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Ausstellung:Eine Bühne für die Nebendarsteller

Die Künstlerin Genoveva Dünzinger sieht sich in ihrer Fotografie "Kopfsache" (oben) mit sich selbst konfrontiert.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

In der Ausstellung "Sidekicks" im Puchheimer Kulturzentrum haben sich die Künstler gegenseitig die Themen vorgegeben. Es geht um Monster, Hürden und Androgynität.

Von Felicitas Lachmayr, Puchheim

Hinter Blättern und Lianen windet sich eine giftgrüne Schlange um einen hervorstehenden Ast, aus einer Ecke starren dem Betrachter zwei leere, tiefschwarze Augen einer wächsernen Maske entgegen und am Boden türmen sich Autoreifen, zwischen denen eine zerfledderte Ukraine-Flagge und ein Militärhelm an die Schrecken und Gewaltausschreitungen am Maidan vor etwa einem Jahr erinnern. Das darüberhängende Foto, eine Originalaufnahme des Schauplatzes, spiegelt eindrucksvoll die Realität der künstlich dargestellten Proteste wider.

Was die Künstler der Ausstellung "Sidekicks" im Puc mit dem Begriff Monster assoziieren, ist so verschieden wie die Künstler selbst. Ist es für Malerin Angelika Brach die von vielen gefürchtete Schlange, so tragen für die in Kiew geborene Künstlerin Maria Weiss persönlichen Erlebnisse etwas Monsterhaftes in sich. Denn sie hat die Straßensperren und gewaltsamen Proteste am Maidan selbst miterlebt und in ihrer Installation künstlerisch verarbeitet.

Die Installation "Maidan" von Maria Weiss erinnert an die gewaltsamen Proteste in der Ukraine.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

"Es ist interessant, wie unterschiedlich die Ergebnisse zu den einzelnen Begriffen sind", sagt Brach. Die 68-Jährige hatte gemeinsam mit dem Theaterregisseur Johannes Kalwa die Idee zur Ausstellung "Sidekicks", zu deutsch Kumpanen oder Nebendarsteller. "Es ist ein spannendes Thema. Die meisten Helden aus Filmen, Comics oder Büchern werden von einem Sidekick begleitet. Zwar spielen sie nur eine Nebenrolle, aber sie sind es, die den Charakter des Hauptdarstellers vervollständigen."

Mit ihrer Ausstellung wollen die fünf Künstler nun selbst in die Rolle des Sidekicks schlüpfen. Dafür haben sie ihre künstlerische Herangehensweise neu konzipiert. Denn die Gruppe realisierte den Titel der Ausstellung nicht in den Werken selbst, sondern in der Zusammenarbeit untereinander. "Jeder von uns war einmal der Hauptdarsteller und durfte einen Begriff nennen, zu dem die anderen als Nebendarsteller ein entsprechendes Kunstwerk produzieren mussten", erklärt Brach. "Als Nebendarsteller ist man dem Hauptdarsteller unterworfen, wirft aber gleichzeitig eine komplementäre Sichtweise auf dessen Ideen."

So zeigt die etwa 30 Werke umfassende Ausstellung Assoziationen und Interpretationen der Künstler zu einzelnen Stichwörtern wie Monster, androgyn, Absacker oder Hürde. "Die Wörter haben für denjenigen, der sie wählt, eine besondere Bedeutung", sagt Brach. "Umso spannender ist es, zu sehen, was die andern daraus machen." Während die Fotografin Genoveva Dünzinger in sich selbst eine Hürde sieht, die es zu überwinden gilt, ist es für Künstler Arne Brach die Angst vor der Höhe, der er sich nur ungern stellt.

Das Medium, mit dem sie ihren Perspektiven Ausdruck verleihen, ist dasselbe, doch die Umsetzung könnte verschiedener nicht sein. Eine Schwarz-Weiß-Fotografie, in der sich die innere Zerrissenheit der Künstlerin in Selbstporträts widerspiegelt, neben zwei Aufnahmen aus den schwindelerregenden Höhen eines zehn Meter hohen Sprungturms. Die kleine Trittleiter darunter vermittelt zusätzlich das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Damit bedeutet die Ausstellung, an deren Umsetzung die Künstler etwa 14 Monate lang zusammen arbeiteten, nicht nur für die Beteiligten selbst einen dem Motto der Kreiskulturtage entsprechenden Perspektivwechsel, sondern auch der Betrachter selbst entwickelt einen neuen Blickwinkel auf die Rolle des Sidekicks. Und der avanciert mit diesem Projekt zum eigentlich Helden des Geschehens.

Die Ausstellung "Sidekicks" ist noch bis Sonntag, 15. März, täglich von 14 bis 17 Uhr im Puchheimer Kulturzentrum (Puc) zu sehen.

© SZ vom 14.03.2015
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