff zum Wertstoffhof zu tragen, hat aber kaum Sinn, so das Fazit der Expertin Julia Traxel bei einer Veranstaltung der Eichenauer Grünen. "Plastik - Fluch und Segen unserer Zeit" lautete ihr Thema, und die Biologin räumte auf mit mangelnden Kenntnissen. 30 Besucher lernten unter anderem, dass es schlechter ist, Mineralwasser in Glas-Mehrwegflaschen abzufüllen als in Plastik-Mehrwegflaschen. Warum ist Plastik-Mehrweg besser? Weil das größere Gewicht der Glas-Mehrwegflaschen den Lastwagen dazu zwingt, für den Transport der gleichen Anzahl von Flaschen eher zweimal zu fahren. Glas-Mehrweg ist aber im Vergleich "etwas besser als Getränkeverbundkartons", sagte Traxel, die auch zum Bildungsteam der Lokalen Agenda 21 gehört. Zum Recycling werden pro Getränkekarton 30 Liter Wasser benötigt. Herauskommen Einweghandtücher für Toiletten in Gaststätten.

Als "vollkommen egal" bezeichnete es die Referentin, ob man im Supermarkt eine Plastiktüte für zehn Cent kauft oder eine kostenlose Papiertüte nimmt. Die Herstellung der Papiertüte erfordert laut Referentin einen viel größeren Einsatz von Strom und Wasser als die Plastiktüte. Apropos Papier. Deutschland scheint Weltmeister im Papierverbrauch pro Kopf zu sein. "Unser Verbrauch entspricht dem gesamten Papierverbrauch Afrikas und Lateinamerikas - also zweier Kontinente", teilte Traxel mit.

Die Zahlen zum Kunststoffverbrauch in Deutschland erstaunten ebenfalls. Hundert Kilo Plastik werden pro Kopf und Jahr verbraucht. 48 Millionen Plastikflaschen sind dabei. "Der Zerfall einer Flasche dauert 450 Jahre", sagte Traxel. Darunter sei bis zu drei Viertel Einwegplastik. Die 42 Plastikarten mit den Abkürzungen PET, PP oder PS und andere, die existieren, entstehen aus dem Grundstoff Erdöl. Doch das reicht nicht, um Becher, Flaschen oder Verpackungsfolien aus Kunststoff herzustellen. Additive, also chemische Zusatzstoffe, müssen beigemischt werden, damit Plastikprodukte marktfähig werden. "Das sind 100 000 Zusatzstoffe, die beigemischt werden", erläuterte Traxel. Einige gesundheitsschädliche Dioxine, Weichmacher, PCB und andere haben sich als gesundheitsschädlich herausgestellt. Auch DEHP in Babyspielzeug sei seit 2008 verboten, weil es Leber, Niere und Hoden schädige.

Doch die Verpackungsindustrie gibt nicht so schnell auf. Wird ein Stoff verboten, "wird er sehr oft durch andere Substanzen ersetzt", sagte Traxel. "Das ist ein ständiges Katz- und Mausspiel." Bio-Plastik bezeichnete das Umweltbundesamt vor zwei Jahren als "Mogelpackung", weil aus Maisstärke gemacht. "Bioplastik aus Maisstärke für sieben Milliarden Menschen, das funktioniert nicht", bekräftigte Julia Traxel. Sie zeigte den Besuchern zwei Plastikflaschen und erläuterte, was damit passiert. Die dünneren Einwegflaschen werden zusammengepresst nach Asien exportiert, dort eingeschmolzen und zu Fließjacken verarbeitet. China lehnt den Plastikimport jedoch seit zwei Jahren ab. Auch bei der Recyclingquote von Plastik sorgte Traxel für Ernüchterung. Die betrage nur zwölf Prozent. Ihr Rat: "Wenn sie gut recycelbares Glas und Papier zum Wertstoffhof bringen und noch Platz im Auto haben, nehmen sie auch Plastik mit."

Und wann ist Plastik ein Segen? Bei Operationen, wenn zum Beispiel eine neue künstliche Hüft- oder Knieprothese ein kaputtes Gelenk ersetzt, gab Traxel zur Antwort.

© SZ vom 29.01.2020
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