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Alternativen gesucht:Kicken auf Hanf

Hanfpflanzen

Nicht nur als Rauschmittel: Hanf ist neuerdings die Hälfte eines Füllstoffs für Kunstrasenplätze.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Gröbenzells Gemeinderäte möchten den Kunstrasenplatz sanieren und suchen nach einer Alternative zum Plastikgranulat. Dabei setzen sie auf einen neuartigen pflanzlichen Füllstoff

Hanf statt geschredderter Autoreifen: Die Gemeinde Gröbenzell geht bei der Sanierung ihres Kunstrasenplatzes neue Wege. Anstelle von Plastikgranulat in verschiedener Ausführung, das bisher als Dämm- und Füllmaterial für Kunstrasenplätze Verwendung findet, haben sich die Gemeinderäte für eine neu entwickelte Alternative entschieden. Da sie zur Hälfte aus Hanf besteht, soll sie umweltfreundlicher und weniger gesundheitsschädlich sein als reines Plastikgranulat. Das ist in Verruf geraten, da es nach einigen Studien Mikroplastik absondert.

Die Vorteile eines Kunstrasenplatzes liegen auf der Hand: pflegeleicht, robust, geringeres Verletzungsrisiko sowie ganzjährig bespielbar. Oder, wie es Daniel Holmer von den Grünen im Gemeinderat auf den Punkt brachte: Ohne Plastik "bräuchte man eine ungleich höhere Anzahl an Plätzen". Doch dafür fehlen, da war man sich einig, in der Gemeinde sowohl Platz als auch Ehrenamtliche.

Die Nachteile der Kunstrasenplätze dringen erst allmählich ins Bewusstsein. So sollen laut einer Erhebung des Fraunhofer-Instituts allein in Deutschland Jahr für Jahr 11 000 Tonnen Mikroplastik über Kunstrasenplätze in die Umwelt abgegeben werden - sieben Mal mehr als durch Kosmetika. Für Gröbenzell mit zwei solchen Plätzen sind das 30 Tonnen der winzigen Partikel, die über Gewässer in die Nahrungskette gelangen. Das Mikroplastik stammt nicht von den grünen, den Grashalmen nachempfundenen Plastikstängeln, sondern von dem Granulat, das als Füll- und Dämmstoff auf den mehrschichtigen Bodenbelag aufgetragen und jährlich erneuert werden muss.

Da den Gröbenzeller Gemeinderäten die Problematik bewusst ist, haben sie den weltweit tätigen Kunstrasenhersteller Polytan aus Burgheim (Kreis Neuburg-Schrobenhausen) nach Alternativen zum bisherigen Plastikgranulat gefragt. Die Lösung soll nun das Hybridgranulat "FusionGT" sein, ein von Polytan entwickeltes Füllmaterial, das zur Hälfte aus Hanf besteht und zu weiteren 35 Prozent aus sogenanntem EPDM- oder Kunststoff-Kautschuk. Die Weiterverwertung des Kautschuks ist derzeit jedoch auch nicht gerade nachhaltig: Laut Klaus Drescher von der Polytan GmbH wird er verbrannt. Drescher ist nach Gröbenzell gekommen, um das selbst entwickelte Hybridmaterial im Besonderen sowie die Sanierung im Allgemeinen zu erläutern. "Nur die oberste Schicht wird erneuert", verweist er auf die rasenartigen Teppichteile, die über den ganzen Fußballplatz ausgelegt und schließlich mit einem Granulat aufgefüllt werden. Letzteres ist bislang aus Plastik, recycelt oder ganz neu, ersteres wahlweise mit einer Ummantelung, die die Beständigkeit gegen Sonnenlicht erhöht. Kunststoff beinhalten alle Füllstoffe, selbst das Hybridgranulat aus Hanf. Die einzige plastikfreie Alternative ist Kork. Doch damit gibt es andere Probleme: "Kork ist knapp", sagt Klaus Coy (FDP). Zudem kann er schimmeln.

Drescher zufolge arbeitet man beim Kunstrasenplatz an mehr Umweltverträglichkeit. Die benötigten Granulatmengen, die regelmäßig auf den Plätzen ausgebracht werden müssen, sollen mindestens um die Hälfte reduziert werden. Überhaupt bezweifelt der Mitarbeiter eines Kunstrasenplatz-Herstellers, dass die derzeit kursierenden Zahlen für Deutschland zutreffen. "Die Fraunhofer-Studie geht von internationalen Standards aus", obwohl die Bauweise von Kunstrasenplätzen mit mehreren Schichten, wie in Deutschland üblich, deutlich weniger Füllmaterial erfordere als anderswo. Und mit den langen Plastikgrashalmen, wie solle denn da das Granulat in die Umwelt gelangen?, fragte er plakativ.

"Ich habe es mit eigenen Augen gesehen", beschrieb Monika Baumann (Grüne) "schwarze Kügelchen" nahe des Spielfeldes. Und die seien "schon schädlich, die Fasern gehen in die Lunge", erläuterte die Medizinerin CSU-Rat Kurt Köppl. Der wollte geschredderte Autoreifen, da die so sinnvoll verwertet werden könnten. Am Ende stimmten alle für das Hybridgranulat, vielleicht auch weil Polytan die Garantie auf zehn Jahre verdoppelt hat.

© SZ vom 13.04.2019
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