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Autor:Im Dauerdienst am Nächsten

Sozialpate für Schulabgänger, Deutschlehrer für Flüchtlinge, Tafel-Mitarbeiter, Altenheim-Besucher: Über einen großen Erfahrungsschatz an ehrenamtlichen Tätigkeiten verfügt der Fürstenfeldbrucker Jürgen Schulz.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Der Fürstenfeldbrucker Jürgen Schulz reflektiert in einem lesenswerten Büchlein über seine vielen ehrenamtlichen Tätigkeiten. Seine Erfahrungen beleuchten das Schatten-Dasein von sozial benachteiligten Menschen in der Kreisstadt

Das Cover rückt den Inhalt buchstäblich ins richtige Licht. Die Illustration macht die Intension wunderbar anschaulich, verleiht dem Titel "Fürstenfeldbruck am Rande" ein Bild mit Symbolcharakter. Aus einem Halbkreis von Menschenschatten ist eine Figur hinausgetreten in einen hellen Spot. Selbstbewusst steht die Gestalt im Lichtkegel, den Blick nach oben gerichtet, beinahe erhaben wirkt die Haltung. In den folgenden 75 Seiten macht der Autor den Leser mit einer ganzen Reihe von Brucker Bürgern vertraut, die dieser vermutlich im Alltag übersieht: "Mir war es sehr wichtig, über Menschen zu berichten, die am Rande leben und nicht wahrgenommen werden. Sie wollte ich in die Mitte bringen", sagt Jürgen Schulz. Und das ist ihm in einer unterhaltsamen wie nachdenklich stimmenden Weise eindrucksvoll gelungen.

Seine "Notizen eines Ehrenamtlichen", so der Untertitel, sind in mehrfacher Hinsicht bereichernd. So dokumentieren sie die jüngere Sozialgeschichte der Kreisstadt, welche beispielhaft die Gründung und Entwicklung von Einrichtungen und Initiativen umfasst wie der Tafel für Bedürftige, der Beratungsstelle und Unterkunft für Wohnungslose, dem christlich-muslimischen Gesprächskreis, den Aktivitäten für fairen Handel oder dem Arbeitskreis Mahnmal für die Opfer der Todesmärsche von KZ-Häftlingen am Ende des Zweiten Weltkrieges. Und in all diesen Bereichen - und noch einigen mehr - hat sich der ehemalige Systemingenieur in analytischer Messtechnik Zeit für andere genommen - seit einem einschneidenden Moment, den er so nüchtern wie nachdrücklich schildert: "Ich schaltete den PC am Arbeitsplatz aus, der Kantinenkoch stellte die Platten auf das Buffet, die Kollegen*innen sammelten sich um die Bistrotische, auf denen Gläser bereit standen, mein Chef zog den Zettel mit der vorbereitenden Rede aus der Anzugtasche. Das war's." Durchaus mit literarischem Talent fixiert der gebürtige Berliner den Augenblick, an dem die geregelten Lebensabläufe erst einmal abrupt vorbei sind und die reine Selbstbestimmung beginnt: "Jahrzehnte meines Berufslebens endeten mit Häppchen und Sekt. Und dann?"

Schulz fiel in jedem Fall in kein Loch. Im Gegenteil: Die freie Zeit als Rentner nutzte er in einem Maße für seine Mitmenschen, dass es einem nur Respekt vor diesem immensen ehrenamtlichen Engagement abnötigen kann. Oder wie es der ehemaligen evangelische Kreisdekan Ulrich Finke im Vorwort auf den Punkt bringt: "Er dürfte in diesen knapp 20 Jahren viele und vor allem andere Seiten von Fürstenfeldbruck gesehen und erlebt haben als so mancher alte Brucker." Und diese Seiten haben ebenso viele Gesichter, welche der Autor dem Leser unaufdringlich nahe bringt.

