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Eichenau:Das Einmaleins des guten Stils

Antje Müller-Kruft berät einzelne Kunden, aber im Auftrag von Unternehmen auch größere Mitarbeiter-Gruppen. Wer bei ihr genau hinsieht, der bemerkt, dass sie Punkte wie Augenkontakt und Gestik verinnerlicht hat.

(Foto: Etiketting/Privat)

Antje Müller-Kruft aus Eichenau ist "Etikette-Trainerin". Sie weiß, dass es Sicherheit gibt, wenn man sich am Tisch zu benehmen weiß, dass oft der erste Eindruck zählt - und warum die Sonnenbrille in Corona-Zeiten oft ein No-Go ist

Von Stefan Salger, Eichenau

Die Corona-Pandemie hält die Welt in Atem. Über Maskenpflicht und Abstandsgebot hinaus bewirkt sie viele Veränderungen im täglichen Miteinander. Besonders gut weiß das Antje Müller-Kruft. Sie ist Etikette-Trainerin und damit Expertin, wenn es um Körpersprache, den richtigen Stil, empfehlenswerte Umgangsformen, die Interpretation der Körpersprache sowie ganz allgemein um die "Social Skills" geht. Sie weiß, was in Zeiten von Corona besonders wichtig ist. Und sie kann erklären, warum die Kombination aus Sonnenbrille sowie Mund-und-Nasenschutz ein absolutes No-Go ist.

Beim Besuch in Eichenau bittet die tadellos, aber auch nicht übertrieben modisch gekleidete Frau in Stoffhose und kariertem Jackett den Reporter herein und bietet Mineralwasser oder wahlweise Kaffee an. Wenn es stimmt, dass der erste Eindruck der entscheidende ist, dann kann jetzt eigentlich nichts mehr schiefgehen.

Müller-Kruft ist in einem eher konservativen Elternhaus aufgewachsen. Der Großvater war Geschäftsmann und regelmäßig Gastgeber größerer Veranstaltungen. Er wusste, wie entscheidend allein schon gute Tischmanieren sein können. Die damals um die acht Jahre alte Enkelin musste aufpassen: "Wenn was schief lief, gab es die rote Karte". Irgendwann überreicht ihr der Opa mehr oder weniger feierlich Ursula von Hansteins "Lexikon moderner Etikette", das Standardwerk des guten Tons. Das Titelbild der 1971 erschienenen Erstausgabe zeigt einen älteren Herrn mit grauem Schnauzer und Einstecktuch, der einer Dame mit Dauerwelle die Tür des knallgelben Autos aufhält. Für ein Kind eine mäßig spannende Lektüre. "Da habe ich damals keinen Blick reingeworfen", räumt Antje Müller-Kruft denn auch mit einem entwaffnenden Lachen ein. Das Interesse an der passenden Etikette wächst freilich im Laufe der Jahre.

Gut gebrauchen kann man entsprechende Kenntnisse im Gastgewerbe - Müller Kruft zieht es zunächst in die Hotellerie. Irgendwann wechselt die Betriebswirtin in einen Verwaltungsjob, zieht gemeinsam mit ihrem Mann die beiden Söhne groß und beschäftigt sich nebenbei in einer vierjährigen Trainer-Ausbildung mit dem Neurolinguistischem Programmieren (NLP). Es geht um Kommunikationstechniken und Einflussmöglichkeiten, um Menschen auf einen positiveren Weg zu bringen. 2018 macht sie sich selbständig, absolviert eine Ausbildung als Etikette-Trainerin und belegt einen Kurs in Interkultureller Kommunikation an der Steinbeis-Hochschule Berlin. Heute steht an der Schwelle, ihre Passion zum Hauptjob zu machen. Zielgruppen für ihr Kurse und mehrtägigen Seminare sind Jungunternehmer ebenso wie Führungskräfte oder Personal, das auf Messen Kundenkontakt pflegt. Es geht um die angemessene Kleidung, zeitgemäße Umgangsformen, die Regeln für Smalltalk und Telefongespräch, ums korrekte Verhalten und um die Fettnäpfchen im Umgang mit Geschäftspartnern aus anderen Ländern, in die man nicht tappen sollte.

