Ausstellungseröffnung in Schöngeising:Eine Spurensuche

Lesezeit: 4 min

Ausstellungseröffnung in Schöngeising: Elisabeth Lang beim Aufbauen der Ausstellung am Jexhof

Elisabeth Lang beim Aufbauen der Ausstellung am Jexhof

(Foto: Günther Reger)

Die neue Ausstellung im Bauernhausmuseum Jexhof zeichnet jüdische Biografien im Brucker Land nach. So sollen Unsichtbare wieder sichtbar werden. Alle wurden auf die ein oder andere Weise Opfer der Shoah

Von Peter Bierl, Schöngeising

Die vier Silhouetten am Eingang sind als Menschen erkennbar, aber nicht zu identifizieren. Sie machen grafisch das Anliegen der neuen Ausstellung im Jexhof-Museum deutlich, die Unsichtbaren sichtbar machen, jüdische Biografien aus dem Brucker Land vorzustellen. Kein leichtes Unterfangen, sondern eine Spurensuche, deren Fluchtpunkt stets die Shoah bildet, deren Opfer sie alle in irgendeiner Weise wurden.

Dem Museumsleiter Reinhard Jakob und der Historikerin Elisabeth Lang ist eine Zusammenstellung gelungen, die beeindruckt, durch die Schicksale ebenso wie durch die gelungene Gestaltung, die Ruth Strähhuber übernommen hat. Gegenwart in die Ausstellung bringt ein Interview mit der Künstlerin Ilana Lewitan aus München, einer Tochter von Überlebenden der Shoah, die über ihre Erfahrung des Andersseins, über Identität und Antisemitismus spricht.

Das Team hat einen biografischen Ansatz gewählt und darauf verzichtet, jüdisches Leben zu zeigen. Das gäben die Quellen nicht her, es existierten kaum Selbstzeugnisse, berichtet Jakob. Vor allem gab es im Landkreis keine jüdischen Gemeinden, was wiederum auf die lange Tradition der Verfolgung hinweist. Im Kurfürstentum Bayern durften keine Juden leben, mit wenigen Ausnahmen als Dienstleister am Hof in München. Jüdische Gemeinden gab es nur in Schwaben und Franken, die in der napoleonischen Ära von Bayern annektiert wurden. Der Prozess der Assimilation hatte bereits eingesetzt, Menschen verließen die Gemeinden, gaben den Glauben ihrer Vorfahren auf, blieben konfessionslos oder konvertierten. Aber wie auch immer sich die Betroffenen zum Judentum stellten oder ob sie nach jüdischem Recht überhaupt solche waren, für Antisemiten blieben sie Angehörige einer "Gegenrasse", die sich gegen das Deutschtum verschworen hatten und vernichtet werden mussten.

Belegbar ist, dass sich die ersten Menschen jüdischer Herkunft um 1900 im Landkreis niederließen, wie 1907 der Viehhändler Julius Fröhlich in Bruck. 1897 war Julius Einhorn an der Gründung der Hausmull-Gesellschaft in Puchheim beteiligt. In der Zeit der Weimarer Republik zog die Malerin Johanna Oppenheimer, die 1942 in Theresienstadt ermordet wurde, nach Schöngeising. Emil und Else Amányi kamen nach Olching und flüchteten später nach Palästina.

Der Metzger Ludwig Benjamin aus dem Saarland zog 1922 nach Bruck, wo er 1935 starb, während seine Frau Bertha und die Tochter Frieda später getötet wurden. Einhorn starb 1929, seine Frau Ida wurde 1942 im polnischen Ghetto Piaski ermordet. Fröhlich und sein Kollege Joseph Bikart, seit 1922 in Bruck, wurden im März 1933 von SA-Männern misshandelt und eingesperrt. Nach öffentlicher Aufforderung gingen mehr als 30 Anzeigen von Bauern gegen sie ein, um das Vorurteil vom jüdischen Wucherer zu bestätigen. Bikart emigrierte kurz darauf ins Elsass, wo sich seine Spuren verlieren, Fröhlich nach Palästina. Einige überlebten die NS-Herrschaft im Landkreis, wie die Erzieherin Gretl Bauer, Anna Bär, ihre Tochter Liselotte Goldmann und Anne-Lise von Branca in Gröbenzell oder der Maler Henrik Moor, der vom Landrat gedeckt wurde.