Da ist Max, der durch eine gescheiterte Beziehung aus der Bahn geworfen wurde und auf der Straße landete. Ihn begleitete Schulz als Mitarbeiter der Beratungsstelle für Wohnungslose der Caritas in Fürstenfeldbruck. Am Ende findet Max nach zehn Jahren wieder zurück ins bürgerlicher Leben - mit Wohnung und Rentenbescheid. Da ist Gülsün, ein Mädchen, um das er sich in der von ihm initiierten Hausaufgabenbetreuung für türkische Kinder kümmerte. Aus der jugendlichen Boxerin ist inzwischen eine Lehrerin an der Brucker Mittelschule Nord geworden. Nicht immer münden die Mühen freilich in ein Happy End. Für Kevin etwa übernahm Schulz die Rolle des Sozialpaten, der einem Mittelschulabgänger hilft, einen Ausbildungsplatz zu finden. Der Jugendliche fängt zwar im Hotel an, bricht die Lehre aber ab. Und: "Über seine aktuelle Beschäftigung möchte seine Mutter nicht sprechen", heißt es im Buch. Erfahrungen als Besuchsdienst im Altenheim, Begleiter ins Schullandheim oder im Deutschunterricht in der Asylunterkunft Hasenheide runden das große Spektrum an ehrenamtlichen Tätigkeiten des heute 78-jährigen Fürstenfeldbruckers ab.

Sein im Selbstverlag erschienenes Buch ist nun keine bloße Aneinanderreihung von Schicksalsgeschichten. In jedem Kapitel erfährt man Tiefgreifendes über das jeweilige soziale Problemfeld, auf dem ehrenamtlicher Einsatz personelle Lücken schließt und Menschlichkeit einbringt. So hat sich etwa die Essensausgabe für bedürftige Menschen in Fürstenfeldbruck zu einer traurigen Notwendigkeit entwickelt, schließlich ist die Zahl der Kunden von anfangs 15 bis 20 auf rund 330 gestiegen.

In seinen Schilderungen von Betroffenen und Reflexionen über das jeweilige Thema hält sich der Autor angenehm zurück. Äußert er Empfindungen, dient dies dazu, die Schwierigkeiten zu unterstreichen, die sich auftun, wenn sich zwei Fremde in einer Hilfsbeziehung näherkommen sollen: "Anfangs war ich frustriert, merkte jedoch schnell, dass ich der Lernende in diesem Prozess bin", lautet so ein gedanklicher Einwurf in der Rolle des Sozialpaten für den Mittelschüler Kevin. "Ich erfuhr oft spontan von Lebenssituationen, die mich noch auf dem Weg nach Hause begleiteten", notiert er als Tafel-Mitarbeiter und führt bedrückende Beispiele auf wie die Mutter, die mit ihrer Tochter im Auto schläft, um die Obdachlosigkeit zu vermeiden.

Im Gespräch räumt Schulz dann schon ein, dass seine Einsätze "manchmal stressig" seien. Aber am Ende empfindet er das Ehrenamt immer als eine "Bereicherung". In seiner Biografie wurde der Grundstock dazu in frühen Jahren gelegt. Mit Mitte 20 war er im kirchlichen Entwicklungsdienst tätig. Dieser führte ihn für fünf Jahre nach Afghanistan und in den Kongo. Die Verletzung der Menschenrechte in diesen Ländern habe ihn derart mitgenommen, dass er anfing, bei Amnesty International mitzuarbeiten. Sein erstes Ehrenamt, das ihn unter anderem nach Guatemala führte, dort lernte er seine Ehefrau kennen.

Anfang des Jahrtausends verschlug es Schulz nach Fürstenfeldbruck, wo er eben dann 2003 mit dem Eintritt ins Rentenalter begann, sich verstärkt zu engagieren. Und auch darüber findet sich eine anregende Reflexion in dem Buch. Der Autor wirft Fragen auf, die Defizite beleuchten. Etwa die, ob das Ehrenamt gesellschaftliche Aufgaben kompensiere, die eher von Beschäftigten der Kommunen oder anderen Institutionen ausgeführt werden sollten? Antworten liefert er nicht, aber dafür eine jederzeit gültige Erkenntnis: "Ehrenamt muss Mann/Frau sich leisten können."

Fürstenfeldbruck am Rande, von Jürgen Schulz, 75 Seiten, 8,50 Euro; erhältlich in Fürstenfeldbruck in der Buchhandlung Wagner, im Klosterladen, am Eine-Welt-Stand auf dem Bauernmarkt oder beim Autor selbst: Nelkenstraße 2, in 82256 Fürstenfeldbruck.