Ortsgedächntis - Ein Blick in die Archive: SZ-Serie:Von Dokumenten und Legenden

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Ortsgedächntis - Ein Blick in die Archive: SZ-Serie: Archivarin Andrea Breuer in ihrem Büro im alten Allinger Rathaus.

Archivarin Andrea Breuer in ihrem Büro im alten Allinger Rathaus.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Im Allinger Archiv sortiert Andrea Binder Nachlässe und nimmt auch Erzählungen und Legenden auf. Gut dokumentiert sind Überflutungen durch den Starzelbach.

Von Manfred Amann, Alling

Ganz oben unterm Dach im alten Allinger Rathaus herrscht noch ein Durcheinander, doch Andrea Binder sagt, sie fühle sich schon richtig wohl in ihrem neuen Reich. Zufrieden lässt die Archivarin den Blick über die Umzugskisten schweifen, die sie nun endlich leeren kann. Die Akten, Fotos und Postkarten wird sie fach- und sachgerecht ordnen, aufbewahren und der Öffentlichkeit zugänglich machen. "Das Durcheinander ist schnell beseitigt", erklärt sie. Es habe ja vor der unlängst abgeschlossenen Sanierung und Erweiterung des Rathauses schon eine Ordnung gegeben.

Ortsgedächntis - Ein Blick in die Archive: SZ-Serie: Die Archivarin hofft auf die Mithilfe der Allinger, um Fotos wie dieses und andere Gegenstände zuordnen zu können.

Die Archivarin hofft auf die Mithilfe der Allinger, um Fotos wie dieses und andere Gegenstände zuordnen zu können.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Besonders freut sich die Mitfünfzigerin, dass sie ihrem Wunsche entsprechend künftig einen Aufbewahrungsraum mit Tisch und Stühlen zur Verfügung hat, in dem sich Interessierte in aller Ruhe in Schriftstücke vertiefen oder Fotos betrachten können. "Ich bekomme immer wieder Fotos ohne eine Beschreibung", sagt Binder. Daher sei sie dankbar, dass sich alteingesessene Allinger manchmal Zeit nähmen und bei der Bestimmung der Ereignisse und Personen helfen. "Wir sprechen dann auch über die Zeit, und ich mache mir Notizen. Die Heimatgeschichte zu erfassen ist mehr als Nachlässe zu ordnen." Um sich in die jeweilige Zeit hineindenken zu können, brauche man "erlebte Geschichten", wie zum Beispiel die vom einstigen Dorfschmied, den die Kinder manchmal als "Ruaßkoda" neckten.

Oder man spricht über Legenden. So die Mär vom Mann ohne Schatten, der in mondheller Nacht einen fast zu Tode erschrockenen Bauern von Holzhausen nach Alling begleitet haben soll. Oder die Legende vom "feurigen Mandl", das sich auf dem Ross eines Fuhrmanns niederließ und erst nach einem Stoßgebet wieder verschwand. Gelegentlich macht die Archivarin Aufrufe im Mitteilungsblatt der Gemeinde, auf dem Dachboden oder in Schubläden zu kramen und Überbleibsel aus früheren Zeiten zur Verfügung zu stellen. Zudem bringen Bürger manchmal nach Haushaltsauflösungen Kisten voll mit Fotos, alten Zeitungen und Schriftstücken, die sie prüft, ob sie ins Archiv aufgenommen werden sollen. "Weggeworfen wird selten etwas" versichert sie.

Ortsgedächntis - Ein Blick in die Archive: SZ-Serie: Leisten aus dem Nachlass des Schusters Matthias Furtner.

Leisten aus dem Nachlass des Schusters Matthias Furtner.

(Foto: Archiv Alling/oh)

Vor nicht lange habe sie den Nachlass des Schusters Matthias Furtner (1918-2014) mit einer Vielzahl von Leisten bekommen, die natürlich verwahrt werden. "Vielleicht können sie in einer Ausstellung gezeigt werden", sagt die Archivarin, die dieses Amt seit 2014 ausübt und schon mehrfach Fotos und Dokumente öffentlich präsentierte. Auf dem Fensterbrett ihres Büros liegen Gasmasken aus dem Ersten Weltkrieg und alte Haarschneidegeräte, daneben Fotos und Postkarten aus dem Nachlass von Otto Brunner, dem letzten "Bader" von Alling, der seine Praxis am Weinberg hatte. Ein Zeugnis aus dem Jahre 1886 weist ihn als studierten Arzt aus.

Ortsgedächntis - Ein Blick in die Archive: SZ-Serie: Das Haus des letzten Allinger Baders Otto Brunner, der am Weinberg praktizierte.

Das Haus des letzten Allinger Baders Otto Brunner, der am Weinberg praktizierte.