Wie sehr sich manche mit dem Land der Richter und Henker identifiziert hatten, wird an Berthold Lehmann deutlich. Er diente als Soldat im Ersten Weltkrieg, vom bayerischen König ausgezeichnet, während Antisemiten gegen "jüdische Drückeberger" hetzten. 1922 heiratete Lehmann die Katholikin Lilly Spahn und arbeitete als Oberzollinspektor. Im August 1933 wurde der damals 38-Jährige in den Ruhestand versetzt.

Lehmann protestierte vergeblich. In einem Schreiben an den bayerischen Finanzminister grenzte er sich von den allseits verachteten "Ostjuden" ab und reklamierte sich als Teil der "Volksgemeinschaft". 1934 bekam Lehmann von Hitler sogar das Ehrenkreuz für Kriegsteilnehmer. Vier Jahre später musste er Bruck verlassen und Zwangsarbeit bei einer Baufirma in München leisten. Heimlich besuchte Lehmann seine Frau und wurde denunziert. Er überlebte die letzten Kriegsjahre bei Bekannten in einem Schrank versteckt.

Von Moor zeigt die Ausstellung etliche Werke, ebenso von Oppenheimer. Beeindruckend ist ein kleinformatiges Ölgemälde von Helmut Appelbaum, einem Ingenieur und Künstler, der in Weßling lebte. Es zeigt KZ-Häftlinge in einer Grube bei der Zwangsarbeit, umringt von Wächtern, die Häftlinge tragen keine Köpfe. Appelbaum war in den KZ Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen interniert, wurde dann freigelassen und ging nach Palästina.

Die wenigen Objekte, die zu sehen sind, verweisen ebenfalls auf die Verfolgung, darunter der Koffer mit dem Namen Simon Erlanger. Er wurde 1941 von Gröbenzell nach Milbertshofen deportiert, einer Zwischenstation in die Vernichtungslager. Erlanger überlebte als einer von 16 Juden dieses Durchgangslager, weil er mit einer Nicht-Jüdin verheiratet war.

Das Team hat in lokalen Archiven geforscht, im Staatsarchiv in München, auch das Archiv des Internationalen Suchdienstes in Arolsen erwies sich als gute Adresse, berichtet Lang. Trotzdem blieben manche Biografien fragmentarisch.

Namen, Daten und Fotos der Geschundenen und Ermordeten findet der Besucher beim Rundgang, die Stellwände sind teilweise eng zusammengerückt. Strähhuber hat dünne Betonplatten als Tafeln verwendet, selbst gegossen, geschliffen, gespachtelt und lackiert, dazu Klebebuchstaben ausgedruckt. Kontrast bietet der dunkle Kinoraum in der Mitte. Annemarie Strähhuber ist auf dem Bildschirm zu sehen. Sie spricht, aber sie ist nicht zu hören, so wie die überlebenden Opfer, die, von Verfolgung und Terror in Albträumen heimgesucht, kaum von ihrem Leid erzählten. Davon berichten die Texte von Nachkommen, die eingeblendet werden. Per Kopfhörer ist "Die Todesfuge" von Paul Celan zu hören, der das Schweigen über die Verbrechen und die Täter bricht, während die neue Jexhof-Ausstellung den Opfern aus der Region Namen und Gesichter gibt.

Die Unsichtbaren sichtbar. Biografien aus dem Brucker Land, Sonderausstellung des Bauernhofmuseums Jexhof bei Schöngeising ab 3. Dezember, Dienstag bis Samstag, 13 bis 17 Uhr, Sonn- und Feiertage 11 bis 18 Uhr.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB