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"Auf Sicht":Spannende Prozesse

Der Puchheimer Kunstraum Harbeck präsentiert drei Akademiestudentinnen

Von Lea Schellenberg, Puchheim

Nilofar Shirani dimmt das Licht in dem kleinem Raum mit Dachschräge. Sie schaltet den Beamer an und dieser strahlt gegen ihre Installation. Ein Bild entsteht an der Wand, mit bewegtem Hintergrund durch das Video, das über den Beamer projiziert wird. Es sieht so aus, als würde ein Vulkan ausbrechen. Ihre Installation besteht aus mehreren Keramik-Skulpturen und Platten, die hintereinander angeordnet sind. Normalerweise würde an ein paar Stellen echtes Feuer an den Skulpturen aufsteigen, doch das ist im Kunstraum Harbeck nicht möglich. Direkt vor dem Beamer sitzt eine menschliche Figur. Sie trägt ein Krone. Neben ihr steht ein überproportional großer Hase. Dahinter sind weitere Elemente angeordnet: ein Vulkan, Keramikplatten mit Einkerbungen, eine herabhängende nackte Frau und weitere Elemente. Shirani wird von der persischen Mythologie, ihrem eigenem Symbolismus und der Kunstgeschichte inspiriert. In dieser Installation setzt sie sich auch mit ihrer persönlichen Geschichte auseinander. Und fragt sich, wie wir mit den eigenen Gedanken umgehen.

"Auf Sicht" heißt die Ausstellung, die Lena Keller (von links), Niloufar Shirani und Julia Burek derzeit im Kunstraum Harbeck in Puchheim bestreiten.

(Foto: Günther Reger)

So findet sie auch das Brennen des Tons interessant. So wie bei Gedankenprozessen der Menschen, gibt es auch hier einen Prozess. In der zweiten Installation, die von ihr ausgestellt ist, beschäftigt sie sich mit Dingen, die aus der Vergangenheit übrig geblieben sind und heutzutage in Vergessenheit geraten. Rudimente der Anatomie, in Gehirnen oder auch Gedanken der Menschen. Große skelettähnliche Nachbildungen liegen am Boden zerstreut. Es soll das Skelett eines Drachens darstellen, denn ihre Arbeit basiert auf Elementen eines alten persischen Mythos, der Geschichte von "Zahak". Das größte Ausstellungsstück wird auch hier von einem Beamer bestrahlt. Es sind MRT-Bilder eines demenzkranken Gehirns. Etwas bliebe aus der Vergangenheit und trotzdem müssten wir weitergehen, so würden die Dinge in Vergessenheit geraten, meint die Künstlerin. Dazu läuft eine Tonbandaufnahme, ein Dialog zwischen zwei Frauen. Nilofar Shirani hat ihn selbst geschrieben. Er spielt auf den Mythos von "Zahak" an. Die Künstlerin, die an der Kunstakademie in München studiert, steht mit ihrer Kunst im Dialog mit dem Leben. Sie möchte unbewussten Erfahrungen Ausdruck verleihen.

Neben Shirani stellen zwei weitere Studentinnen der Kunstakademie ihre Werke im Kunstraum aus. Die drei Künstlerinnen besuchen die Klasse von Karin Kneffel. Lena Keller geht mit ihren Werken auf das Verhältnis zwischen Mensch und Natur im Kontext medialer Einflüsse ein. Heutzutage würde der Mensch womöglich mehr vor dem Bildschirm sitzen als in der Natur zu sein, sagt Keller. Sie stellt sich der Frage, wie man dieser Veränderung Ausdruck in der Kunst verleihen kann. Deshalb bezieht sie das Digitale mit ein und arbeitet mit der Ästhetik von Handyfotos. Auf eingefärbten Leinwänden malt sie mit Ölfarben Landschaftsmotive. Eines ihrer Bilder zeigt die Äste eines Baumes. Im Hintergrund ist das Blattgrün zu sehen, zwischen dem das Blau des Himmels hervorblitzt. Obwohl der Fokus auf die Äste gerichtet ist, wirkt das Bild unscharf.

Ein Landschaftsmotiv von Lena Keller

(Foto: Günther Reger)

In den Werken von Julia Burek dreht es sich um ihre Faszination zur Farbe selbst. Sie arbeitet mit Epoxidharz, was sie als Bindemittel für Pigmente benutzt, oder malt mit Öl auf Leinwand. Sie gibt der Farbe einen eigenstelligen Wert und demonstriert, wie viel Farbe kann. Auf einem ihrer Bilder sind viele feine hellblaue Striche über einem farbigen Hintergrund zu sehen. Der Hintergrund verläuft von oben mit Neongelb, über wärmere Gelbtöne, Orange- Rottöne in einen himbeerigen Rotton. Ihre Augen leuchten, wenn sie von ihrer Kunst spricht. Statt nach einem Motiv zu suchen, das dem Werk Ausdruck verleihen soll, möchte sie die Farbkomposition und die Farben selbst in den Mittelpunkt rücken.

Eine Installation von Niloufar Shirani

(Foto: Günther Reger)

Obwohl die Kompositionen der Studentinnen der Kunstakademie im Kontrast zueinander stehen und sie verschiedene Positionen vertreten, haben sie eines gemeinsam. Alle lassen den Betrachter bei dieser Ausstellung an einem spannendem Suchprozess teilhaben.

Kunstinteressierte können sich die Ausstellung "auf Sicht"noch bis zum 23. August im Kunstraum Harbeck in Puchheim ansehen: sonntags von 14 bis 16, mittwochs von 17 bis 19 Uhr.

© SZ vom 06.07.2020

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