Einmal erhält sie sogar den Auftrag, eine Gruppe Auszubildender zu schulen. "Das war toll", sagt sie. Den jungen Frauen und Männern wird augenscheinlich schnell klar, dass man im Gespräch mit einem Lächeln oft weiter kommt als mit der Brechstange. Sie erkennen, dass die oft ungeliebten Regeln nicht bloße Fesseln sind, sondern "Sicherheit geben" - und ihre Einhaltung "von Wertschätzung" zeugt und auch dem beruflichen Fortkommen dient.

Ist bei der heutigen Jugend mit Blick auf den Anstand eigentlich Hopfen und Malz verloren, wie das gerne behauptet wird? Antje Müller-Kruft winkt ab: "Ach was!" In den heutigen liberalen, eher antiautoritären Zeiten stünden Väter und Mütter gleichwohl bei der Erziehung besonders in der Pflicht. Es geht auch ohne Verbote hier und Strafen da: "Die Eltern müssen es ihren Kindern vorleben, sie haben die Verantwortung". Im Unterricht übernehmen die Lehrer. Bei den beiden 18 Jahre alten Söhnen hat das offenbar gut funktioniert.

Im Vorteil ist, wer die angemessenen Verhaltensregeln mit der passenden Körpersprache ergänzt. Mit krummem Rücken und tief über den Teller gebeugt die Suppe auszulöffeln, wie dies Müller-Kruft einmal bei einer Kollegin in der Kantine beobachtet hat, ist suboptimal - und das nicht nur wegen der drohenden Haltungsschäden. Überschätzt wird hingegen, wenn jemand mit übergeschlagenen Beinen oder verschränkten Armen dasitzt. Früher hieß es, so etwas sei ein Zeichen für Unnahbarkeit. Wenn man sich damit wohl fühle, sei das aber okay, findet Müller-Kruft. Beim Betreten eines Restaurants gilt übrigens auch nicht mehr grundsätzlich "Ladys first". Der Gastgeber sollte vorangehen und damit signalisieren, dass er zahlt. Und gerade in der Geschäftswelt ist er es auch, der am Tisch das "Startsignal" gibt.

Bei der Begrüßung sollte man sich in die Augen schauen und sich die Hand geben. "Naja", schränkt Antje Müller-Kruft gleich wieder ein, "in Corona-Zeiten ist auch der kurze Kontakt mit dem Ellenbogen oder der Faust okay". Wer jeglichen Kontakt vermeiden will, der kann die Hand aufs Herz oder die eigenen Handflächen aneinander legen. Alles besser als auf jede Geste zu verzichten. Wer Mund-und-Nasenschutz tragen muss und sich dann auch noch hinter einer Sonnenbrille verschanzt, der beraubt sich der Möglichkeit, seinem Gegenüber jenseits der Worte mit der Mimik Nuancen zu vermitteln - und damit beispielsweise zu signalisieren, dass etwas sehr ernst oder eben gar nicht ernst gemeint ist.

Ein guter Bekannter bat Antje Müller-Kruft jüngst in einer anderen pandemiebedingten Angelegenheit um Rat: Er war sich nicht sicher, ob er einer älteren Frau die Tür hätte aufhalten sollen, obwohl er dadurch den Mindestabstand unterschritten hätte. Der Tipp der Expertin: Einfach fragen! Denn auch gut gemeinte und vielleicht sogar gebotene Hilfe solle man niemandem aufdrängen.

Antje Müller-Krufts Botschaft: "Takt, Anstand, Höflichkeit und Sensibilität sind Tugenden, die auch in der jetzigen Krisensituation hilfreich sind und gelebt werden sollten." Wer das Einmaleins des guten Stils kennt, kommt weiter im Leben.

© SZ vom 16.09.2020

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