(Foto: Archiv Alling/oh)

Eigentlich ist Andrea Binder Betriebswirtin mit Schwerpunkt Hotel- und Restaurantmanagement. Als sich ihr die Chance bot, am Wohnort in der Gemeindeverwaltung zu arbeiten, griff sie zu. Von ihrem Vorgänger Klaus Braunmüller, der auch für andere Kommunen Ordnung in die Archive gebracht habe, habe sie das Grundlegende gelernt. "Doch eigentlich bin ich Autodidaktin", sagt sie. Nach einer Schulung im Umgang mit dem Ordnungssystem "Faust" habe sie einige Zeit gebraucht, bis sie "aus gemachten Erfahrungen" einen Blick für das Wichtige und Wesentliche bekommen habe.

Immer wieder finde sie Aufzeichnungen des einstigen Allinger Schullehrer Herbert Kuhn, der sich im Ruhestand wohl als erster ehrenamtlich um die Archivierung gekümmert, aber oft vergessen haben, das Datum zu vermerken. Er berichtete von einem Alling ohne geteerte Straßen und mit Großbauern. Zudem schrieb er eine "Kleine Chronik", lange Zeit die einzige Quelle für das Wissen um die Geschichte des Dorfes, bis vor einigen Jahren eine handschriftliche Chronik aus dem Jahre 1896 auftauchte.

Ortsgedächntis - Ein Blick in die Archive: SZ-Serie: Gegenstände aus der Baderei von Otto Brunner - Rasiermesser und Haarschneidegeräte.

Gegenstände aus der Baderei von Otto Brunner - Rasiermesser und Haarschneidegeräte.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Weitere Nachschlagewerke sind eine Ortschronik von Eichenau und Alling von Emmanuel Müller von 1940 bis 1945 und die Aufzeichnungen "Biburg - ein Dorf" Max Ludwigs aus dem Jahre 1959. Über Allings Frühgeschichte liegen nur wenige Dokumente vor. Anlässlich der 1200-Jahr-Feier 2002 sei die Urkunde, auf der das Dorf "allingas" zum ersten Mal genannt worden sei, angeschafft worden. "Aber recht viel mehr haben wir nicht zur frühen Ortsgeschichte", bedauert Binder. Ein besonders Stück sei ein Modell der Burg, die einst oberhalb der Kirche gestanden haben soll. Es wurde zum Jubiläum für eine Ausstellung angefertigt.

Zur Schlacht bei Hoflach am 19. September 1422 seien nur einige Zeitungartikel aus späterer Zeit vorhanden. Da sich die handschriftliche Chronik auf eine noch ältere berufe, habe sie selbst recherchiert und zum Beispiel im Hauptstaatsarchiv in München geforscht, "aber nichts gefunden", bedauert Binder. Insgesamt sind im Archivprogramm 3340 Objekte (Dokumente, Fotos, Postkarten, Zeitungsartikel, Gegenstände, Karten, Pläne, auch Briefe und ähnliches) registriert.

Ortsgedächntis - Ein Blick in die Archive: SZ-Serie: Gasmasken aus der Baderei.

Gasmasken aus der Baderei.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Manche Fotos oder Postkarten hat Binder digitalisiert, weil die Eigentümer das Original selbst behalten wollten. 33 Meter Akten haben sich mittlerweile angesammelt. Sitzungsprotokolle und Beschlussbücher sind von 1807 an vorhanden. Das älteste Dokument ist ein Aufriss- und Grundrissplan aus dem Jahr 1884 für den Anbau eines Stalls und eines Aborts an die alte Schule. Der gesamte Archivbestand ist verschlagwortet und sortiert. Gut dokumentiert sind der Archivarin zufolge Überflutungen des Starzelbaches, und der Streit zwischen Alling und seiner Siedlung Eichenau, der die Trennung in zwei selbstständige Gemeinden zur Folge hatte. Besonders aufschlussreich findet die Archivarin einen Zeitungsausschnitt, in dem Ergebnisse der Volkszählung von 1900 aufgeschlüsselt sind.

"Alling war damals noch ein Bauerndorf mit 674 Einwohnern, in dem 121 Pferde, 794 Rinder und 382 Schweine gehalten wurden", sagt sie. "Heute gibt es kaum noch landwirtschaftliche Betriebe mit Tierhaltung und fast sechs Mal so viele Einwohner." Alling, im Einzugsgebiet von München gelegen, werde immer mehr zur "Pendlergemeinde". Nur spärlich vorhanden sind Dokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus und Hinterlassenschaften aus den beiden Weltkriegen. Die Archivarin hofft, noch einiges zusammentragen zu können, "um ein Bild davon zeichnen zu können, was in dieser Zeit in Alling passierte und wer darin welche Rolle spielte".

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